Kinseher am Nockherberg - Der Vorgeschmack

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Luise Kinseher in dem Kostüm, das sie von der Neben- in die Hauptrolle auf dem Nockherberg katapultiert hat. Als göttliche Bavaria glänzte sie zusammen mit Helmut Schleich als Franz-Josef-Strauß-Imitator. Nach dem Abgang von Michael Lerchenberg schlüpft die 41-Jährige 2011 jetzt als erste Frau in die Rolle des Fastenpredigers

München - Der Sensations-Plan vom Nockherberg – jetzt wird er Wirklichkeit. Mit Luise Kinseher (41) schlüpft erstmal eine Frau in die Hauptrolle beim berühmtesten Starkbier-Fest der Welt. Das tz-Interview.

Heute Mittag präsentiert die Paulaner-Brauerei offiziell ihren neuen Star für das Spektakel im März 2011. Hinter den Kulissen liefen seit Monaten die Vorbereitungen für diese Traditions-Revolution. Die tz hatte den Plan bereits im August publik gemacht – und der tz gab Kinseher gestern auch das erste Interview zur neuen Rolle.

Stefan Dorner

Herzlichen Glückwunsch, Sie sind die erste Frau auf dem Nockherberg! Wie groß sind die Derbleck-Erfahrungen von Luise Kinseher?

Kinseher: Lustigerweise gibt es die tatsächlich! Mein allererster Bühnenauftritt war in Straubing. Ich habe da die Rathaus-Putzfrau gespielt und die vor mir sitzenden Lokalpolitiker aufs Korn genommen. Das war im Prinzip ein klassisches Derblecken und mein Einstieg ins Kabarett und Bühnenleben. Jetzt mach’ ich das halt auf dem Nockherberg.

In welcher Rolle werden wir Sie auf Deutschlands wichtigstem Starkbier-Fest erleben: Als Ordensträger in der Kanzel wie Lerchenberg und Jonas, als weiblichen Bierkutscher wie Walter Sedlmayr oder kommt die Kinseher wie heuer beim Singspiel wieder als Bavaria?

Kinseher: Das machen wir noch etwas spannend. Auf jeden Fall werde ich als Frau auftreten. Es wurde ja auch schon gemutmaßt, dass ich in eine Hosenrolle schlüpfe.

Ist der Nockherberg die Krönung Ihrer bisherigen Künstler-Laufbahn?

Kinseher: Es ist mit Sicherheit etwas Besonderes. Den Nockherberg kann man sehr schwer mit etwas anderem vergleichen.

Zum Beispiel mit dem klassischen Kabarett?

Kinseher: Der große Unterschied beim Nockherberg ist, dass das Ganze auch dadurch funktioniert, weil das Objekt des Angriffs direkt vor einem sitzt.

Ist dieses Szenario eher Hemmschuh oder zusätzliche Motivation?

Kinseher: Zu jemanden etwas zu sagen ist etwas ganz anderes als über jemanden.Wenn der vor mir sitzt, über den ich rede, dann ist das derblecken, spötteln, einen aufziehen. Das ist ja viel emotionaler. Ich freu’ mich jetzt schon darauf.

Viele erwarten vom Nockherberg jedoch eine politische Generalabrechnung!

Kinseher: Das ist zum Teil berechtigt, auf der anderen Seite aber auch zu weit gegriffen. Eine ernste Auseinandersetzung mit kritischer Analyse muss auf jeden Fall stattfinden. Doch oberstes Ziel muss sein, dass es humorvoll und lustig ist. Der Spaß muss wieder im Vordergrund stehen. Auch wenn einem das Lachen durchaus auch einmal im Hals stecken bleiben darf.

Das Derblecken im bayerischen Sinne also!

Kinseher: Ja, du musst jemanden rauf schießen, aber danach noch ein Bier miteinander trinken können.

Auf welchen Politiker freuen Sie sich besonders?

Kinseher: Unseren Ministerpräsidenten finde ich ja schon fast süß ...

Warum?

Kinseher: Weil er immer so schöne polemische Sätze von sich gibt und gerne gleich wieder das Gegenteil sagt. Dann denk’ ich mir immer: ‚Mei Horsti! Wie hältst du das nur selber aus?‘ Vielleicht sollte er mal Yoga machen, damit er seine Mitte findet. Der Arme.

Horst Seehofer muss sich also warm anziehen?

Kinseher: Beim Derblecken ist ja immer die Frage, was mehr weh tut: der frontale Angriff oder Mitleid? Mitleid ist schlimmer, aber auch lustiger ...

Die Höchststrafe auf dem Nockherberg ist es aber immer noch, wenn einer gar nicht erwähnt wird. Wird die Kinseher auch mit dieser Waffe spielen?

