Die tz bei der Gerichtsverhandlung

Der Klassik-Krieg um die Konzertbesucher

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Die Beklagten.

München - Private Klassik-Konzertveranstalter sind sauer auf die städtische Tochterfirma München Ticket. So sauer, dass sie jetzt vor Gericht gezogen sind.

Die Kläger.

Sie werfen München Ticket zwei Punkte vor: Irreführung und Datenmissbrauch. München Ticket soll MünchenMusik Kunden anderer Konzertveranstalter vermittelt haben. Mit dabei: München-Ticket- Geschäftsführer Stephan Rusch und Marketing-Chefin Isabel Pousset (Foto oben) und die drei Kläger von Bell’Arte, Tonicale und EuropaClassic (rechts). Die tz wohnte dem Prozess bei. Was herauskam:

Die Vorwürfe sind schwerwiegend und für etliche Konzertveranstalter, die nicht so riesig sind wie MünchenMusik, ihren Worten nach existenzbedrohend – dementsprechend hitzig ging es am Donnerstag im Saal 601 des Landgerichts I zu. Die Privaten rund um Nicolaus Schreyer (Bell’Arte), Helmut Pauli (Tonicale) und Christian Holler (EuropaClassic) werfen München Ticket mehrere wettbewerbsrechtliche Verstöße vor: Erstens hat der Karten-Servicedienstleister, 100-prozentige Tochter der Stadt, zusammen mit MünchenMusik einen Brief an 100 000 Haushalte verschickt, der laut Klägeranwalt Josef Nachmann den Eindruck erwecke, als sei der private Konzertveranstalter der offizielle Partner der Stadt. Auf dem Anschreiben – dem das Jahresprogramm von MünchenMusik beigelegt ist – unterschreiben Stephan Rusch von München Ticket und gleich daneben Andreas Schessl von MünchenMusik. Rechts unten auf dem Werbe-Anschreiben ist zudem das Stadtwappen abgedruckt.

Doch der zweite Punkt ist viel entscheidender, wie die Vorsitzende Richterin Clementi unter Kopfnicken der Kläger anführte: Datenmissbrauch. Die Kläger sagen, sie hätten Beispiele dafür, dass etliche ihrer eigenen Kunden Post von MünchenMusik bekommen haben, obwohl diese dort noch nie bestellt hätten. Der Verdacht: München ­Ticket, das treuhänderisch die Kundendaten von Bell’Arte & Co. verwaltet, habe MünchenMusik diese Kundenanschriften weitergegeben. Besonders hart trifft es hier Helmut Paul von Tonicale: Er lässt seinen vollständigen Kartenverkauf über München Ticket abwickeln. Bei Bell’Arte sind es etwa 50 Prozent im Klassik-Bereich.

50 Jahre lang, so die Vorwürfe, habe Nicolaus Schreyer (Bell’­Arte) einen Kundenstamm von 50 000 Menschen in mühsamer Arbeit an sich gebunden. Das Lebenswerk werde nun zerstört. Ins gleiche Horn stoßen seine Kollegen. Sie könnten Beispiele von Kunden anbringen, die noch nie bei MünchenMusik gekauft haben – und jetzt dennoch Post bekommen haben sollen.

Der größte Aufschrei ging durch den Saal, als bekannt wurde, dass München Ticket gerade eben ein weiteres Mal mit MünchenMusik einen Kundenbrief ver­schickt hat. „Betrug!“, hörte man aus dem Publikum, dazu Kopfschütteln und ungläubiges Lachen bei den Klägern.

Beklagten-Anwalt Stefan Dietlmeier sagt, es gebe keine exklusive Zusammenarbeit mit MünchenMusik, das Angebot, ein gemeinsames Anschreiben mit München Ticket zu erstellen, könne jeder annehmen. Die Kläger bestreiten dies: Sie hätten nie so ein Angebot erhalten, und dass es so etwas gebe, stehe versteckt und ohne nähere Angaben im Kleingedrucken auf der Homepage. Zudem vertritt München Ticket die Ansicht, dass alle Käufer, die jemals hier gebucht haben, auch Kunden des Unternehmens seien. Die Klage verneint dies: Denn bei Absagen, Unfällen etc. hafte der Veranstalter – München Ticket sei fast ausschließlich für den Kartenvertrieb zuständig.

Geeinigt hat man sich gestern erst einmal in einem Punkt – was die Kläger vorsichtig positiv stimmt: Bis zum 22. Januar 2015 darf München Ticket keine postalische Sendungen mehr tätigen. An diesem Tag soll das Urteil in diesem Eilverfahren in Sachen Klassik-Krieg fallen.

M. Bieber

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