13.000 Menschen in Datei

tz-Interview mit Ehefrau von Gunther von Hagens

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Kuratorin Angelina Whalley und ihr Ehemann Gunther von Hagens

München - Die Körperwelten kehren nach zwölf Jahren in die bayerische Landeshaupstadt zurück. Die tz traf deshalb Angelina Whalley, Ehefrau von Gunther von Hagens, zum Interview.

Frau Whalley, glauben Sie an Gott?

Angelina Whalley: Ui. Sagen wir so: Ich glaube nicht an Gott, sondern an die christlichen Werte. Aber wer so intensiv involviert ist in der Arbeit mit Leichen, der vergegenwärtigt sich nicht, dass man vielleicht nur ein Teil etwas Größerem ist. Ich bin sehr bodenständig.

Was für eine Beziehung haben Sie zu den Verstorbenen?

Whalley: Ich bin sehr dankbar, dass sie uns ihren Körper zur Verfügung gestellt haben und ihn uns anvertrauen. Dass sie uns helfen, gesellschaftliche Gewohnheiten zu brechen. Sie verzichten zum Beispiel auf eine Trauerstätte für die Angehörigen. Wir kennen jeden Menschen über viele Jahre persönlich. Sie können sich bei uns informieren, die Labors besichtigen.

Wie alt sind denn die „Freiwilligen“?

Whalley: Das Durchschnittsalter beträgt so um die 50, 55 Jahre und geht durch alle Altersstufen. Auch einige Kinder sind dabei – von Eltern, die selbst in unserer Datei sind. Aber da ist die Chance natürlich gleich Null, dass sie bei ihrer Entscheidung bleiben. Doch ich finde es sehr erstaunlich, dass sich schon Kinder Gedanken machen um den Tod und ihren Körper.

Wie viele Menschen haben Sie in Ihrer Datei?

Whalley: Über 13 000. Das hört sich viel an und ist auch beachtlich. Aber man braucht ja auch genug Menschen, die –auch wenn es sich seltsam anhört – übers Jahr sterben. Alle Exponate, die nicht irgendwo auf der Welt ausgestellt werden, sind bei uns zu sehen in unserer Plastinarium im brandenburgischen Guben. Und sehr viele sind natürlich für Universitäten und anatomische Institute gedacht. Im Moment sind alle unserer bisher 120 Exponate öffentlich zu sehen.

Wie lange dauert die Plastination eines ganzen Körpers – und wie funktioniert das?

Whalley: Wir arbeiten zwischen 1000 und 1500 Stunden an einem Körper. Man hat im Prinzip alle Zeit, die man braucht. Zuerst werden die Leichen in Formalin fixiert, dass sie nicht verwesen. Dann wird alles herausgearbeitet, auf das wir den Schwerpunkt legen wollen. Es folgt die Plastination: In einem Vakuum wird das Wasser des Körpers entzogen und durch das Lösungsmittel Aceton ersetzt. Das dauert Monate. Dann wird das Präparat in eine Kunststofflösung gelegt, wieder in Vakuum. Durch den Unterdruck wird Aceton frei und durch Silikon ersetzt. Nach fünf Wochen kann man den Körper in Position bringen, er ist noch nicht gehärtet. Zum Schluss wird der Körper mit einem von Hagens’ akribisch entwickelten Gas gehärtet.

Legen Sie besonders Wert auf junge Menschen?

Whalley: Nein. Aber wir hören oft: „Die Exponate sehen alle so jung aus!“ Das liegt daran, dass man Menschen an ihren Hautveränderungen, den Falten, einschätzt. Das ist alles weg. Wir bemühen uns, die Körper möglichst dramatisch in Szene zu setzen.

Immerhin sieht man sehr dünn aus!

Whalley: Das sagte auch eine etwas korpulente 60-jährige Amerikanerin nach dem Besuch: „Ich mache mit: Da sehe ich endlich mal schlank aus.“

Haben Sie Befürchtungen speziell in München?

Whalley: Ich gehe davon aus, dass sich die Wogen im Vergleich zu 2001 deutlich geglättet haben. Die meiste Kritik kommt von Menschen, die die Ausstellung nicht gesehen haben. Über acht Millionen haben in Deutschland die Ausstellung gesehen. Will man denen allen vorwerfen, sie seien sensationslüstern? Wir klären auf und leisten auch einen Beitrag zur Vorsorge.

Wie das?

Whalley: Rund zehn Prozent der Raucher verlassen unsere Ausstellung und hören auf mit dem Qualmen. Sie verstehen jetzt die Faszination ihres eigenen Körpers, das hohe Gut. Und viele sagen: „Jetzt weiß ich endgültig, dass es einen Gott gibt.“ Das ist wie in der Renaissance: Die Anatomie entstand als Blick in Gottes Werk.

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