Flugzeug-Crash: So überlebte 17-Jährige allein im Dschungel

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Juliane Koepcke 1998 mit Wrackteilen im Dschungel, die noch immer hier liegen.

München - Ihre Geschichte ging 1971 um die Welt: Die 17-jährige Juliane Koepcke  stürzte mitten über dem Dschungel ab, überlebte als Einzige und schlug sich trotz großer Verletzungen elf Tage allein durch.

Juliane Koepcke 2010 mit Marcio Rivera, einem der Retter.

Die Bilder schwirren noch immer im Kopf von Juliane Koepcke (56). Noch heute hört sie die Turbinen dröhnen, die Schreie ihrer Mutter: „Jetzt ist alles aus!“ Tabletts und Tassen fliegen durch die Luft, die Sitze beben, die Menschen kreischen in Panik. Plötzlich zuckt ein greller Schein über der Tragfläche. Dann ist alles still. Juliane Koepcke überlebte 1971 als Einzige einen Flugzeugabsturz in Peru, schlug sich elf Tage lang allein im Urwald durch. Erst jetzt, 40 Jahre später, hat sie die Kraft, darüber zu sprechen. „Für mich war der Dschungel nie eine grüne Hölle, sondern der Ort, der mich am Leben hielt.“

Schwere Gehirnerschütterung, gebrochenes Schlüsselbein, tiefe Schnittwunde

Heiligabend 1971: Die 17-jährige Juliane sitzt neben ihrer Mutter im Flugzeug. Die beiden wollen über die Feiertage von Lima nach Pucallpa im peruanischen Urwald fliegen.  Dort arbeitet Julianes Vater als Zoologe. Doch über den Anden gerät die viermotorige Maschine plötzlich in eine Gewitterfront. Ein Blitz schlägt ein, das Flugzeug stürzt aus 3000 Metern in die Tiefe. In Julianes Erinnerung dauerte der Absturz nur einen Wimpernschlag: „Ich begriff überhaupt nichts, mein Körper war nur ausgefüllt vom Brausen der Maschine.“ Das Flugzeug zerbricht. Juliane wird samt Sitz aus dem Wrack geschleudert. In kreiselnden Bewegungen kommt der Urwald auf sie zu. „Die Bäume sehen aus wie Brokkoli“, denkt das Mädchen. Dann verliert sie das Bewusstsein.

tz-Stichwort: Lansa Flug 508

Für 91 Menschen endete der Flug 508 der peruanischen Fluggesellschaft Lineas Aereas Nacionales (Lansa) am 24. Dezember 1971 mit dem Tod. 30 Minuten nach dem Abflug in Lima wurde die Maschine, eine Turboprop vom Typ Lockheed L-188A, in einer Gewitterfront von einem Blitz getroffen und stürzte über dem peruanischen Dschungel aus 3000 Metern Höhe ab. Juliane Koepcke war die einzige Überlebende: Elf Tage lang kämpfte sich das damals 17-jährige Mädchen durch den Dschungel, bevor es gefunden wurde.

Als sie am nächsten Tag wieder zu sich kommt, sieht sie Baumwipfelund goldenes Licht. Der Anblick brennt sich wie ein Gemälde in ihre Erinnerung. Benommen krabbelt sie durchs Dickicht, ruft nach ihrer Mutter. Doch niemand hört sie. Juliane hat eine schwere Gehirnerschütterung und ein gebrochenes Schlüsselbein, an der Wade klafft eine tiefe Schnittwunde. Aber sie lebt. Das dichte Blattwerk der Bäume muss den Sturz abgefangen haben. Angst hat Juliane nicht. Mit ihren Eltern hat sie zwei Jahre im Urwald gelebt, kennt die Geräusche des Regenwalds. Sie weiß, welche Tiere töten können und was den Weg zur Zivilisation zeigen kann. Nur mit einer Tüte Bonbons in der Tasche irrt sie benebelt durch den Urwald: „Wahrscheinlich hat mich ein großer Schock davor bewahrt, dass ich nicht durchgedreht bin.“
Nach ein paar Stunden hört sie ein Plätschern. Ein Rinnsal! „Wasser weist dir den Weg zu den Menschen“, hat der Vater ihr immer eingetrichtert. Juliane kriecht am Bach entlang durchs Dickicht, das Schilf schlitzt ihre Arme auf. Irgendwann hört sie Motoren - Flugzeuge, die nach ihr suchen. Doch keiner sieht sie, die Bäume stehen zu dicht. Nach drei Tagen ist ihr Bonbon-Vorrat aufgebraucht. Es ist Regenzeit, Früchte gibt es nicht. Juliane trinkt das braune Wasser aus dem Bach: „Vielleicht hatte ich deshalb keinen Hunger.“ Am vierten Tag entdeckt sie hinter einer Flussbiegung das erste Wrackteil: Eine Sitzbank aus dem Flugzeug. Die Köpfe der drei Leichen stecken im Boden. „Da hat es mich zum ersten Mal gegraust.“ Doch Juliane kämpft weiter. „Ich bin noch heute erstaunt, wie wenig ich empfunden habe.“

