Die Koffer bleiben gepackt

Knobloch warnt vor Antisemitismus: „Das hat Deutschland nicht verdient“

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Charlotte Knobloch bei der Veranstaltung des Rotary Clubs München Bavaria in St. Matthäus.

Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, sprach in München auf Einladung des Rotary Clubs. Die 85-Jährige warnte vor dem in Deutschland wieder aufkeimenden Antisemitismus.

An jenem Tag im Jahr 1937, als sie erstmals merkte, dass sie nicht dazugehörte, kann sich Charlotte Knobloch genau erinnern. Als Vierjährige hatte sie oft mit Buben und Mädchen aus der Nachbarschaft am Bavariaring Verstecken gespielt. Auch an jenem Tag tobten und schrien dort die Kinder – aber das Tor zum Hof war verschlossen, als Knobloch ankam. Die Kinder auf der anderen Seite schauten in Richtung des kleinen Mädchens, das wild an den Eisenstangen rüttelte. Dann rief die Hausmeisterin: „Geh nach Hause. Unsere Kinder spielen nicht mit Juden!“

Knobloch, die damals noch wie ihr Vater Neuland hieß, ging nach Hause und weinte. „Ich wusste nicht einmal, was das Wort Jude heißt“, erinnert sie sich. Ihre Oma tröstete Charlotte, sagte, dass sie sicher bald wieder in dem Hof spielen dürfe – „doch ich kam nie wieder“. Als die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern diesen Satz sagt, wischt sich ein Zuhörer im Gemeindesaal von St. Matthäus eine Träne aus dem Gesicht. Viele, die am Dienstag der Einladung des Rotary-Clubs München Bavaria zu „Persönlichkeiten im Dialog“ gefolgt waren, sind ergriffen. „An jenen Orten in München, an denen ich eine so unbeschwerte Kindheit erleben durfte, widerfuhr ihr so viel Leid“, sagt Sonja Lechner.

Als Sechsjährige musste sie die Reichspogromnacht miterleben

Die Moderatorin liest zu Beginn eine Szene aus Knoblochs Biografie vor. Als Sechsjährige musste sie die Reichspogromnacht miterleben, jenen 9. November 1938, als auch in München NS-Schlägertrupps Jagd auf Juden machten. „Wir sind auf der Flucht. Mitten in unserer Stadt, in München. Um uns herum herrschen Lärm und Geschrei“, beschreibt Knobloch den Schrecken. Sie erinnert an das Krachen prasselnder Flammen, herabstürzender Balken – und an Menschen, die johlten: „Juda verrecke!“

Es gibt nicht mehr viele Überlebende der Shoah, die über den Nazi-Terror berichten können. Mit rhetorischem Geschick und Charme warnt die 85-Jährige, die von 2006 bis 2010 Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland war, vor dem in Deutschland wieder aufkeimenden Antisemitismus. Über AfD-Chef Alexander Gauland, der Hitler und die Nazis jüngst als „Vogelschiss in über 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte“ bezeichnete, sagt sie: „Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ein Politiker, ja so nennt er sich, nicht nur die Juden beleidigt, sondern auch all die Menschen, die in den Zweiten Weltkrieg getrieben wurden.“ Doch es passiere ihm nichts. Dabei schade Gauland Deutschland. „Das Ausland bekommt eine Meinung von uns, die es so nicht trifft. Die Erinnerungskultur wird hier hochgehalten. Das hat das Land nicht verdient.“

Knobloch steht wie wohl keine andere für die Rückkehr des jüdischen Lebens an der Isar. Ihr ist es maßgeblich zu verdanken, dass heute wieder eine Synagoge in der Innenstadt steht. Die Tochter eines Münchner Anwalts überlebte den Holocaust in einem Versteck. Die ehemalige Haushälterin ihres Onkels, Kreszentia Hummel, hatte das Mädchen in ihrem fränkischen Heimatdorf aufgenommen und als ihre uneheliche Tochter ausgegeben. Sie sei damals oft allein gewesen, erinnert sich Knobloch: „Doch die Tiere, die haben mir zugehört.“ Erst nach dem Krieg durfte sie ihren Vater wieder in die Arme schließen. Ihre geliebte Oma konnte den Nazi-Schergen nicht entkommen. Als Charlotte neun Jahre alt war, sollten Kinder und Ältere deportiert werden, die Neulands mussten ein Familienmitglied auswählen: „Meine Großmutter oder ich“, erinnert sich Knobloch. Die Oma ging. „Sie sagte mir, sie würde für einige Zeit verreisen – aber ich wusste, dass meine Großmutter ins KZ kam.“ Sie starb in Theresienstadt.

Doch Hass auf Deutschland ist Knobloch fremd. „Schuld und Schande sterben mit den Tätern. Verantwortung bleibt“, sagte sie einmal. Auch in St. Matthäus betont sie mehrfach, die junge Generation treffe keine Schuld. Ihre Ansichten imponieren vielen Zuhörern: „Es ist wirklich beeindruckend, dass sie trotz ihrer Erlebnisse Deutschland so schätzt und gerne hier lebt“ sagt etwa Stephanie Schmidt. Für Knobloch selbst ist seit Langem klar: Die Koffer bleiben endgültig ausgepackt.

Tobias Lill

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