Wie sich die Mediziner kümmern

Kranke Flüchtlinge: Ärzte in München am Limit

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60 Prozent der Flüchtlingskinder sind körperlich krank, wenn sie in München ankommen. 22 Prozent leiden unter einer posttraumatischen Belastungsstörung. Das obere Bild zeigt die Zelte des Erstscreenings.

München - Die Flüchtlingswelle reißt nicht ab: Täglich kommen neue Asylsuchende in München an, darunter viele Kinder. Etwa 60 Prozent davon sind krank. Doch wie funktioniert die Versorgung und wo besteht Handlungsbedarf?

Die Flüchtlingswelle reißt nicht ab: Täglich kommen neue Asylsuchende in München an, darunter viele Kinder. Etwa 60 Prozent davon sind krank: Lungenentzündungen, Tuberkulose, Malaria – sogar Krebs! Jedes zehnte Kind muss sofort in die Klinik. Laut einer Studie der TU leiden zudem rund 22 Prozent an posttraumatischen Belastungsstörungen, 16 Prozent sind depressiv. Eine Herausforderung für die Mediziner – und Münchens Ärzte sind längst am Limit! Das Sozialministerium hat daher zugesagt, beim Angebots-Ausbau zu helfen. Doch wie funktioniert die Versorgung und wo besteht Handlungsbedarf?

Gesundheitsreferentin Jacobs, Ambulanz-Chef ­Aicher und Bürgermeister Schmid beim Screening.

Am Bahnhof durchlaufen Ankommende das so genannte Erstscreening. Am vorigen Wochenende kamen rund 20 000 Flüchtlinge am Hauptbahnhof an. 137 Ärzte und 86 Sanitäter waren im Einsatz. Das Screening geschieht derzeit in Zelten – das soll sich aber ändern. Eine ehemalige Schalterhalle am Starnberger Flügelbahnhof ist umgebaut worden. Werden schwerere Krankheitsbilder erkannt, wird der Patient verwiesen. Ansonsten geht es nach der Erstversorgung in die Erstaufnahme-Einrichtungen, nicht nur in die Bayernkaserne, sondern nach ganz Deutschland. In den bayerischen Erstaufnahmen wird das Blut der Flüchtlinge untersucht, ferner gibt es Röntgenaufnahmen der Lunge. Im Anschluss kann sich jeder Flüchtling an niedergelassene Ärzte wenden. Genau dort sehen Münchens Mediziner ein Problem: Wer die Sprache nicht kann, versteht auch das deutsche Gesundheitssystem nicht. In der Bayernkaserne gibt es daher die „Refudocs“, die vor Ort medizinische Betreuung anbieten. Der Wunsch von Refudocs-Inititaor Dr. Matthias Wendeborn: „So etwas sollte es in allen größeren Erstaufnahme-Einrichtungen geben.“

Wie geht es mit psychisch kranken Kindern weiter? An der Heckscher-Klinik arbeitet man schon seit Jahren mit ihnen. „Die Intensität der vergangenen Monate war aber neu“, sagt Direktor Joseph Freisleder. Die Patientenzahlen steigen: 2012 waren es 30 stationäre Aufnahmen, heuer bis 31. August allein schon 79 – doppelt so viele werden ambulant behandelt. Das Personal ist am Anschlag. „Wenn sie 30 Betten haben, aber 66 Menschen unterbringen müssen, ist das schwierig.“ Sein Appell: „Wir brauchen mehr Räume und mehr Personal!“

Ein Lösungsansatz: Unter den Flüchtlingen gibt es Personal, unter anderem Krankenschwestern, sagt Dr. Stefan Burdach vom Klinikum Schwabing. „Und die brauchen wir dringend.“ Da sei die Politik gefragt, um die Bearbeitungsdauer der Anträge zu verkürzen.

Warum kümmert sich München überhaupt? Bleiben psychische Störungen unbehandelt, entwickeln sich Folgeerkrankungen. Außerdem: „Gesundheit ist ein Faktor, um sein Leben in den Griff zu kriegen“, sagt Wendeborn: „Und je früher das passiert, desto besser.“

ska

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