Kohls schwere Rückkehr nach München

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Helmut Kohl (l.) unterhält sich am 08.02.2006 im Schloss Bellevue in Berlin mit dem Medienunternehmer Leo Kirch. Zur Trauerfeier für den in der vergangenen Woche gestorbenen Medienunternehmer Leo Kirch wird auch Altkanzler Helmut Kohl nach München reisen.

München - Am Freitag wird die Jesuitenkirche zum Schauplatz eines inoffiziellen Staats­begräbnisses: Von 11 Uhr an erweisen führende Köpfe aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft Dr. Leo Kirch die letzte ­Ehre.

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Mythos St. Michael – kein anderes Gotteshaus in München atmet so viel bayerische Herrschergeschichte. In der Fürstengruft ruhen die Gebeine von 40 Wittelsbachern, darunter jene der Könige Ludwig II. und Otto I..

Am Freitag wird die Jesuitenkirche in der Fußgängerzone zum Schauplatz eines inoffiziellen Staats­begräbnisses: Von 11 Uhr an erweisen führende Köpfe aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft Dr. Leo Kirch im Rahmen eines Requiems die letzte ­Ehre.

Kirch gehörte zu den ­einflussreichsten Unternehmern unserer Nachkriegsgeschichte. Der 84-jährige Medien-Mogul war vergangene Woche in seinem Bogenhausener Anwesen gestorben – gezeichnet von den Folgen einer Diabetes-Erkrankung.

Drei Jesuitenpatres werden die Trauerfeier zelebrieren, in der Kirche erwarten Kirchs Angehörige rund 600 Gäste. Wie ein Sprecher erläutert, sei ein reines Promi-Schaulaufen „nicht im Sinne der Familie“. Deshalb soll der hintere ­Bereich von St. Michael während des Requiems allen Gottesdienstbesuchern offenstehen.

Trotzdem dürfte einem Trauergast besondere Aufmerksamkeit zuteil werden: Dr. Helmut Kohl. Für den Altkanzler hatten Besuche in München immer eine besondere Bedeutung – schon allein wegen der turbulenten Beziehung zu seinem großen Rivalen Franz Josef Strauß (siehe Artikel unten). Jetzt kehrt Kohl – aller Voraussicht nach – in die bayerische Landeshauptstadt zurück, um sich von seinem engen Freund Leo Kirch zu verabschieden.

Dem Unternehmer hat der CDU-Politiker nämlich nicht nur viel Geld zu verdanken, sondern auch manchen privaten Rat. „Kohl und Kirch verband eine wirklich ehrliche Sympathie, die weit über die Politik hinausging. Sie trafen sich häufig, und es waren oft sehr persönliche Begegnungen – geprägt von Vertrauen und Verlässlichkeit“, erinnert sich Kohls früherer Büroleiter und Vize-Chef des Kanzleramts, Professor Dr. Horst Teltschik (71). „Sie waren sich sehr ähnlich in ihren Vorstellungen über Führungsquali­täten und schätzten dieselbe Lebensart – schon angefangen beim deftigen bayerischen ­Essen. Zwei gestandene Mannsbilder eben – es passte einfach zwischen ­ihnen.“

Vor gut zwei Jahren, am ­8. Mai 2008, erlebte ihre Freundschaft einen letzten großen Höhepunkt. Bei Kohls Hochzeit mit seiner zweiten Ehefrau Maike stand Kirch als Trauzeuge an seiner Seite.

Dem 81-jährigen Altkanzler wird die Reise nach ­München sicher schwerfallen – auch wenn es ihm gesundheitlich wieder besser geht: „Er hat sich von den Folgen seines Sturzes etwas erholt“, weiß Teltschik aus Telefon­gesprächen mit seinem früheren Chef.

Kohl war nach zwei Eingriffen an den Knien gestürzt, hatte dabei ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten und musste sich einer Operation am Kopf unterziehen. „Er ­arbeitet hart an seiner Genesung, macht regelmäßig Bewegungsübungen und Physio-Therapie im Schwimmbad“, berichtet Teltschik. „Helmut Kohl wirkt munter und durchaus optimistisch, dass es weiter bergauf geht.“

Andreas Beez

Trauer um Leo Kirch: Bilder aus seinem Leben

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Von der „Wienerwald-Rede“ bis zum Waffenstillstand auf der Alm

Kohl gegen Strauß – das Duell zweier politischer Schwergewichte auf Lebenszeit füllt ganze ­Kapitel in den Geschichtsbüchern. „Ihr persönliches Verhältnis war sehr intensiv“, beschreibt es Kohl-Intimus Professor Dr. Horst Teltschik diplomatisch, „und zwar unter wechselnden ­klimatischen Bedingungen.“ Man könnte es auch so verdeutlichen: Wenn die beiden machtbewussten Dickköpfe mal wieder besonders heftig aneinandergerieten, dann wackelte die Republik.

