24-Jähriger vor Gericht

Mutter erzählt schockierende Internet-Geschichte: „Wenn ich diesen Mann sehe, wird mir schlecht“

Noah B. (24) auf der Anklagebank: Der Aushilfskoch hat fünf Fälle des Kindesmissbrauchs gestanden. Über soziale Netzwerke hatte er sich die Handynummern der Grundschüler besorgt
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Noah B. (24) auf der Anklagebank: Der Aushilfskoch hat fünf Fälle des Kindesmissbrauchs gestanden. Über soziale Netzwerke hatte er sich die Handynummern der Grundschüler besorgt.

Er gab sich Grundschülern als gleichaltriges Kind aus – und forderte von ihnen Nacktfotos. Wegen sexuellen Missbrauchs mit dem Handy steht Hilfskoch Noah B. in München vor Gericht.

München - Monique H. (43) rutscht auf ihrem Stuhl hin und her, sie krallt die Nägel in die Finger, dann bricht es aus ihr heraus: „Wenn ich diesen Mann sehe, wird mir schlecht.“ Ihre Worte gelten Noah B. (24), der ihre Tochter sexuell missbraucht hat. Johanna (Name geändert) war zehn Jahre alt, das jüngste Opfer erst sieben.

Insgesamt fünf Fälle des Kindesmissbrauchs hat die Staatsanwaltschaft angeklagt, seit Dienstag muss sich der Hilfskoch verantworten. Er hat die Taten gestanden. Seine Opfer gingen noch in die Grundschule, über das Internet hatte er sich Kontakt zu ihnen verschafft und sie gezielt zu sexuellen Aufnahmen überredet.

München: Anklage wegen Kindesmissbrauch - Mutter entdeckte schockierende Fotos

„Ich hoffe, er wird jetzt weggesperrt“, schimpft Monique H. Sie erlebte den Albtraum aller Eltern. Er begann im August 2018. „Wir waren in Holland im Urlaub. Abends gab mir meine Tochter ihr Handy zum Laden und sagte noch: ‚Bitte schau nicht in mein Whatsapp.‘ Genau das habe ich dann natürlich getan.“ Was die Mutter vorfand, schockierte sie bis ins Mark. „Dieser Mann hat meiner Tochter Fotos auf ihr Handy geschickt, wo man seinen Bauch und ihn in Boxershorts sieht.“

Noch schlimmer aber: Noah B. hatte die damals zehnjährige Grundschülerin aufgefordert, auch ihm Fotos zu schicken. Mit Erfolg: Das Mädchen fotografierte sich selbst mit ihrem Handy. „Oben ohne mit Hand vor ihrer Brust“, sagt die entsetzte Mutter. Sie zeigte den Fall sofort bei der Polizei* an, die Noah B. festnahm.

Derweil gibt es im Hinblick auf Kinderschutz durch Gefahren aus dem Internet offenkundig noch viel Luft nach oben. Kürzlich verabschiedete das Europäische Parlament neue Regeln:

Anklage wegen Kindesmissbrauch in München: Kontaktaufnahme per Tiktok

Doch wie kam er überhaupt an die Handynummer der Kinder? „Über soziale Netzwerke“, erklärt die Mutter. Weil ihr abends langweilig war, hatte die kleine Johanna die Smartphone-App des Anbieters TikTok* genutzt, die auch eine Live-Chat-Funktion hat. „Hallo, du bist sehr hübsch. Ich bin Noah, elf Jahre alt und wohne in deiner Nähe“, schrieb ihr der Täter laut Polizei. Vor Gericht wurden am Dienstag alle Chat-Protokolle vorgelesen. Die Erkenntnis: Der 24-Jährige nutzte die Unerfahrenheit der Kinder aus und erschlich sich mit Komplimenten ihr Vertrauen. Per Handy begann er Chatgespräche, die schnell anzüglich wurden. „Was würdest du machen, wenn ich nackt neben dir liege?“, lautete eine Frage. „Nichts“, hatte Johanna geantwortet. Aber Noah B. ließ nicht locker – bis die Eltern der Grundschülerin den Chat im Handy sahen.

„Meine Tochter ist seit drei Jahren in psychologischer Behandlung, sie hatte lange Albträume und starke Ängste“, sagt ihre Mutter. Ein Handy habe die Tochter für den Schulweg gebraucht. „Ich habe ihr oft gesagt, dass sie nur mit Bekannten schreiben soll. Aber es ist leider nur schwer zu kontrollieren.“ Beschämt hörte Noah B. die Aussage der Mutter. Als Wiederholungstäter drohen ihm bis zu zehn Jahre Haft. Wegen einer psychischen Störung könnte er als schuldunfähig gelten und würde in eine Klinik eingewiesen werden. Das Münchner Landgericht will am Donnerstag sein Urteil fällen.

Kindesmissbrauch: Die perfiden Tricks der Täter - Und Tipps für Betroffene

Sich selbst mit dem Handy fotografieren und diese Selfies an Freunde verschicken: Das ist bei Erwachsenen wie bei Kindern seit Jahren im Trend. Sextäter nutzen das aus, um Kinder zu missbrauchen. Am Beispiel der zehnjährigen Johanna wurde das am Landgericht deutlich: Ihr schickte der Täter erst Fotos von sich, um sie dann in die Pflicht zu nehmen „Jetzt bist du dran“, forderte Noah B. sie auf. Und drängte dann immer wieder darauf, bis das Mädchen nachgab. Laut Anklage wollte er, dass sie auch ihren Unterleib fotografiert. Das lehnte die Grundschülerin zum Glück aber ab. Im Gegensatz zu anderen Opfern.

In früheren Fällen war der vorbestrafte Sextäter noch perfider vorgegangen. Einem Jugendlichen gegenüber gab er sich als Mädchen aus und überredete ihn, sich vor der Kamera selbst zu befriedigen. Später erpresste er den Buben zu noch mehr sexuellen Handlungen – und drohte jeweils, das erste Video ins Internet zu stellen. In anderen Fällen drohen die Täter auch, den Eltern der Kinder Bescheid zu sagen – was diese als beängstigend empfinden. Die Polizei rät Kindern und Jugendlichen, die in solche Chat-Situationen geraten, sich an eine Person des Vertrauens zu wenden: Eltern, Lehrer oder telefonisch an die Nummer gegen Kummer (0800/11 10 33 3). Bei der Polizei gibt es auch speziell geschulte Jugendbeamte, die helfen.

Derweil ist ein Fünfjähriger infolge eines tragischen Badeunfalls in München ums Leben gekommen. *tz.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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