Knochenjob Krankenhaus: Ein Blick auf Münchens Kliniken

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Herzchirurgen stehen manchmal acht bis neun Stunden pro Tag am Operationstisch

München - Sie machen die Medizin menschlich – aber ihnen selbst wird oft Übermenschliches abverlangt: In Münchens Krankenhäusern arbeiten viele Pflegekräfte und Ärzte bis an den Rand der körperlichen Erschöpfung. Wir werfen einen Blick auf ihren Alltag und die Gehälter:

Sie sind die Opfer eines kranken Gesundheitssystems: Während die Pharmaindustrie an den Patienten immer besser verdient, kann sich so manche Schwester trotz Nachtschichten und Überstunden die Landeshauptstadt kaum noch leisten. Viele Ärzte bekommen zwar auf den ersten Blick ein stattliches Gehalt – aber erst nach einer langjährigen Ausbildung. Die tz wollte es genau wissen: Wieviel Geld bekommen Pflegekräfte und Mediziner konkret? Welche Summe bleibt ihnen unterm Strich übrig? Und was müssen Sie dafür alles leisten? In der tz stehen zwei Mitarbeiter des Deutschen Herzzentrums an der Lazarettstraße ganz offen Rede und Antwort: der Assistenzarzt Dr. Hendrik Ruge (36) und die Intensivkrankenschwester Nina Schäfer (30). Sie stehen weder ganz unten auf der Verdienstskala noch ganz oben. Zwei Gesichter hinter den Gehaltstabellen, nach denen die meisten Beschäftigten in den öffentlichen Münchner Krankenhäusern bezahlt werden.

„80 Überstunden pro Monat sind die Regel“

„Ich habe es inzwischen aufgeben, mich unter der Woche abends zu verabreden“, erzählt Dr. Hendrik Ruge. Viel zu oft schon musste der 36-jährige Herzchirurg kurzfristig absagen, weil in der Klinik etwas dazwischengekommen ist: Mal eine längere Operation, mal ein Patient, dessen Zustand sich verschlechtert hat. Oder er springt ein für einen Kollegen, der den „enormen psychischen und körperlichen Belastungen“ Tribut zollen und sich selbst krankmelden musste.

In einer normalen Woche – wenn es diese denn gibt – beginnt Ruges Arbeitstag um 7 Uhr früh. Vor 19 Uhr geht er selten nach Hause. 80 Überstunden pro Monat sind eher die Regel als die Ausnahme, ebenso acht bis neun Bereitschaftsdienste. Sie dauern von 16 Uhr bis 7 Uhr am nächsten Morgen. Theoretisch dürfen sich die Ärzte zwischendurch auch mal hinlegen. „Aber da kommt man selten zur Ruhe. In der Hälfte der Nächte siehst du kein Bett“, berichtet Ruge.

Dazu kommen die Wochenendschichten, zwei bis drei Mal pro Monat. „Dann gehe ich Montagmorgen nach 24 Stunden Arbeit um 9 Uhr aus der Klinik und fange um 7 Uhr am nächsten Tag schon wieder mit dem nächsten Dienst an.“

Es gibt auch besonders harte Tage, da steht Ruge insgesamt acht Stunden und manchmal sogar länger am Operationstisch. Danach noch Visite, Berichte schreiben. Und einfach mal durchatmen.

Seit neun Jahren ist der junge Mediziner jetzt schon am Herzzentrum. Sein Traumberuf, wie er betont – trotz all der Belastungen: „Weil man mit Menschen zu tun hat, viel Verantwortung trägt, weil die Herzchirurgie spannend ist, mit innovativen Behandlungsmethoden und Hightechgeräten.“ In diesen Traum hat der Arzt aus Wermelskirchen im Rheinland viel investiert: Sechs Jahre brauchte Ruge für sein Medizinstudium in Leipzig. Inzwischen steht er vor seiner Facharztprüfung. Dann bekommt er mehr Geld. 4868,86 Euro Brutto bei theoretischen 42,5 Arbeitsstunden pro Woche hat er momentan – die Endstufe im Tarif für Assisetenzärzte. Zu seinem Grundgehalt – die theoretische, vorgeschriebene Wochenarbeitszeit beträgt 42,5 Stunden – werden die etwa 80 Überstunden pro Monat gerechnet. Anders als die Pflegekräfte haben die Ärzte keinen Anspruch auf Freizeitausgleich.

Immerhin: Trotz des Stressjobs und der ungünstigen Steuerklasse 1, ledig – netto verdient Ruge mittlerweile stattliche 3800 Euro. Und erhält 29 Tage Urlaub, an denen er das Geld ausgeben kann. Unter der Woche hat er nämlich oft gar keine Gelegenheit dazu. „Da bin ich oft ziemlich platt“, erzählt der 36-jährige, „an den ein bis zwei freien Wochenende pro Monat ruhe mich einfach nur daheim aus, um mich zu erholen.“ Wenigstens eine wichtige Verabredung muss Ruge ab und zu einhalten: die mit dem Sofa.