Maden nisten im Arm

Ihre Erlebnisse im Dschungel hat Juliane Koepcke in einem Buch verarbeitet: „Als ich vom Himmel fiel“, Malik Verlag (304 Seiten, 19,95 Euro).

Am fünften Tag hört sie ein Zigeunerhuhn. Sie folgt dem Ruf: „Ich wusste, diese Vögel nisten nur an großen Gewässern.“ Tatsächlich: Der Bach wird ein Fluss. Juliane watet am Ufer, lässt sich in der Strömung treiben. „So war ich vor den giftigen Stachelrochen sicher, die im Uferschlamm lagen.“ Sie schwimmt an Alligatoren vorbei, doch die tun ihr nichts: „Ich hatte Glück, ich bin sonst kaum gefährlichen Tieren begegnet.“ In den schwarzen Nächten sucht sich Juliane einen geschützten Platz an einem Baum. Doch an Schlaf ist nicht zu denken. Es raschelt, Moskitos zerstechen sie, eisiger Regen prasselt auf sie nieder. Juliane friert in ihrem dünnem Kleid. „Das waren die Momente, in denen ich verzweifelte.“

Das Mädchen betet - um ihre Mutter, um ihre Rettung. In einer eitrigen Wunde an ihrem Arm nisten Maden. Juliane verliert die letzte Kraft, fantasiert von Essen. „Doch ich sagte mir immer: ,Du musst weiter. Hier gehst du zugrunde.‘“ Am zehnten Tag entdeckt sie am Ufer ein Boot und eine Palmhütte. „Ich habe gedacht, ich halluziniere.“ Völlig apathisch schläft Juliane ein. Am nächsten Tag finden sie drei Indios, bringen sie mit dem Boot in die nächste Stadt. Die Nachricht der wundersamen Rettung geht um die Welt. „Ich bin diesen Männern unendlich dankbar. Sie haben mein Leben gerettet.“ Die Erlebnisse im Dschungel beschäftigen Juliane Koepcke bis heute. „Ich entkam dem Tod gleich zweimal. Jetzt hat die Erinnerung endlich ihren Schrecken verloren.“

Die Liebe zum Dschungel

Die Liebe zum Dschungel ist groß.

Juliane Koepcke wuchs in Lima und im peruanischen Urwald auf, wo ihre Eltern 1968 die Forschungsstation Panguana gründeten. Nachihrer Rettung kehrte Juliane nach Deutschland zurück, studierte Biologie und promovierte in München. Heute leitet die 56-Jährige die Bibliothek der Zoologischen Staatssammlung in München. Mindestens ein Mal im Jahr kehrt die Biologin nach Peru zurück: Seit dem Tod ihres Vaters im Jahr 2000 leitet sie mit ihrem Mann Erich die Forschungsstation Panguana, erforscht dort das Ökosystem des Regenwaldes. „Meine Geschichte hat meine Liebe zum Dschungel noch vertieft“, erklärt die engagierte Wildschützerin. Noch in diesem Jahr soll Panguana privates Natur-schutzgebiet werden.

Christina Schmelzer

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