Klassik am Odeonsplatz: Zum Weinen schön

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Sogar der Wettergott vergoss ein paar Tränen

München - Motto am Sonntag bei Klassik am Odeonsplatzz: Notte Italiana. Mit Werken italienischer Komponisten von Verdi bis Puccini entführten uns die BR-Symphoniker in südliche Gefilde. Die tz-Kritik.

Es war eine Zitterpartie: Für den Sonntagabend bei Klassik am Odeonsplatz hatten die Meteorologen ein heftiges Unwetter über München angekündigt. Doch der Wettergott zeigte sich gnädig – zumindest während des Konzerts hielt er die Himmelsschleusen noch geschlossen. Das ist möglicherweise höherem Beistand zu verdanken: Unter den knapp 8000 Zuschauern war auch der emeritierte Erzbischof Friedrich Kardinal Wetter.

Motto des Abends: Notte Italiana. Mit Werken italienischer Komponisten von Verdi bis Puccini entführten uns die BR-Symphoniker in südliche Gefilde. Wegen des drohenden Unwetters verzichteten die Veranstalter auf die Pause, strichen das Programm zusammen und veränderten die Reihenfolg. Dieses wilde Improvisieren führte zu einiger Verwirrung – auch bei Udo Wachtveitl, der sich bei seinen eigenwilligen Moderationen mehrmals verhaspelte. Das hatte durchaus italienischen Chaoscharme: So durfte man auf der Piazza in mediterranen Melodien schwelgen und sich wenigstens einen Abend lang wie ein Vize-Weltmeister fühlen.

Leider präsentierten sich die Gesangssolisten nicht in ihrer Bestform. Der Weltklassetenor Joseph Calleja überzeugte zwar als betörender Caravadossi und dämonischer Canio, ließ aber bisweilen die gewohnte Leichtigkeit und Strahlkraft vermissen. Und die Sopranistin Kristine Opolais, den Münchnern seit ihrer fesselnden Verkörperung der Rusalka am Nationaltheater ein Begriff, beeindruckte als Santuzza und Lauretta zwar mit feiner Piano-Kultur, sang jedoch in den Höhen manchmal arg forciert und mit unnötig viel Vibrato.

Weil die Hälfte der vorgesehenen Arien gestrichen worden war, konnten die beiden ohnehin ihr Können kaum aufblitzen lassen. Und so wurden der Chor und das Symphonieorchester des BR zu den wahren Stars des Konzerts – animiert von Andris Nelsons, dem jungen Fixstern am Taktstockhimmel. Der leidenschaftliche Lette, Schüler von BR-Chefdirigent Mariss Jansons und Ehemann von Kristine Opolais, kann durch äußerst fein gearbeitete Phrasierungen, Akzentuierungen und Tempoverzögerungen ungeheure Spannung erzeugen.

Nachdem die Musiker und Sänger dem Maestro bedingungslos folgten, geriet nicht nur der Triumphmarsch aus Verdis Aida zum Triumph: Das Orchester faszinierte in Respighis Pini di Roma mit atemberaubender Präzision. Und der Chor sorgte in der letzten Zugabe für das größte Wunder des Abends – ausgerechnet mit Verdis abgenudeltem Va, pensiero: So zart und innig, so differenziert und packend hat man den Gefangenenchor in einer Freiluftaufführung wohl noch nie gehört.

So schön, dass schließlich sogar der Wettergott ein paar Tränentropfen vergoss …

Marco Schmidt

Im Presto durch das Programm

Auf dem Foto rechts strahlen die beiden Solisten Joseph ­Calleja (Tenor) und Kristine ­Opolais (Sopran) um die Wette. Zu Recht: Schließlich ging das Konzert gerade so über die Bühne, wenn auch mit kleinen Schrammen. So konnte jeder Opernstar nur zwei der geplanten vier Arien singen, zudem fiel die Pause aus Angst vor dem Regen ins Wasser. ­Dennoch: Das Konzert war über ­anderthalb pausenlose Stunden lang. Der live übertragende BR hatte plötzlich eine Stunde mehr Programm zu füllen – und tat dies mit einer Nachrichtensendung und einer Konzert-Einspielung mit Mariss Jansons und Lang Lang aus der Philharmonie.

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