Der Tarifvertrag für Pflegekräfte im Öffentlichen Dienst

Tarifgruppe/ Brutto-Monatsgehälter
E9 1. Stufe 2. Stufe 3. Stufe 4. Stufe 5. Stufe
Grundgehalt: 2.256,71 € 2.501,66 € 2.626,75 € 2970,73 € 3.241,74 €

Fett markiert ist die Stufe, in die Schwester Nina Schäfer eingruppiert ist.

Der Tarifvertrag für Ärzte im Öffentlichen Dienst

Brutto-Monatsgehälter
ab dem 1. Jahr 2. Jahr 3. Jahr 4. Jahr 5. Jahr
Arzt 3.891,94 € 4.112,45 € 4.270,10 € 4.543,22 € 4.868,86 €
ab dem 1. Jahr 4. Jahr 7. Jahr 10. Jahr -
Facharzt 5.136,73 € 5.567,42 € 5.945,58 € 6.158,10 € -
Oberarzt 6.434,04 € 6.812,21 € 7.353,19 € - -
Chefarzt-Vertr. 7.568,54 € 8.109,52 € 8.540,21 € - -

Fett markiert ist die Gehaltsstufe, in die Dr. Hendrik Ruge eingruppiert ist. Der Tarifvertrag gilt seit dem 1. August bis zum 30. Juni 2011 bei einer 42-Stunden-Woche.

„Auf der Intensivstation härtet man ab“

Die Herzpatienten, die Nina Schäfer betreut, sind oft alles andere als pflegeleicht. Schwerkranke Menschen, die sich nur schlecht oder manchmal gar nicht bewegen können. „Sie im Bett zu lagern, ist sehr anstrengend. Es geht auf den Rücken“, berichtet die 30-Jährige Fachkrankenschwester für Anästhesie und Intensivpflege. Aber Schäfer braucht nicht nur Kraft, sondern auch Konzentration, um alle Geräte im Auge zu halten. Und ein starkes Nervenkostüm. Schließlich muss sie im schlimmsten Fall auch damit zurechtkommen, wenn einer ihrer Patienten eine Operation nicht überlebt hat. Oder aber nach dem Eingriff später auf der Intensivstation stirbt. Manche herzkranke Menschen leiden auch an dem so genannten Durchgangssyndrom. „Sie sind desorientiert, werden dann sehr aggressiv, schimpfen oder wollen sich nicht anfassen lassen. Mit solchen Problemen muss man umzugehen lernen. Man härtet ab“, erzählt Schäfer. Professionalität ist ihr ganz wichtig: „Auf einer Intensivstation müssen pflegerische und ärztliche Tätigkeiten Hand in Hand gehen – und hundertprozentig funktionieren.“

Drei Jahre hat ihre normale Pflegeausbildung gedauert, in zwei weiteren Jahren erarbeitete sie sich die Qualifikation einer Intensivpflegerin. Inzwischen, nach einem weiteren Jahr Fortbildung, ist sie Gruppenleiterin. Sie arbeitet in zwei Schichten, ihre Mitarbeiterin sogar in dreien, auch nachts und am Wochenende. „Wenn man neun bis zehn Nächte im Herzzentrum verbringt und keine Erholung hat, ist man irgendwann ausgelaugt. Da kommt der Biorhythmus schon ziemlich durcheinander. Selbst wenn du frei hast, packst du es kaum, groß Party zu machen“, erzählt sie. Andererseits sind es auch die Schicht-Zuschläge, die ihr relativ mageres Grundgehalt aufbessern. Und eine Belastungszulage, die das Herzzentrum seinen Pflegekräften überweist. Nur so kann die Klinik das Personal bei der Stange halten. Bevor die Zulage eingeführt worden ist, waren 15 Planstellen einfach nicht zu besetzen. Die Höhe dieser Extrazahlung (200 bis 600 Euro) richtet sich danach, wie lange eine Mitarbeiter bereits im Deutschen Herzzentrum arbeitet und wieviel Verantwortung er trägt. „Diese Zulage ist für viele Schwestern das entscheidende Attraktivitäts-Plus hier bei uns am Herzzentrum“, berichtet Nina Schäfer.

Reich wird Schäfer trotz dieses Extra-Geldes nicht. Ungefähr 3200 bis 3300 Euro Brutto stehen insgesamt auf ihrer Gehaltsabrechnung. Wie Dr. Ruge ist sie ledig und in Steuerklasse 1 eingruppiert. Etwa 2000 Euro netto landen auf ihrem Konto. „In einer teuren Stadt wie München ist das nicht viel“, sagt Schäfer. Aber sie jammert nicht. Andere verdienen noch weniger.

Ihren Beruf sieht sie als Berufung – auch, wenn es ein sehr stressiger Job ist: „Die Herausforderung in unserem Beruf liegt darin, nicht nur medizinische und technische Fachkenntnisse, sondern auch soziale und psychologische Kompetenzen zu entwickeln.“

Andreas Beez

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