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Klinik-Kollaps in München wegen Corona droht: Immer mehr Arbeitskräfte krank - „Noch nie so dramatisch erlebt“

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Von: Sebastian Horsch, Hans Moritz

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Hohe Corona-Inzidenzen schlagen sich auf die Kliniken nieder: Überall in Bayern fehlt Personal, das selber krank ist oder sich um infizierte Kinder kümmern muss. Das hat Folgen.

Erding/München – Das Gesundheitswesen ist komplex, aber diese Zahl erklärt ein gewaltiges Problem recht einfach: Am 10. März 2019 waren am Erdinger Klinikum 64 Mitarbeiter krank. Drei Jahre später waren es 142 Kranke, ein Plus von 120 Prozent. Aktuell sind die Zahlen ähnlich. Das verbleibende Personal rebelliert, Überlastungsanzeigen werden gestellt. Betten werden gesperrt, Operationen, die nicht unbedingt sein müssen, verschoben. Ein Fünf-Punkte-Plan soll Abhilfe schaffen.

An einer großen Münchner Klinik, so schildert es ein Arzt, der namentlich nicht genannt werden will, sind aktuell nur drei von acht OP-Sälen auf. Es komme vor, dass laufende Operationen wegen eines Notfalls abgebrochen werden. „Und jetzt ist Hochsommer – und nicht Winter.“ So dramatisch habe er den Personalmangel noch nie erlebt, sagt der Mediziner. Und das zieht sich durch fast alle Krankenhäuser.

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Bayern: Krankenhäuser melden Personalmangel - München-Klinik-Chef nimmt Stellung

Die fünf Häuser der München Klinik (Bogenhausen, Harlaching, Neuperlach, Thalkirchner Straße und Schwabing) belastet im Moment die stark gestiegene Inzidenz: „Covid-Ansteckungen finden vor allem im privaten Bereich statt und diese Mitarbeiter fehlen dann mindestens fünf Tage“, sagt eine Sprecherin. In Notaufnahmen oder auf Intensivstationen. Zusätzlich fehlen Kollegen, die ihre positiv getesteten Kinder zuhause betreuen. Rund 100 Beschäftigte fehlen „regelhaft“ pro Woche. Axel Fischer, Chef der München Klinik, sagt: „Die Versorgung ist weiterhin sichergestellt.“ Aber man müsse schon schauen, dass das Infektionsgeschehen und die damit verbundenen Ausfälle nicht zu groß werden.

Aus dem Klinikum der Universität München eine ähnliche Botschaft: steigende Erkrankungsraten beim Personal, punktuell und zeitlich begrenzte Bettensperrungen, verschobene Operationen. Eine Sprecherin des Klinikums rechts der Isar meldet, der Krankenstand unter den Beschäftigten sei in jüngster Zeit wieder angestiegen, die Situation sei auf einigen Stationen angespannt. Aus Starnberg hieß es bereits Ende Juni, 30 Prozent der Intensivbetten könnten mangels Personal nicht betrieben werden. Dr. Florian Krötz, Chefarzt der Medizinischen Klinik, stellt fest, dass vor allem auf Stationen, die stark durch die Pandemie belastet waren, Personal abwandert: „Das machen die Leute irgendwann nicht mehr mit.“

Ein Arzt kümmert sich um eine Patientin: In manchen Krankenhäusern müssen planbare Operationen verschoben werden
Ein Arzt kümmert sich um eine Patientin: In manchen Krankenhäusern müssen planbare Operationen verschoben werden. © picture alliance/dpa

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Krankenhaus-Auslastung in Bayern: BKG-Chef sorgt sich aufgrund Herbstfest-Saison

Bayernweit haben die Fehlzeiten in den Kliniken 2022 „Rekordniveau“ erreicht, sagt Roland Engehausen unserer Zeitung. Der Chef der Bayerischen Krankenhausgesellschaft (BKG) schätzt die Lage aber noch nicht so dramatisch ein wie etwa in Schleswig-Holstein. „Die verfügbaren Kapazitäten auf den Intensivstationen bleiben in Bayern bisher noch stabil“, sagt Engehausen. Doch schon jetzt bereite ihm der Blick über den Sommer hinaus „größte Sorgen“. Wenn – nicht nur in München – die Herbstfeste beginnen, seien die Krankenhausmitarbeiter im privaten Umfeld einer deutlich höheren Ansteckungsgefahr ausgesetzt, die sich zudem schwerer kontrollieren lässt als in der Klinik. Eine „drastische Situation“ durch Ausfälle drohe dann in den Krankenhäusern. Und das gleichzeitig mit einer voraussichtlich wieder steigenden Belastung durch Corona-Patienten.

Dazu kommt laut Engehausen eine angespannte finanzielle Lage, die für Probleme sorgt: Die staatliche Unterstützung für die Behandlung von Corona-Patienten sei quasi vollständig weggefallen. Gleichzeitig seien die Sachkosten – etwa für Verbrauchsmaterial oder Medizintechnik – „explodiert“. Und anders als viele Unternehmen können die ohnehin oft defizitären Krankenhäuser die Last der Inflation nicht durch Preiserhöhungen weitergeben. Da den Kliniken somit das Geld für Überstundenausgleiche, Leistungen zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf oder andere Maßnahmen für Mitarbeiter fehle, drohten weitere Personalprobleme – und somit „ein Cocktail, der auch die Versorgung gefährden könnte“.

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