Kinderschänder auch in städtischen Heimen

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Das Münchner Kindl hat den Mädchen und Buben in städtischen Heimen lange Jahre seine schützende Hand verweigert

München - Überall in der Bundesrepublik haben Heimkinder in den ersten Nachkriegsjahrzehnten erschütternde Schicksale erlitten. Auch in München kam es laut eines vorläufigen Berichts zu Missbrauchsfällen.

Auch „Zöglinge“ in den Einrichtungen des Münchner Jugendamts waren in den 1950er, 60er und 70er Jahren nicht vor Misshandlungen und sexuellem Missbrauch sicher, das beweist ein vorläufiger Bericht über die Zustände im Münchner Kindl-Heim, im Waisenhaus und im Marie-Mattfeld-Haus Oberammergau (früher Hänsel-und-Gretel-Heim).

Schon bevor der Runde Tisch in Berlin 2010 seinen Bericht über die damaligen Zustände in den Einrichtungen der deutschen Jugendwohlfahrt vorlegte, begann in München die systematische Aufarbeitung dieses dunklen Kapitels der Stadtgeschichte. 2009 hatten sich ehemalige Heimkinder ans Rathaus gewandt und Missstände in diesen Häusern angeprangert. Sie erinnerten sich an „Orte der Angst“ und des „Ausgeliefertseins“. Das Sozialreferat begann mit Nachforschungen, ein beschämendes Bild zeichnete sich ab. Die Stadt will sich nun ihrer Verantwortung stellen, und in der Sitzung des Kinder- und Jugendhilfeausschusses am Donnerstag nicht nur eine Entschuldigungs-Resolution verabschieden. Die Menschenrechtsverletzungen, die Strukturen und Praktiken der Betreuung in städtischen Heimen sollen in einem 60 000-Euro-Projekt lückenlos aufgedeckt werden. Den Betroffenen wird Beratung und Hilfe zugesichert.

Bisher wurden die Archivbestände der drei Heime sichergestellt und gesichtet, Einzelfallakten stichprobenartig geprüft und ein Teil der damaligen Heimkinder angeschrieben. In dem fraglichen Vierteljahrhundert waren 3169 Mädchen und Buben in der Obhut der städtischen Häuser. Der Verbleib von 33 Prozent konnte ermittelt werden, 29,8 Prozent (947 Personen) wurden von Jugendamtsleiterin Maria Kurz-Adam angeschrieben. 69 davon haben sich bisher gemeldet – mit zum Teil leidvollen Geschichten.

20 dieser Frauen und Männer erzählen von körperlicher Züchtigung, „zum Teil mit Gegenständen“. Sie erinnern sich an schmerzliche Demütigungen vor der Gruppe, an entwürdigenden Essenszwang. Schließlich werden auch Erfahrungen von sexuellem Missbrauch geschildert – „durch Angestellte oder Dritte“. Die Beschreibungen seien ausführlich und detailreich, so Kurz-Adam, „und daher äußerst glaubhaft“. Ihr Schluss: „Diese Misshandlungen und Missbrauchsfälle sind in ihrer Schwere vergleichbar mit den bekannt gewordenen Fällen.“

Für Sozialreferentin Brigitte Meier ist die bisherige Zahl „die Spitze eines Eisbergs“. Die letzten 300 Schreiben seien erst Ende April versandt worden, und ehemalige Heimkinder stünden unter einem großen psychischen Druck. „Aus Angst, wieder stigmatisiert zu werden“ hätten viele über diesen Abschnitt ihres Lebens kaum jemanden ins Vertrauen gezogen. Die Betroffenen seien nicht nur körperlich misshandelt, sondern auch mit Diagnosen wie „schwer erziehbar“ „aggressiv“ oder „schwachsinnig“ gedemütigt worden.

Barbara Wimmer

tz-Stichwort: Runder Tisch

Der Runde Tisch Heimerziehung in den 50er und 60er Jahren (Vorsitz Bundestagspräsidentin a. D. Antje Vollmer) legte nach zwei Jahren Arbeit im Dezember 2010 seinen Abschlussbericht vor: Viele der 350 000 Kinder und Jugendliche in der Fürsorgeerziehung und weitere 500 000 in Kinder- und Jugendheimen wurden gedemütigt, geschlagen, sexuell und als Testpersonen für Medikamente missbraucht und zur Arbeit gezwungen – die Betroffenen leiden ihr ganzes Leben. Verantwortlich: Eltern, Vormünder, Pfleger, Behörden, Heimträger und „die schweigende Öffentlichkeit“. Über die Höhe eines Entschädigungsfonds ist noch nicht entschieden.

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