Die Erpressung war von langer Hand geplant

Klatten: Ausspioniert, verraten und gedemütigt

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Susanne Klatten: Ihre Gefühle wurden offenbar gezielt ausgenutzt.

Das böse Spiel mit Susanne Klatten war wohl von langer Hand vorbereitet.

Nach den neuesten Erkenntnissen hat man sie ausspioniert! Als sich Helg Sgarbi am 12. Juli 2007 im noblen Hotel Lanserhof in Innsbruck drei Tage nach ihrer Ankunft an sie heranmachte, wusste dieser bereits bestens über die 46-jährige Milliardärin Bescheid. Er wusste genau, auf welchen Knopf er bei ihr drücken musste: Es war ihr Hang zur Spiritualität. Der 43-jährige Betrüger kannte auch ihr Lieblingsbuch: „Der Alchimist“ des brasilianischen Schriftstellers Paulo Coelho. Die beiden hatten gleich ein gemeinsames Thema.

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Vom wem wusste Sgarbi, der früher Helg Russak hieß, das alles und noch viel mehr? Bei ihrer polizeilichen Vernehmung – so berichtet das italienische Nachrichtenmagazin L‘espresso – brachte Susanne Klatten einen Herrn ins Spiel, mit dem sie früher engere Kontakte gepflegt hatte. Nach Informationen der tz ist der Mann 49 Jahre alt, wohnt im Münchner Umland und ist ein angesehener Professor. Dieser habe gewusst, dass sie nach Innsbruck fährt.

Sgarbi erzählte ihr, er sei im berühmten Katherinen-Kloster auf Sinai am Fuße des Mosesberges gewesen. „Das war eines meiner liebsten Ziele, und das habe ich nur diesem anderen Mann mitgeteilt und nur diesem“, gab Klatten bei der Polizei zu Protokoll. Dasselbe gilt für die antike Felsenstadt Petra in Jordanien. Auch das habe nur der Professor gewusst.

Über ihre Reisen zu spirituellen Orten in der Welt war Sgarbi offenbar bestens informiert. Klatten im Polizeiprotokoll: „Ich neige etwas zur Spiritualität, und das war ein Hauptthema unserer Unterhaltungen. Es war der rote Faden in unserer Beziehung.“

Als Susanne Klatten nach zwei Wochen Aufenthalt Innsbruck verließ, hatte sie noch keinerlei Verdacht geschöpft. Sie hatte Sgarbi die Lügenstory abgenommen, er besitze ein Übersetzungsbüro für juristische Texte, sei Sonderberater des Schweizer Staates. Und er sei Experte für erneuerbare Energien; ein Thema, das ihr sehr am Herzen liegt.

Sie war offenbar verliebt bis über die Ohren in Helg Sgarbi. In den folgenden Wochen schrieb sie ihm glühende Liebesbriefe. Darin sind Sätze zu lesen wie: „Du und ich – wir sind Zwillingsseelen.“ Oder: „Wenn Du zu mir in meine Arme zurückkehrst, wirst Du ein Teil meines neuen Lebens sein.“

Der Verrat

Klatten und Sgarbi trafen sich in der Folgezeit oft an Wochenenden in München. Treffpunkte waren das Tulip Inn am Flughafen oder das Holiday Inn in Schwabing. Bei diesen Treffs entstanden die heimlich gedrehten Liebes-Videos, mit denen Sgarbi später sein Opfer zu erpressen versuchte. Im Nebenzimmer saß sein Komplize Ernano Barretta – ein Sektenchef aus Zürich, dem Sgarbi vermutlich treu ergeben war. Barretta überwachte die Videoaufnahmen.

