Promiwirt macht Karriere hinter Gittern

München - Vor zehn Monaten war Gerardo Addesso am Tiefpunkt. Der 55-Jährige saß als Angeklagter vor dem Landgericht München. Kokainhandel im großen Stil wurde ihm vorgeworfen. Jetzt macht er Karriere hinter Gittern.

Der begnadete Koch hatte in seinem Promi-Lokal zur Pasta das weiße Pulver mitserviert. Das Urteil: 18 Monate Suchttherapie im Hochsicherheitstrakt des Klinikums Haar.

Doch nun scheint es wieder aufwärts zu gehen für Gerardo Addesso. Er darf das halbe Klinikum bekochen und ziert das Cover eines Kochbuchs!

Teufelsköche. An den heißesten Herden der Welt, heißt das Buch. Gerardo Addesso posiert, wie er sich gerne gesehen hat: im Kochgewand, ein Fleischermesser in der Hand, eine Zigarre in der anderen. Das Foto ist entstanden, bevor sein Restaurant Gattopardo (zu Deutsch: Leopard) von Polizisten gestürmt wurde.

30 Jahre lang zelebrierte er La dolce vita für die Schickeria – mit allen einschlägigen Zutaten. Auch „Gerry“, wie Addesso bei allen heißt, war dem Stoff verfallen; seine Haaranalyse wies absurd hohe Kokainwerte auf. Der Berliner Autor ­Juan Moreno porträtiert in ­seinem Buch 17 Teufelsköche und erzählt ein ganzes Kapitel lang die Geschichte von Gerry, der als armer Bauernbub in der Nähe von Neapel aufwuchs.

Moreno findet, keine Episode beschreibe den Gerry besser als die mit dem Brot: Mit ­etwa neun Jahren musste klein Gerardo immer sein Pausenbrot an ältere Mitschüler abtreten, bis – ja bis Gerardo eines Tages auf dem Weg zur Schule heimlich zwischen die Brotscheiben gekackt und einer der Mobber herzhaft reingebissen hat…

Gerardo Addesso – ein Süditaliener mit kräftigen Händen und einem Mundwerk, das Juan Moreno als „schmutzig wie ein Abflussrohr“ beschreibt. Aber wie kam so einer zur Kochkunst? Über Umwege. Gerardo Addesso zog Anfang der 70er-Jahre als Gastarbeiter nach München, schuftete zunächst als Dreher. Dann lernte er Grazia kennen, mit der er noch heute verheiratet ist.

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Um mit Grazia mehr Zeit verbringen zu können, wechselte Gerry von der Werkbank an die Spüle eines italienischen Lokals. Er merkte, dass man im Italo-verrückten München jener Zeit mit Kochen viel Geld verdienen kann, auch mit zunächst bescheidenen Mitteln. Bis dato und bis ­heute hat Gerry nie ein Kochbuch gelesen, hat sich alles abgeschaut und angeeignet. Er wurde Pizza­bäcker, ein Jahr später Küchenchef und eröffnete 1980 in der Georgenstraße sein erstes eigenes Lokal. Irgendwann wurde er dann angesprochen von den Herren aus seiner Heimat, die Umschlagplätze in Deutschland suchten. 30 Gramm gestrecktes Kokain fand die Münchner Polizei im März 2010 bei Gerardo Addesso.

Nicht viel, aber genug, um ihn zunächst in die JVA Nürnberg zu bringen. Sein Zellennachbar dort war der ehemalige CSU-Staatssekretär Ludwig-Holger Pfahls. Gerry machte mit vier Wasserkochern Geburts­tags­torten, die er an Mithäftlinge verkaufte. Heute, im Klinikum Haar, stehen die schweren Jungs, aber auch die Ärzte Schlange, wenn Gerry aufkocht.

Sein berühmtes „Risi e bisi“, ein Risotto mit Erbsen, serviert im ausgehöhlten Käselaib. Den Parmigiano und andere Zutaten bekommt er von seiner Frau in die Klinik geschickt. Sie führt das Gattopardo weiter, bis Gerry in acht Monaten wieder frei kommt – auf Bewährung.

Rubriklistenbild: © dpa

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