14 Tage soll der Ausstand dauern

Kita-Streik: Das sagen die Eltern zum Arbeitskampf

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Elternbeirat Michael Kaaz (rechts) will die Kinder selbst betreuen.

München - Mehr Anerkennung, mehr Geld - dafür streiken ab Montag Bayerns Erzieher. In München gibt es einen Notfallplan, allerdings nur für etwa 1000 Betreuungsplätze. Dennoch reagieren die meisten Eltern mit Verständnis.

Mindestens 14 Tage lang will das Kita-Personal seine Arbeit niederlegen. In München startet ab 11 Uhr ein Demonstrationszug vom Hacker-Pschorr-Bräuhaus an der Theresienhöhe, vorbei am kommunalen Arbeitgeberverband und dem städtischen Bildungsreferat bis hin zum Stachus, wo um 12 Uhr eine große Kundgebung stattfindet. Nach fünf Runden waren die Tarifverhandlungen für die bundesweit 240.000 Erzieher und Sozialarbeiter gescheitert.

Verdi verlangt etwa für Erzieher eine Höherstufung eines Monatsgehalts von 3289 Euro auf 3974 Euro. So viel verdienen bislang die Leiter von Kitas mit mindestens 40 Plätzen. Der Verband Kommunaler Arbeitgeberverbände hält dagegen: Allein diese Forderung bringt Mehrkosten von rund einer halben Milliarde Euro! Während des Streiks gibt es zwar einen Notfallplan - da stehen aber nur 1000 Betreuungsplätze für Münchner Kindergartenkinder zur Verfügung.

Doch auch wenn viele Eltern weiter nach einer alternativen Betreuungsmöglichkeit suchen - die meisten erklären sich solidarisch mit den Erziehern: "Unsere Kinder sind mehr wert!", sind sich die Betroffenen einig. Die Kitastrophe - die tz sprach mit Familien und einer Erzieherin.

Stadt München lehnt Eltern-Plan ab

Es klingt absurd: In Sendling haben sich die Eltern von mehr als 70 Kindern zusammengetan. Sie könnten eine private Betreuung stemmen. Aber die Stadt sagt nein. Eigentlich ist alles organisiert. Die Grundschule an der Implerstraße würde die Räume stellen, ein Bäcker und ein Italiener liefern das Essen. Die Eltern wechseln sich mit der Aufsicht ab. "Das wäre so naheliegend", sagt Michael Kaaz (51) vom Elternbeirat der Grundschule an der Implerstraße.

Seine sechsjährige Tochter Yara besucht dort den dazugehörigen Hort, der ab Montag wegen des Streiks geschlossen bleibt. Doch Kaaz hat sich zu früh über den ausgeklügelten Plan gefreut. Wenn die Eltern die Räume in der Schule nutzen, muss ein Lehrer die Aufsicht übernehmen. Ansonsten sind die Kinder nicht versichert. Und das, obwohl sie ja sonst auch in dem Gebäude lernen. "Das ist einfach mal wieder nicht lösungsorientiert", sagt Kaaz.

Er selbst würde gerne mit der zuständigen Rechtsabteilung des Referats für Bildung telefonieren. "Aber man stellt mich nicht durch", erzählt der 51-Jährige. Auch dass die Eltern schriftlich auf die schulische Versicherung verzichten würde, hilft ihnen nicht weiter. Deshalb haben sich Kaaz und die anderen Eltern einen Plan B zugelegt: "Zur Not müssen wir auf einen privaten Wohnraum ausweichen. Aber dann können wir maximal zehn Kinder auf einmal betreuen."

Kita-Streik in München frisst Überstunden auf

Yvonne F. mit ihrem Sohn Lukas (4) vor der geschlossenen Kita.

Yvonne F. (35) hat die Nase voll. Das geringe Verdienst der Erzieherinnen hin oder her, ihr reicht es. Nicht der Streik an sich regt die Mutter des vierjährigen Leon auf. Sondern die Art und Weise, wie er organisiert ist. "Es ist unmöglich, wie mit den Eltern umgegangen wird", sagt die Einzelhandelskauffrau, die Vollzeit arbeitet. "Wir haben erst so spät Bescheid bekommen, nach dem Motto ‚friss oder stirb‘."

Yvonnes F.s Sohn besucht den städtischen Kindergarten am Dietzfelbingerplatz in Neuperlach. Nun wissen sich die Mutter und ihr Ehemann Martin F. (38) nicht zu helfen. "Wir sind auf uns alleine gestellt", erzählt F. verzweifelt. Da ist es in ihren Augen blanker Hohn, dass unter 16 Kindergärten 25 Härtefallplätze verlost wurden. Den Jackpot haben die F.s nicht geknackt. "Das war unsere letzte Hoffnung." Jetzt hat sich ihr Mann erst einmal eine Woche frei genommen. "Wir sind enttäuscht."