Schon Anfang August erzählte Sgarbi im Tulip Inn ihr die Lügengeschichte, er habe die Tochter eines Mafia-Bosses angefahren. Das Kind sei querschnittsgelähmt. Er müsse sieben Millionen Euro „Blutgeld“ zahlen, sonst drohe ihm der Tod. Susanne Klatten später zur Polizei: „Ich wollte ihm helfen, weil ich große Nähe zu ihm spürte. Auch der Familie des verletzten Kindes wollte ich helfen.“

Am 10. September 2007 besorgte sie die sieben Millionen in 200-Euro-Scheinen bei der Firmenzentrale in Bad Homburg. Das Geld ließ sie in einen Umzugskarton packen, den ein Mitarbeiter in einen Kofferraum lud. Damit fuhr sie nach München. In der Tiefgarage im Holiday Inn übergab sie Sgarbi das Geld. Der Polizei sagte sie: „Ich konnte den Karton nicht heben.“ Sgarbi habe die (ca. 40 Kilogramm schwere) Kiste genommen und in sein Auto gepackt. Für die sieben Millionen wählte sie den Begriff „Seven up“.

Bei ihrer Vernehmung betonte Klatten, dass das Geld lediglich als Kredit gedacht war. Beide trafen sich weiter regelmäßig, zuletzt am 4. Oktober in einer von ihm angemieteten Wohnung in Schwabing. Sgarbi redete wieder über Geld, er wollte mehr, noch mehr …

Die Demütigung

Eine Woche darauf kam sie wieder nach Innsbruck. Im Lanserhof wurde ihr ein Umschlag übergeben. Inhalt: Kompromittierende Fotos. Der Täter forderte „viermal seven up“– also 28 Millionen. Dieser Erpressung wollte Susanne Klatten standhalten. Sie schaltete einen Anwalt ein. Doch Sgarbi ließ nicht locker, verfasste einen neuen brutalen Erpresserbrief. Diesmal forderte er „zweimal seven up“.

Wie der Täter tickt, der mit „Dein sanfter Krieger“ unterschrieb, lässt sich aus dem Brief schließen. Er drehte die Tatsachen auf den Kopf und stellte sich selbst auf infame Weise als Opfer dar: „Solange keine Gerechtigkeit zwischen mir und Dir hergestellt ist, werde ich nicht ruhen, bis das Unrecht gesühnt ist.“ Er höhnte, sie habe ihrem Mann Hörner aufgesetzt. Sie habe die Würde ihrer Kinder verletzt. Psycho-Terror pur.Dass auch hoch intelligente Verbrecher irren können, zeigt sich in diesem Satz Sgarbis: „Während Dein Risiko sehr hoch ist, erweisen sich meine Risiken als irrelevant.“ Sein Pech: Susanne Klatten zeigte ihn an. Seit 15. Januar sitzt Sgarbi in Stadelheim.

In der Haft wandte sich Sgarbi zunächst an den Münchner Anwalt Lutz Libbertz. Offensichtlich sollte ein außergerichtlicher Vergleich geschlossen werden. Dieser kam jedoch nicht zustande. Die Kanzlei Libbertz lehnte daraufhin den Auftrag ab.

Sgarbi wird sich voraussichtlich wegen Betruges und versuchter Erpressung im kommenden Jahr vor dem Landgericht verantworten müssen. Außerdem geht es um mindestens zwei weitere Betrugsfälle, bei denen Sgarbi zwei Frauen das Geld aus der Tasche zog. Fast zur selben Zeit wie im Fall Klatten erleichterte Sgarbi während eines Techtelmechtels in Kitzbühel mit der Mafia-Lüge eine 49-jährige Unternehmerin um 300 000 Euro. Opfer wurde auch eine frühere Möbelhaus-Inhaberin (67), die er im Dezember 2005 im Luxushotel Quellenhof in Ragaz (Schweiz) kennenlernte und dann mit kompromittierenden Fotos erpresste.

Sgarbi ist in der Schweiz einschlägig vorbestraft. Er hatte eine 83-jährige Gräfin betrogen. Und: Er erpresste Christina Weyer, Ehefrau des „schönen Konsuls“ Hans-Hermann Weyer, mit Sex-Fotos.

„Wir ermitteln mit Hochdruck“, sagte Leitender Oberstaatsanwalt Christian Schmidt-Sommerfeld am Freitag zu tz. „Wir hoffen, die Ermittlungen bis Ende des Jahres abschließen zu können.“

Eberhard Unfried

Quelle: tz

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