Report zum Betreuungsnotstand

Kita-Chaos: Eine Mutter berichtet über die Suche nach einem Platz

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Verzweifelte Suche nach einem Kita-Platz: Rita Braun (mit Tochter Theresa) hat einen Brief an Bürgermeister Dieter Reiter geschrieben.

Die Suche nach einem Kita-Platz kostet viele Eltern richtig Nerven. Hier spricht eine Mutter über den beschwerlichen Weg, die eigene Tochter in Betreuung zu geben.

München - Wo bringe ich mein Kind unter, wenn ich in die Arbeit muss? Wer kümmert sich um unsere Kleinen? Immer mehr Münchner stellen sich genau diese Frage, denn Krippen-, Kita oder Hortplätze sind weiterhin rar in unserer Weltstadt mit Herz. Jetzt hat eine verzweifelte Mutter einen bewegenden Brief an Oberbürgermeister Dieter Reiter geschrieben. Lesen Sie alles über den traurigen Notstand in München:

Ende Juni. Noch immer kein Bescheid. Nichts. Rita Braun und ihr Mann haben keine Ahnung, wie es im September weitergeht, wenn ihre Tochter Theresa (6) in die Grundschule an der Bazeillesstraße in Haidhausen kommt. Einen Hortplatz oder eine andere Nachmittagsbetreuung haben sie - wie zahlreiche andere Münchner Eltern - bislang nicht bekommen. „Und das, obwohl ich Theresa für alle infrage kommenden Einrichtungen in der Umgebung angemeldet habe“, sagt die 42-Jährige, die drei Tage in der Woche ganztags als Bibliothekarin arbeitet, während ihr Mann Vollzeit tätig ist.

Die Unruhe wird unerträglich. Inzwischen freue sich Theresa schon gar nicht mehr auf die Schule, sagt Braun. „Sie ist verunsichert, will einfach nachmittags da hingehen, wo ihre Freundinnen sind.“ Braun greift schließlich zu einem letzten Mittel. Sie schreibt einen Brief an Dieter Reiter, der als Oberbürgermeister nicht nur für die Kinderbetreuung in der Millionenstadt zuständig, sondern zudem auch noch Brauns oberster Dienstherr ist. Sie arbeitet bei der Stadtbibliothek. „Ich bitte Sie nachdrücklich um Antwort, im Interesse aller Eltern, die ähnlich verzweifelt sind wie wir“, schreibt Rita Braun.

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Nur 75 Prozent der Grundschüler haben einen Platz

So wie Braun geht es derzeit Hunderten berufstätigen Münchnern. Denn: An vielen der 134 Grundschulen reichen die Plätze in der Nachmittagsbetreuung nicht aus. Obwohl die Stadt laufend ausbaut, haben derzeit nur 75 Prozent der Grundschüler einen Platz. Der Bedarf liegt aber bei 86 Prozent. Stadt und Freistaat seien in Gesprächen, damit sich „die Betreuungssituation für Grundschulkinder in München möglichst rasch verbessert“, sagt Ulrich Lobinger, Sprecher des Bildungsreferats. Die Stadt verschicke laufend Zusagen, auch im August würden noch Plätze vergeben.

„Was soll ich denn meiner Chefin sagen? Sie muss doch planen können“, sagt Braun. Eine Tagesmutter oder Nanny zu engagieren, sei auch keine Lösung, denn erstens sei das teuer und zweitens wolle Theresa das nicht. Für die 110 Erstklässler, die im September in die Grundschule an der Bazeillesstraße kommen, gibt es heuer im angeschlossenen Tagesheim nur 25 Plätze. Braun hat als Stadtangestellte sogar einen zusätzlichen Joker im Ärmel: den sogenannten Kontingentschein, mit dem städtische Mitarbeiter sich für einen begrenzten Pool an Betreuungsplätzen bewerben können. Doch auch der half nichts. Der Platz wurde verlost. Braun ging leer aus.

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Im „Haus der Kinder“ fehlt es an Personal

Im Casa Don Bosco „Haus für Kinder“, einer kirchlichen Einrichtung mit 75 Kinderhort-Plätzen, bei der Braun ihre Tochter ebenfalls angemeldet hat, gibt es ein anderes Problem. „Die Leiterin dort sagte mir, dass noch nicht sicher sei, ob alle drei Gruppen belegt werden können. Es fehlt Personal.“ Dabei ist die Situation in Haidhausen nach Angaben des Bildungsreferates - im Vergleich etwa zu Laim und Sendling-Westpark - relativ gut. Im 5. Stadtbezirk, Au-Haidhausen, können aktuell 81 Prozent der Schulkinder mit Plätzen in Ganztagesschulen, Horten, Tagesheimen, Mittagsbetreuungen und Eltern-Kind-Initiativen versorgt werden. Im Sprengel der Grundschule Bazeillesstraße sind es 80 Prozent der Kinder, für die eine Nachmittagsbetreuung zur Verfügung steht.