1976 erreichte die Eiszeit einen dramatischen Höhepunkt – ausgelöst von der berüchtigten „Wienerwald-Rede“. Im Kampf um die Führung des bürgerlichen Lagers hatte Kohl damals gefühlt die Nase vorne – und Strauß die Schnauze gestrichen voll. Deshalb sprach FJS in der Münchner Zentrale des Hendl-Imperiums groß auf. Drei Stunden lang erklärte der CSU-Chef seinen Getreuen die Welt – und irgendwann auch den vermeintlichen Provinzler von der CDU aus Oggersheim in der Pfalz: „Helmut Kohl wird nie Kanzler werden. Der wird mit 90 seine Memoiren schreiben: Ich war 40 Jahre Kanzlerkandidat.“ Und die Begründung für seine nicht ganz nüchterne Analyse lieferte Strauß gleich mit: „Er ist total unfähig, ihm fehlen die charakterlichen, die geistigen und die politischen Voraussetzungen. Ihm fehlt alles dafür.“

Eigentlich war diese Rede nicht für die Öffentlichkeit bestimmt – aber Strauß wurde zum Verhängnis, dass er nicht nur Freunde in den eigenen Reihen hatte. In der schwarzen Hendl-Hochburg saß nämlich auch ein CSU-Kleinfunktionär mit am Tisch, dem Strauß zuvor mal auf den Schlips getreten war. Jetzt witterte der Hinterbänkler die einmalige Chance, es dem großen Vorsitzenden heimzuzahlen. Der Maulwurf nahm die Rede heimlich mit einem Kassettenrekorder auf und spielte das Tonband dem Spiegel zu, der die Schmähung genüsslich veröffentlichte.

In der Folge bekämpften sich die beiden Bosse der christlichen Partien quasi nach dem biblischen Motto „Auge um Auge, Zahn um Zahn“. Strauß ließ seine Bundestagsabgeordneten die Fraktionsgemeinschaft mit der CDU im Bundestag aufkündigen, drohte mit der Ausweitung der CSU auf ganz Deutschland. Und Kohl konterte mit Plänen für einen „Einmarsch“ seiner CDU in Bayern. Am Ende gelang es den beiden Streithanseln nur mit Mühe, im Krieg der beiden Schwesterparteien einen Waffenstillstand auszuhandeln.

Wirklich Frieden schlossen sie aber nie. „Während seiner Kanzlerschaft blieb München für Kohl ein zentraler Ort“, bilanziert sein Weggefährte Teltschik. Immer wieder flog er aus Bonn ein, um sich mit seinem bayerischen Widersacher zusammenzuraufen. „Strauß holte ihn dann gerne mit seinem Geländewagen ab, es folgten die berühmten Spaziergänge in der Valepp und anderswo in den Tegernseer Bergen“, erinnert sich Teltschik. Wenigstens in einem waren sich die Genießer schnell einig: Weil’s auf der Alm koa Sünd’ gibt, darf’s auch mal ein Stückerl ­Leberkäs’ oder eine Weißwurst mehr sein.

Nicht selten schickte Kohl seinen Vertrauten Teltschik nach München. „Ich musste Strauß dann über Kohls Pläne unterrichten. Es war nicht immer einfach mit Franz Josef“, erzählt der frühere Vize-Chef des Kanzleramts. Besonders dann nicht, wenn sich Strauß mal wieder über die Ratsch’n in den eigenen Reihen geärgert hatte. „Kohl hatte viele Freunde in der CSU, er wusste so manche Interna. Das hat Strauß überhaupt nicht getaugt“, weiß Teltschik.

Der Kanzler wiederum freute sich wie ein Schnitzel, wenn er merkte, dass ihn Strauß mal wieder unterschätzt hatte. Den Vorwurf der Provinzialität zahlte er seinem bayerischen Rivalen Jahre später heim. Allerdings bediente er sich dazu nicht der Gäste einer Schnellrestaurant-Kette, sondern der Fersehkameras des Westdeutschen Rundfunks. Mit einem süffisanten Lächeln im Gesicht chrakterisierte Kohl Strauß so: „Er war ein Mann der lauten Töne, aber politisch kein starker Mann.“

Andreas Beez

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