Neueste Zahlen: Immer mehr Münchner Jugendliche trinken, bis der Arzt kommt

Kino-Schocker gegen das Komasaufen

komasaufen
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In und um München trinken immer mehr Jugendliche viel zu viel Alkohol.

München - Im Hintergrund plaudert eine gut gelaunte Stimme: „Ich mach’ mir keine Sorgen um Meike. Wie sagt man so schön: ‚Babys und Besoffene haben einen Schutzengel‘.“

Nächste Einstellung: Reifen quietschen. Die volltrunkene Meike schwankt, stolpert – und knallt auf die Kühlerhaube eines Autos.

Hier sehen Sie den Kinospot

Diesen Spot sehen seit Donnerstag Münchner und Starnberger im Kino-Vorprogramm. Die Initiatoren des Suchthilfevereins Condrobs sehen sich dazu gezwungen – denn die Zahl der saufenden Jugendlichen steigt und steigt. „2008 sind im Monat etwa zwanzig Elf- bis 17-Jährige wegen Alkoholexzessen im Krankenhaus gelandet, heuer sind es rund 25“, sagt der Bereichsgeschäftsführer der Jugendeinrichtungen, Frederik Kronthaler.

Die neuesten Zahlen: Im gesamten vergangenen Jahr zählte Condrobs 245 Jugendliche, heuer waren es bis September schon 228 Einsätze. Trotz dieser Zahlen geben die Pädagogen und ihre Partner von „Münchner Ärzte gegen Jugendalkoholismus“ die Hoffnung nicht auf. „Aufklärung hilft. Unsere Gespräche in den Notaufnahmen haben Erfolg: Über 20 Prozent sind danach bereit, sich mit ihrem Alkoholkonsum auseinanderzusetzen.“

Weil Vorsorge noch besser ist, läuft nun ihr 56-sekündiger Film vier Wochen lang im Mathäser und Starnberger Kino Breitwand. Plakate unterstützen die Aktion. Die Botschaft: Jugendliche unterschätzen Alkohol. Denn wer richtig blau ist, kapiert so wenig, dass er im schlimmsten Fall in ein Auto läuft. „Ein kotzender Jugendlicher oder einer, der sich blau einen Flirt verbaut, zieht nicht. Wir müssen abschrecken“, so Kronthaler.

Bei Condrobs sei man nicht ganz sicher, ob Abschreckung das perfekte Mittel sei. „Aber einen Versuch ist es wert.“ In jedem Fall gelungen: Der Film, den die Firma shot one kostenlos produziert hat, kommt nicht mit dem Zeigefinger daher. Die letzten Worte sind: „Wir helfen. Condrobs.“ „Darauf kommt es an“, sagt Kronthaler. „Die Jugendlichen sind nicht böse. Die meisten trinken, weil sie mit dem Druck in Job oder Schule überfordert sind und die Eltern immer weniger Zeit haben. Wir nehmen die Verzweiflungsschreie ernst.“

Nina Bautz

Andere Länder setzen auf den Ekel-Effekt

Kein Tod, kein Blut, kein Erbrochenes – das Präventionsvideo von Condrobs, ist vergleichsweise harmlos. Sicherlich: Eine Aktion wie die „Aids ist ein Massenmörder“-Kampagne, die Hitler und Stalin beim Sex zeigt, muss nicht sein. Aber ob etwa die Bundesgesundheitszentrale mit dieser Kampagne Erfolg hat? Darin zeigt sie feiernde Jugendliche, bei einem steht etwa darüber: „Er feiert ohne Ende und wacht in seiner Kotze auf.“

In anderen Ländern ist man bei Schockwerbung nicht so vorsichtig. Die Engländer zeigen in Filmen Jugendliche, die in ihrem Erbrochenen liegen. Der Musiksender MTV setzt auf den Ekel-Effekt, unter anderem mit einem betrunkenen Halbstarken, der sich offensichtlich in die Hose gebieselt hat. In Belgien prangen seit Jahren auf Zigarettenschachteln Fotos verfaulter Zahnruinen, riesiger Krebsgeschwüre oder Raucherlungen. Die britische Polizei will Jugendliche mit Realitätsnähe zu mehr Vorsicht im Straßenverkehr bewegen: Bei einem Unfall kracht ein Mädchen mit dem Kopf durch die Scheibe, Blut spritzt, Teenager kreischen und weinen – viereinhalb Minuten lang.

„In Deutschland ist die ethische Grenze niedriger“, erklärt Medienwissenschaftler Jo Groebel. Das sei auch gut so. Denn: „Schockwerbung bringt fast nichts. Die Werbemacher bekommen Aufmerksamkeit und meist viel Geld von den Auftraggebern wegen ihres gar so tollen Einfalls. Da kriege ich einen Hals.“ Denn ob ihr Film auch auf der Verhaltensebene etwas bewirkt, interessiere oft nicht.

Warum ist der Effekt von Schockwerbung so gering? Der Experte führt mehrere Theorien auf: Ist das Dargestellte übertrieben, erscheint es dem Zuschauer unrealistisch. „Dann nimmt er es nicht ernst.“ Menschen tendieren prinzipiell dazu, Negatives zu verdrängen und es aus Selbstschutz nicht auf sich zu beziehen. Wird eine gewisse Geschmacksgrenze überschritten, so dass Ekel oder andere unangenehme Gefühle entstehen, reagiert der Zuschauer ablehnend. Ein Beispiel, so Groebel, sei der Umsatzeinbruch bei Benetton nach den umstrittenen Kampagnen mit HIV-Kranken. Die sogenannte psychologische Reaktanz: Demnach werden verbotene Handlungen unterbewusst weiterhin ausgeführt, weil einem gerade die Freiheitsgrade, die einem genommen wurden, noch wichtiger als zuvor erscheinen.

nba

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