Dass der städtische Kindergarten ihres Sohnes neuerdings wegen Personalmangels früher zumacht, hebt Yvonne F.s Laune auch nicht gerade. Ihr Mann, der im Großhandel arbeitet, musste deshalb von Voll- auf Teilzeit umstellen. "Das schmerzt." Und nun müssen die Eltern ihre Überstunden und den Urlaub für den Streik verbraten. F.: "Wir sind nicht mehr gut zu sprechen auf den Kindergarten."

Kita-Streik: "Die Politiker müssen was tun"

40.000 Euro hat Silvia Noack (39) in ihre Ausbildung als Heilpädagogin investiert. Das Gehalt mit eingerechnet, das ihr während der zweijährigen Ausbildung durch die Lappen ging. Warum? "Weil mir mein Job Spaß macht", sagt Noack. Ob es sich gelohnt hat? Finanziell nicht. Auf die Hand bekommt Noack um die 2000 Euro. Ihr fehlt die Wertschätzung. Deshalb streikt sie.

Silvia Noack geht ab Montag auf die Straße.

Silvia Noack arbeitet 39 Stunden in der Woche in einer KiTa an der Neu-Aubinger Ehrenbürgstraße. 90 Kinder im Alter von drei bis elf Jahren werden dort von 16 Mitarbeiterinnen betreut. Angefangen hat Noack als Pflegerin. Dann machte sie die Ausbildung zur Erzieherin, später zur Heilpädagogin. Sie trägt viel Verantwortung, berät die Erzieherinnen. Sie arbeitet mit Kindern, die speziell gefördert werden müssen und mit deren Eltern. "Aber dann muss ich immer wieder wo anders einspringen, beispielsweise in den Gruppen", sagt sie. Der Grund: Personalmangel. Wäre der Job besser bezahlt, wäre das anders - da ist sich Noack sicher.

Und noch etwas ärgert sie: "Was hat das denn für eine Außenwirkung wenn man die Arbeit am Menschen nicht schätzt?" Immerhin steigen die Ansprüche stetig, sagt Noack. Nicht nur, dass die Kinder immer besser gefördert werden. Auch der Schreibkram wird immer mehr. Das alles führt dazu, das die psychische Belastung immer intensiver wird. "Dagegen müssen die Politiker etwas tun", sagt Noack. Deshalb geht sie am Montag und den Folgetagen auch auf die Straße. "Es ist unsere Pflicht, uns öffentlich zu zeigen", sagt die Erzieherin. "So kann ich auch den Passanten meine Situation erklären."

Alleinerziehende verlangt Gebühren zurück

Bürgermeister Dieter Reiter kann froh sein, dass er Julia Schmitten (37) nie persönlich begegnet ist. Denn die Alleinerziehende hätte ihm die Leviten gelesen. Für sie ist die Stadt an der Betreuungs-Misere in München schuld. Und nicht die Erzieher, die jetzt streiken. Deshalb hat die Mutter des vierjährigen Max einen Brief an Reiter geschrieben. Sie fordert die Stadt auf, endlich etwas zu tun. Und damit meint Schmitten: Geld in die Hand nehmen. "Das ist meine einzige Möglichkeit, die Erzieherinnen zu unterstützen", sagt sie.

Julia Schmitten hat Glück: Ihr Sohn Max kommt vorerst bei der Oma unter.

Immerhin ist sie auf die Frauen im Kindergarten an de Schnorr-von-Carolsfeld-Straße angewiesen. Sie arbeitet vollzeit als Diplom-Kauffrau in einem mittelständischen Unternehmen. "Ich kann nicht jedes Mal, wenn Streik ist, auf die Gutmütigkeit meines Arbeitgebers vertrauen", sagt die Münchnerin. Immerhin sei es schon schwer gewesen, nach der Geburt wieder einen passenden Job zu finden. Vorerst wird ihr Kleiner nun bei Oma und Opa unterkommen. Aber auch die arbeiten normalerweise untertags. Wenn der unbefristete Streik länger dauert, wird Schmitten sich frei nehmen müssen. Besonders ärgert sich die Mutter auch darüber, dass die Eltern trotz des Streiks Gebühren zahlen müssen. Auch die hat sie vom Bürgermeister zurückgefordert. "Das kann nicht sein", sagt sie. "Es ist eine Katastrophe."

Verena Usleber

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