Kinseher: Freilich, logisch!

Wer sind die Kandidaten für die Verdammnis?

Kinseher: Ich glaube, wenn man den Markus Söder ausschließen würde, dann wäre das ganz schlecht.

Für Ihre Pointen oder ihn?

Kinseher: Eher für ihn. Ich glaube schon, dass es ihm weh tun würde, wenn man ihn nicht erwähnt.

Apropos: Was machen Sie eigentlich mit Guido Westerwelle? Der hat nach der harschen Lerchenberg-Schelte für ihn einen Nockherberg-Boykott angekündigt!

Kinseher: Naja, wenn er jetzt doch kommen sollte, werde ich mir trotzdem sehr gut überlegen, ob ich ihn erwähne. Vielleicht ist der ja bei uns in Bayern gar nicht nennenswert!

Nockherberg-Kritiker sagen, dass das Brauerei- und Fernseh-Spektakel zusammen mit der Einflussnahme der immer empfindlicheren Politiker zulasten der künstlerischen Freiheit geht!

Kinseher: Ganz ehrlich, für mich gilt nur eines: Mir selber treu bleiben und mich nicht verbiegen. Wenn das dann dazu führt, dass man es im nächsten Jahr nicht mehr macht: Dann halt nicht! Dann soll es halt wieder jemand anderer probieren. Wichtig ist, dass man dazu stehen kann, was man gesagt hat.

Ist ein Scheitern auf dem Nockherberg also nicht schlimm für die weitere Karriere?

Kinseher: Ich glaube nicht, dass das dem Kabarettisten so viel schadet. Ich glaube, dass eher die Institution Nockherberg leidet und die Politiker noch mehr.

Gibt es eigentlich Co-Autoren für die Rede?

Kinseher: Ich habe vor allem gute Informanten. Aber einen richtigen Co-Autoren gibt es nicht. Doch ich mache das natürlich nicht alleine und lasse mich beraten. Gerade weil es ja eine Tatsache ist, dass ich keine politische Kabarettistin bin. Da greife ich auf Leute zurück, die sich sehr gut auskennen.

Wie groß ist die Angst vor einer Zensur der Nockherberg-Bosse vor dem Auftritt?

Kinseher: Ich kann nur aus meiner Erfahrung sprechen: Die Bedingung von Helmut Schleich und mir für die Singspiel-Rollen waren, dass wir die Texte selbst schreiben konnten. Ich habe größte Ängste gehabt und mir gedacht: ‚O Gott, die werden an allem etwas zu mäkeln haben!’ Dabei ist es für mich ein Grauen, wenn man mir dreinreden will.

Und wie war dann das auf dem Nockherberg?

Kinseher: Da gab es überhaupt keine Probleme. Ich glaube, dass ich humortechnisch auf einer Linie mit der Brauerei liege.

Schleich als Strauß und Kinseher als Bavaria waren die Stars auf dem Nockherberg 2010. Für Sie war es ein Katapult in die Hauptrolle!

Kinseher: Das war für mich eine super Plattform zum Üben für das, was jetzt kommt. Und ich glaube auch nicht, dass es eine Fastenpredigerin Kinseher gäbe, wenn ich nicht heuer schon da gewesen wäre.

Weil Sie es sich nicht zugetraut hätten?

Kinseher: Nein, weil ich wahrscheinlich gar nicht gefragt worden wäre.

In den vergangenen Jahren gab es viele Wechsel bei Deutschlands wichtigster Starkbier-Rolle. Beginnt mit Luise Kinseher jetzt endlich wieder mal eine Ära?

Kinseher: Jetzt schau ma mal, wie das läuft. Ich lege es nicht drauf an, das nur einmal zu machen. Aber ich kann es auch nicht ändern, wenn es so ist. Umgekehrt gilt: Wenn mir da was nicht passt, dann mach’ ich das auch nur einmal. Darauf können Sie Gift nehmen.

Die Münchner Au: Ein Dorf mitten in der Stadt!

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"Vielleicht ist er ja in Bayern gar nicht nennenswert!" Kinseher über Aussenminister und Nockherberg-Boykotteur Guido Westerwelle

"Mei Horsti! Wie hältst du das nur selber aus?" Kinseher über die häufigen Meinungsänderungen von Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer

"Ich glaube schon, dass es ihm weh tut, wenn man ihn nicht erwähnt!" Kinseher über Umweltminister Markus Söder und die Nockherberg-Höchststrafe

"Unsere Bedingungen waren, dass wir die Texte selbst schrei­ben können." Kinseher über die Rollen von ihr als Bavaria und Helmut Schleich als Strauss

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