Als Entschädigung für Chaos-Tage

Video: Kommen Therme-Gutscheine bei S-Bahn-Kunden an? Ein stundenlanger Selbstversuch

Der Chef der S-Bahn München lässt 10.000 Gutscheine für die Therme Erding in den Zügen verteilen. Kommen die wirklich bei den genervten Pendlern an? Mehr als drei Stunden ist unsere Reporterin auf der Stammstrecke hin- und hergefahren – und wundert sich. 

München - Die vergangene Woche war für S-Bahn-Fahrgäste krass. Anders kann man es nicht nennen. Der S-Bahn-Chef Heiko Büttner entschuldigte sich im Interview mit Radio Gong 96.3 am Montag bei allen Pendlern und lässt seit Mittwoch 10.000 Eintrittskarten für die Therme Erding verteilen. Das Radio-Team hatte dem Marketing-Team der Münchner S-Bahn nach eigenen Angaben diesen „Deal“ vorgeschlagen, nachdem zuvor die Idee, allen Fahrgästen einen Gratis-Monat zu schenken, abgelehnt worden war.

Doch es sind nicht genug Gratis-Therme-Tickets für alle da: Jeden Tag sind mehr als 800.000 Fahrgäste mit der S-Bahn unterwegs. Es werden daher nur 1,25 Prozent der S-Bahn-Nutzer entschädigt. Um herauszufinden, wie schwer es wirklich ist, einen der 10.000 Gutscheine zu bekommen, ist tz.de-Reporterin Jil Frangenberg am Mittwochvormittag mehr als drei Stunden auf der Stammstrecke hin- und hergefahren. 

Doch weder in den S-Bahnen noch am Bahnsteig selbst waren Menschen zu finden, die Therme-Erding-Tickets verschenken. „Nach einer Stunde Herumfahren habe ich mich wirklich gewundert und mal bei anderen Pendlern nachgefragt, ob sie ein Ticket bekommen haben“, erklärt unsere Reporterin. Das ernüchternde Fazit: Die meisten Bahnfahrer wissen entweder nichts von der Aktion oder haben kein Ticket bekommen.  Vielfahrer Sebastian P. (37) kritisiert: „Ich habe von der Kampagne in der Zeitung gelesen, aber ob die Bahn wirklich Tickets verteilt – so sicher bin ich mir da nicht.“ Unsere Reporterin will der Sache auf den Grund gehen. Es wird nicht ihr letzter Versuch sein, an ein Ticket zu kommen.

Pendler: „Nette Ticket-Aktion, aber keine wirkliche Entschädigung“

Pendlerin Sandra Reber sagt: „Ich habe auch niemanden gesehen, der ein Gratis-Ticket für die Therme in der Hand hatte.“ Der 42-Jährigen, die nach langer Elternzeit am Mittwoch den ersten Tag wieder zur Arbeit pendeln musste, graute es schon wieder vor dem nächsten S-Bahn-Chaos. 

Es war schwierig, am Mittwochvormittag überhaupt einen Fahrgast zu finden, der die Aktion lobt. Die 21-jährige Studentin Joana W. resümiert: „Es ist eine sehr liebe Aktion, bin gespannt, wie viele Leute im Endeffekt dieses Ticket bekommen und wie viele das in Anspruch nehmen und in die Therme fahren.“ 

Aber selbst von dieser „netten Aktion“ kriegt man nicht unbedingt etwas mit, selbst wenn man sich gezielt und mehr als drei Stunden auf der Stammstrecke auf die Suche macht. 

Am letzten Tag der Gratis-Ticket-Aktion für die Therme Erding wollte unsere Reporterin Jil Frangenberg es noch einmal wissen. Drei Stunden fuhr sie am Freitagvormittag auf der Stammstrecke wieder hin und her. Und tatsächlich traf sie einige Pendler, die einen Gutschein für die Therme bekommen haben. „Das war aber auch nötig“, erklären Daniela G. (29) und Philipp R. (24). Beide sind durch das S-Bahn-Chaos der vergangenen Tage oft zu spät zur Arbeit gekommen und mussten dafür länger arbeiten, da sie kein Gleitzeit-Modell haben. Für unsere Reporterin gab es an diesem Tag wieder kein Therme-Ticket. Aber immerhin einen Gutschein für eine Brezn und einen Kaffee.

Lesen unseren Bericht: Wer zahlt die Gutschein-Aktion der Münchner S-Bahn eigentlich?

Fahrgastverband Pro Bahn kritisiert die S-Bahn München für ihre Aktion mit dem Radiosender

Facebook-Userin Verena Deinhofer hat einen Kaffee-und-Brezn-Gutschein bekommen. Im Wert von zwei Euro. Sie schreibt: „Da fühlt man sich ja erst recht verarscht.“

Pro Bahn äußerte bereits am Montag Kritik an der Aktion, die seit dem 7. März (bis 9. März) läuft. Der Münchner Sprecher von Pro Bahn, Andreas Barth, sagte, es sei zwar eine nette Geste, stehe aber nicht im Verhältnis. „Es kann doch nicht sein, dass zufällig ausgewählt wird, wer eine Freikarte bekommt und wer nicht“, sagte Barth. „Hier muss mehr passieren, etwa gezielte Rückerstattungen, vor allem für Zeitkartenbesitzer, denn die betrifft es am meisten.“ Sinnvoll wäre somit laut Barth, den Besitzern einer solchen Karte im kommenden Monat weniger Geld abzubuchen.

Wichtig zu wissen: Die Gutscheine, die von Radio-Gong-Promotern und einigen Bahn-Mitarbeitern verteilt werden, verlieren nach dem 30. Juni 2018 ihre Gültigkeit. Und manche Fahrgäste bekommen statt eines Gratis-Tickets für einen Entspannungstag „nur“ einen von 10.000 Zwei-Euro-Gutscheinen für einen Kaffee und eine Brezn. 

Wie denken Sie über die Aktion von der Münchner S-Bahn und dem Radiosender? Diskutieren Sie auf Facebook:

Zuletzt gab es auch Forderungen aus der Politik, Konsequenzen aus der Pannenserie zu ziehen. Die tz widmete dem Thema am vergangenen Freitag (erneut) eine Titelseite:

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Wir haben für jede S-Bahn-Linie eine Facebook-Gruppe gegründet, in der sich Fahrgäste selbst organisieren können: Bilden Sie Fahrgemeinschaften, wenn Ihre S-Bahn ausfällt. Organisieren Sie ein Taxi und teilen Sie sich mit mehreren die Kosten. Oder bitten Sie andere Betroffene schlicht um Hilfe - oder bieten Sie einen Platz in Ihrem Auto an. Zusammen mit anderen Pendlern sind Sie im S-Bahn-Chaos weniger allein. Nutzen Sie die Gruppe Ihrer S-Bahn-Linie auch, um sich und andere darüber zu informieren, bis wann ungefähr mit Zug-Ausfällen und -Verspätungen zu rechnen ist. Hier gelangen Sie zur Liste aller S-Bahn-Gruppen auf Facebook.

Störungen, Verspätungen und weitere wichtige Hinweise zum S-Bahn-Verkehr in München und im Umland sammeln wir in unserem Ticker.

von Jil Frangenberg und Miriam Sahli-Fülbeck

 

Rubriklistenbild: © Jil Frangenberg

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