Wer verdient was? Neue Studie über die Lohnentwicklung

Kluft zwischen Arm und Reich wird immer größer

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Viel Arbeit, wenig Geld: Putzfrauen schrubben für 7,87 Euro die Stunde.

Die Löhne stürzen ab – und ein Ende ist nicht in Sicht.

Wie aus einer Studie des Instituts für Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen hervorgeht, wächst die Kluft zwischen niedrigen und hohen Einkommen immer weiter.

Demnach sind die Einkommen von Geringverdienern zwischen 1995 und 2006 um fast 14 Prozent gesunken – bundesweit ist fast jeder vierte Arbeitnehmer betroffen. Zu den Verlierern gehören Minijobber und Teilzeit-Beschäftigte, aber auch Geringverdiener mit einem klassischen Vollzeitjob. Anders schaut es bei den Besserverdienern aus: Sie haben im selben Zeitraum ein Plus von fast 9 Prozent verbucht.

Fast jeder vierte Deutsche – 22,2 Prozent oder 6,5 Millionen Menschen – verdiente 2006 sein Geld im Niedriglohnsektor. Im Jahr 1995 waren es noch 15 Prozent. „In keinem anderen europäischen Land ist der Niedriglohnsektor so stark gewachsen wie in Deutschland“, sagte Mitautorin Claudia Weinkopf. Vor allem im unteren Lohnbereich, wo weniger als 7 Euro pro Stunde gezahlt werden, arbeiten immer mehr Menschen. 2006 bekamen 1,9 Millionen Menschen sogar weniger als 5 Euro brutto. Was die Wissenschaftler sehr bedenklich finden: Die Niedriglöhne sind sogar im jüngsten Konjunkturaufschwung geschrumpft. „Da wird einem Angst und Bange, wenn man überlegt, was im Abschwung passieren kann“, sagte Mitautor Gerhard Bosch.

Als wichtigen Grund für die wachsende Kluft nannten die Forscher die Privatisierung staatlicher Dienstleistungen wie Post, Telekommunikation und Nahverkehr. In Deutschland etwa können private Telefonfirmen geringe Löhne zahlen und sich so einen Vorteil gegenüber der Telekom verschaffen. In anderen europäischen Ländern müssten sich Anbieter an Tarifverträge halten. Außerdem könnten heute Festangestellte problemlos durch billige Leiharbeiter ersetzt werden, fördere der Staat die meist schlecht bezahlten Minijobs. Die Folge: „Der Sozialstaat blutet aus“, sagt Bosch – weil Minijobber gar keine und Niedriglöhner nur geringe Sozialabgaben zahlen.

Münchnerin: „Ich putze für 7,87 Euro in der Stunde“

Andrea K. macht Büros sauber. Sie schrubbt Kantinenböden, saugt Teppiche, wischt Treppenstufen. Ihr Lohn: 7,87 Euro pro Stunde, das sind 974,51 Euro netto, dazu bekommt sie 140 Euro Wohngeld. Damit ist sie einer von knapp 100.000 Münchnern, die im Niedriglohnsektor arbeiten.

100.000 – das ist etwa ein Fünftel aller Münchner Beschäftigten (Pendler ausgenommen), eine Zahl, die ungefähr bundesweiter Durchschnitt ist. Die Grenze für den Niedriglohn bewegt sich laut einer Studie der Universität Duisburg-Essen derzeit in Deutschland bei 9,13 Euro. In Bayern liegt nicht nur der Lohn von Gebäudereinigern unter dieser Schwelle: Floristen (5,94), Friseure (5,91), Bäcker (7,54) oder Wachleute (6,26 Euro) verdienen in den untersten Tarifgruppen noch weniger, die Monatslöhne (brutto!) liegen zwischen 1.004 (Floristen) und 1.305 Euro (Bäcker). Bayernweit arbeiten laut Gewerkschaftsangaben von rund 6 Millionen Erwerbstätigen 743.000 sogar für weniger als 400 Euro im Monat – das sind 11 Prozent. 377.000 Beschäftigte haben einen Nebenjob, weil ihr Einkommen nicht ausreicht.

„Ein Geschwür“ nennt Christoph Frey vom DGB in München diese Entwicklung. „Durch die Hartz IV-Gesetze ist Druck entstanden: Die Menschen müssen einen Job annehmen, auch wenn sie dabei schlecht verdienen.“ Die Studie zeigt auch: Die Zahl der Besserverdiener, die mehr als 18,40 Euro pro Stunde bekommen, ist seit 1995 von 21,8 auf 26,3 Prozent gestiegen. Für München heißt das: Mehr als 130.000 der 500.000 Beschäftigten arbeiten in diesem Bereich.

Andrea K. hilft das nicht weiter. 600 Euro zahlt sie für Miete samt Nebenkosten, 150 Euro für Versicherungen und Altersvorsorge, 100 Euro fürs Auto. Übrig bleiben 264 Euro für Lebensmittel, Kleidung, vielleicht einen Kinobesuch. Das sind 66 Euro in der Woche, etwas mehr als 9 Euro am Tag. „Für einen Urlaub oder zum Sparen bleibt nicht viel.“

Quelle: tz

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