Auch klatschnass ein Riesenspaß

Coldplay im Oly: Die große Konzert-Kritik

+
Feuerzeugstimmung bei Coldplay

München - 55.000 Fans haben am Mittwochabend im tropfnassen Olympiastadion gefeiert. Coldplay ließen mit ihrer regenbogenbunten Pop-Version des "Cirque du Soleil" die Sonne aufgehen. Die Konzert-Kritik:

Wen scheren Regen und knackige neun Grad, wenn der Zirkus in der Stadt ist? 55.000 fröstelten im tropfnassen Olympiastadion – aber nur theoretisch. Denn praktisch ließen Coldplay mit ihrer regenbogenbunten Pop-Version des „Cirque du Soleil“ die Sonne aufgehen. Grau raus, Farbe rein – Coldplay-Sänger Chris Martin besiegte den Regen, da wird Kachelmann neidisch! Münchens einziges großes Stadionkonzert 2012 war eine spektakuläre Achterbahnfahrt für die sieben Sinne, ein Triumph in LED, Graffiti für die Seele. Wenn Hollywood ein Popkonzert inszenieren würde – so würde es klingen. Und vor allem aussehen. „Es regnet und ist saukalt, aber wir werden euch trotzdem das beste Konzert abliefern, das ihr je erlebt habt“, versprach Chef-Charismatiker Martin – und hielt durchaus Wort an einem Abend, der einen funkelnden Sternenhimmel verdient hätte, und kein Justin-Bibber-Wetter.

Aber egal: Coldplay, vielleicht längst die größte Band der Welt, die Herren der Hymnen, ließen es trotzdem funkeln. Und wie! Beste Idee des Abends: Jeder der 55.000 Fans bekam ein ferngesteuertes Armband – und per Elektronik leuchteten die Bändchen synchron in allen Regenbogenfarben. Das ganze Olympiastadion als gigantisches Graffiti – atemberaubend, augenberaubend! Genau wie der Rest der Show mit brillanten runden Leinwänden hinter der Bühne, mit Konfettikanonen, Funkenregen und Feuerwerk. Schöner kann Pop nicht aussehen!

Chris Martin funkelte auch – selbst im schlichten hellblauen T-Shirt, mit dem er patschnass durch den Regen tobte, mit großen Posen in hohen Dosen. Der Weltumarmer leuchtet von innen, wenn er seine Klang-Kathedralen aufschichtet. Beim Klassiker „Warning Sign“ schluchzt er im strömenden Regen so anrührend „I miss you“, dass vor allem den Frauen im Publikum ganz blümerant zumute wird. Beim letzten „Woho hoho ho“ von „Viva La Vida“ sinkt Martin pathetisch im Konfettimeer auf der Bühne zusammen. Und bei der Akustikzugabe „Speed Of Sound“ setzt er mitten im Song neu an: „Sorry, ich hab’s vermasselt, die Münchner haben eine bessere Version verdient.“ Natürlich ist das Meiste nur Show und routiniert eingeübt, genau wie das Küssen des Münchner Erdbodens nach fast zwei Stunden und der letzten Zugabe „Every Teardrop Is A Waterfall“. Aber: Verflucht guter Entertainer, dieser Chris Martin!

Musik? Ja, auch – soweit das beim Stadionrock, dem überdimensionalen Ben Hur des Musikgeschäfts, ins Gewicht fällt. Die Breitwand-Band lieferte ihren Klingemascope-Sound gewohnt souverän ab, perfekte Erbauungsmusik, mit wenig Rock ’n’ Roll und Cojones zwar. Doch grandiosere Hymnen schreibt derzeit keiner. Kurz vor Schluss singt Chris Martin „Singin’ In The Rain“, und am Ende tröpfeln die Fans glücklich aus dem Oly. Selten brachte Regen so viel Segen.

Jörg Heinrich

auch interessant

Meistgelesen

Stadt vs. Region: Wo sich das Landleben noch lohnt
Stadt vs. Region: Wo sich das Landleben noch lohnt
Zuhälter-Schorsch: Muss er jetzt für immer hinter Gitter?
Zuhälter-Schorsch: Muss er jetzt für immer hinter Gitter?
So soll der Express zum Flughafen doch vor 2037 gelingen
So soll der Express zum Flughafen doch vor 2037 gelingen

Kommentare