Münchner Arzt findet Vorwürfe frech 

Krankenkassen fordern längere Sprechstunden: Ärzte sollen länger arbeiten

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Sollen Ärzte künftig länger arbeiten? 

Sollen Ärzte länger arbeiten? Geht es nach den Krankenkassen, dürften die Sprechstunden länger dauern. Ein Münchner Arzt findet die Vorwürfe frech. 

München - Haben Deutschlands Hausarztpraxen  zu oft geschlossen? Das werfen die Krankenkassen den Medizinern vor. „Krankheiten richten sich nicht nach den Lieblingsöffnungszeiten der niedergelassenen Ärzte“, so Johann-Magnus von Stackelberg, Vize des Verbandes der gesetzlichen Krankenkassen KGV. Die Ärzte sind empört. 

Einer GKV-Umfrage zufolge haben mittwochs zwischen 14 und 17 Uhr nur 20 Prozent der Praxen geöffnet, freitags unter 20 Prozent. Sprechstunden nach 18 Uhr bieten montags, dienstags und donnerstags mehr als die Hälfte der Praxen an - nach 19 Uhr sind es montags 9 Prozent, dienstags 10 Prozent, donnerstags 12 Prozent. Samstags sind nur ein bis zwei Prozent der Praxen zwischen 8 und 13 Uhr geöffnet. Deutlich mehr Arztpraxen sollten auch am frühen Abend und samstags für die Patienten da sein, fordert die GKV. Die Kassenärztlichen Vereinigungen müssten für patientenfreundlichere Sprechzeiten sorgen. Die viele Arbeit außerhalb der traditionellen Kernzeiten dürfe nicht an wenigen Ärzten hängenbleiben, die etwa samstags da seien. 

Andreas Gassen, Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns, weist die Vorwürfe zurück: „Die Aussagen des GKV-Spitzenverbands sind ein Schlag ins Gesicht der niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen und zeugen von der Ferne von Krankenkassenfunktionären zur Versorgung von Patienten.“ Die niedergelassenen Ärzte arbeiteten im Schnitt 52 Wochenstunden und leisteten häufig viel mehr Sprechstunden als sie müssten. „Zu den Zeiten, an denen die Praxen geschlossen sind, ist der ärztliche Bereitschaftsdienst unter der Nummer 116117 zu erreichen“, betonte Gassen. 

„Es ist also Unsinn zu behaupten, zu wenige Samstagssprechstunden seien der Grund dafür, dass Menschen in die Notaufnahmen gingen.“ Der Vorsitzende des Hartmannbunds, Klaus Reinhardt, wirft den Kassen „ein unendliches Leistungsversprechen“ vor, dabei bezahlten sie im Schnitt fast 15 Prozent der Leistungen der Ärzte nicht. „Das darf nicht so weitergehen“, sagte Gassen.

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Wo es in München zu wenig Hausärzte gibt

Auf dem Land ist der Hausärztemangel schon lange ein Problem. In München ist Ärzteversorgung eigentlich hervorragend: Auf 1296 Patienten kommt ein Mediziner. Doch einige Stadtteile kommen nicht auf die erwünschte Quote von 1700 Patienten pro Arzt (siehe rechts). Auffallend: Die Viertel mit den besser verdienenden Münchner sind nicht dabei. Grund: Ärzte wollen lieber in einer Gegend arbeiten, wo es mehr Privatpatienten gibt, mit denen sie mehr verdienen.

Ramersdorf-Perlach: 1703 Einwohner pro Arzt 

Trudering-Riem: 1791 Einwohner pro Arzt 

Berg am Laim: 1958 Einwohner pro Arzt 

Obergiesing-Fasangarten: 2015 Einwohner pro Arzt 

Moosach: 2049 Einwohner pro Arzt 

Feldmoching-Hasenbergl: 2051 Einwohner pro Arzt 

Sendling-Westpark: 2086 Einwohner pro Arzt 

Milbertshofen-Am Hart: 2220 Einwohner pro Arzt 

Hadern: 2284 Einwohner pro Arzt

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Münchner Arzt: Die Vorwürfe sind frech

Dr. Wolfgang Ritter, Allgemeinarzt und Schatzmeister des Bayerischen Hausärzteverbandes, macht die GKV-Kritik wütend: „Ich habe mich wahnsinnig geärgert, weil man es so darstellt, als würden wir Hausärzte nur halbtags arbeiten und den Rest der Zeit auf dem Golfplatz verbringen.“ Der GKV vermische vieles. „Es ist ja nicht so, dass wir nur Sprechstunden anbieten, wir versorgen auch die Altenheime und die Patienten zu Hause, die nicht mehr in die Praxis kommen können. Uns vorzuwerfen, wir würden nichts tun, ist schon frech.“ 

Auf dem Land rennen die Patienten den Hausärzten die Türen ein, weil es zu wenige von ihnen gebe. „Die können nicht nur 20 Stunden pro Woche arbeiten, da sie im Quartal 2000 Leute zu behandeln haben, das geht nicht.“ Werktags hätten die Bereitschaftsdienste bis 21 Uhr offen, dazu komme der Fahrdienst. „Zu sagen, es gibt keine Versorgung, ist nicht richtig.“ In München gebe es neun Bereitschaftspraxen. „Der Patient muss in ganz Bayern alle 30 Minuten eine Bereitschaftspraxis erreichen können.“ 

Weiter: „Wenn behauptet wird, die Versorgung der Patienten zu den normalen Öffnungszeiten ist nicht gewährleistet, ist das völlig falsch.“ Dass Patienten mit harmloseren Problemen in Notaufnahmen der Kliniken gingen, sei auf mangelnde Information zurückzuführen. „Doch die Politik hat kein Interesse daran, das zu ändern.“ 

J. Welte

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