„Was würden Sie an meiner Stelle unternehmen?“, fragt Braun den OB. Auch bei der Elternberatungsstelle konnte man ihr nicht helfen. „Man hat uns einen Platz in Giesing angeboten“, berichtet die 42-Jährige. Sie und ihr Mann könnten Theresa aber nicht jahrelang nach Giesing fahren.

Die 42-Jährige ist sauer auf die Politik - vor allem auf die der Sozialdemokraten in der Stadt. Dass der Stadtrat aktuell über kostenlose Kinderbetreuung diskutiere, sei Hohn. Erst einmal müsse doch gewährleistet sein, dass es überhaupt genügend Plätze gibt.

* Für viele Eltern kommt es nicht infrage, ihre Kinder im ersten Lebensjahr in Betreuung zu geben. Daher wird der Versorgungsgrad hier extra berechnet.

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Info: So läuft die Anmeldung

Wer zum Start eines Krippen-, Kindergarten- oder Schuljahres einen Platz benötigt, darf den Stichtag Anfang April desselben Jahres nicht versäumen. Alle bis dahin eingegangenen Anmeldungen werden gleich behandelt. 1386 Münchner Kindertageseinrichtungen – Krippen, Kindergärten, Horte, Häuser für Kinder und Tagesheime sowie Angebote von Tagesmüttern und der Großtagespflege - sind inzwischen beim Online-System des Kita-Finder+ (www.muenchen.de/kita) registriert.

Bei rund 900 von ihnen können sich Eltern online anmelden. Eine Anmeldung vor Ort in der Einrichtung ist bei allen auch weiter möglich, das Bildungsreferat empfiehlt sogar, mit den infrage kommenden Kitas persönlich in Kontakt zu treten, um die Räume, das Personal und das pädagogische Konzept kennenzulernen. Auch einige Mittagsbetreuungen für Grundschüler nehmen bereits Anmeldungen über den Kita-Finder+ entgegen.

Bei etwa 20 Prozent der Kitas muss man persönlich vorsprechen, wenn man sich um einen Platz bewerben will.

Der persönliche Besuch einer Einrichtung hat laut Bildungsreferat „keinerlei Auswirkungen auf die Belegung freier Plätze“. Laut städtischer Kita-Satzung erhalten einen Betreuungsplatz bevorzugt Eltern, die Vollzeit arbeiten. Alleinerziehende werden genauso behandelt. Bei gleicher Dringlichkeit werden Geschwisterkinder bevorzugt.

Nachweis über Berufstätigkeit nötig

Um zu verhindern, dass Eltern bei den Arbeitszeit-Angaben betrügen, müssen Kitas seit kurzem Nachweise über die Berufstätigkeit verlangen. Laut Bildungsreferat verschicken sie diese Aufforderung erst mit der Platzzusage. Den Nachweis schon bei der Anmeldung vorzulegen, sei zu aufwendig. Eltern bemängeln auch, dass bei Selbständigen kaum überprüft werden könne, ob die Angaben stimmen.

Ab dem Stichtag im April werden Plätze vergeben – die Vergabe erfolgt kontinuierlich bis in den August hinein. Die Zusagen kommen per Post und als Nachricht im Elternpostfach des Kita-Finders. Wer eine Zusage bekommt, hat inzwischen nicht mehr 17, sondern nur 10 Tage Zeit, sie anzunehmen. So sollen weitere Zusagen für andere Eltern schneller erfolgen können.

Eltern von Kindern, die bis Ende Juni keine Zusage bekommen haben, bekommen einen Infobrief von der Stadt – mit Hinweisen auf freie Krippen-, Kindergarten- und Hortplätze – und dem Angebot, sich von der Elternberatungsstelle (für Null- bis Sechsjährige unter der Telefonnummer 089/23 39 67 71 und für Grundschüler unter 089/23 39 67 74).

Die Stadt baut kontinuierlich aus

Wissen muss man, dass aktuell 45 Prozent der 0-3-Jährigen mit einem Krippenplatz versorgt werden können. Für 92 Prozent der Kinder von 3 bis 6 Jahren gibt es einen Kindergartenplatz und 75 Prozent können auf eine Nachmittagsbetreuung im Grundschulbereich hoffen. Die Stadt baut kontinuierlich weiter aus. Vor ein paar Jahren hat der Stadtrat Ziele für die Versorgung festgelegt: 60 Prozent aller Kinder bis drei sollen einen Krippenplatz bekommen, 97 Prozent aller Drei- bis Sechsjährigen einen Kindergartenplatz und 80 Prozent aller Grundschulkinder einen Hort- oder anderen Nachmittagsplatz. Bereits jetzt zeigt sich aber bei den Grundschulkindern, dass der Bedarf noch höher ist. Bei der letzten Elternbefragung 2016 gaben 86,4 Prozent der Eltern an, für ihr Kind eine Ganztagesbetreuung zu benötigen.

Lesen Sie hier den Gastbeitrag einer Münchner Mutter: Darum ist München eine super Stadt, um Kinder großzuziehen

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