Münchner Fußballer: Von der Baustelle zum Nationalspieler

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Liridon Krasniqi traf bereits Weltfußballer Cristiano Ronaldo.

München/Kedah - In seinen jungen Jahren hat Liridon Krasniqi schon einiges erlebt. Nachdem er in Tschechien bereits mit 17 Jahren Profi-Erfahrung sammeln durfte, fand er sich nur wenig später auf der Baustelle wieder.

Als Spieler in den Jugendmannschaften der Münchner Löwen und des FC Bayern galt Krasniqi früh als großes Talent. Doch immer wieder verbaute er sich seine Chancen, geriet mit dem Gesetz in Konflikt. Mit 17 Jahren verließ Krasniqi Deutschland und versuchte sein Glück in Tschechien. Nur wenige Monate, nachdem er beim FK Mlada Boleslav seinen ersten Profivertrag erhalten hatte, fand er sich auf der Baustelle wieder, wo er lange Zeit für kleines Geld schuftete. Ein Fehler seines Beraters hatte ihm einen zweijährigen Entzug der Spielerlizenz eingebrockt.

Mit dem Wechsel zum türkischen Zweitligisten Fethiyespor im August 2013 schien sich das Blatt für Krasniqi wieder zu wenden. In Anatolien sorgte der heute 23-jährige unter anderem im Pokalspiel gegen Fenerbace Istanbul für Furore und reifte zum kosovarischen Nationalspieler. Doch der nächste Rückschlag folgte nur wenig später: Nach Unstimmigkeiten mit dem Vorstand löste Krasniqi seinen Vertrag in der Türkei nach nur einem Jahr wieder auf. Wieder stand der Kosovare vor dem Nichts.

Bis sich im April 2015 eine neue Chance ergab. Der Kedah FA, einer der renommiertesten Clubs in Malaysia, nahm den Nationalspieler unter Vertrag. Im Interview mit Fussball Vorort verrät Krasniqi, wie es ist, 15.000 Kilometer entfernt von Familie und Freunden zu leben und warum er den Glauben an sich niemals aufgegeben hat.

Du warst in der Zeit von 2011 bis 2013 gesperrt, weil dein Berater einen Fehler gemacht hat. Würdest du trotzdem sagen, dass man Leuten im Profigeschäft vertrauen kann und Freundschaften zu ihnen aufbauen kann?

Liridon Krasniqi: Das war eine sehr harte Zeit. Für mich ist nun die Regel Nummer eins: Vertrau niemandem, vor allem nicht deinem Berater, oder dem Vorstand!

Du hast in den Jugendmannschaften der Löwen und beim 1. FC Nürnberg gespielt. Wer war der beste Spieler, mit dem du in dieser Zeit zusammengespielt hast? Zu welchen Jungs von früher hast du noch Kontakt?

Liridon Krasniqi:  Der einzige Fußballer, den ich während meiner Jugendzeit gut fand, war Dejan Janjatovic, der heute beim FC St. Gallen spielt. Wir sind sehr gut befreundet. Kontakt habe ich auch noch zu Emre Can, Roberto Soriano oder Nicola Sansone.

"Ibrahimovic im Vergleich zu mir? Lächerlich!"

Tschechien, Türkei und Malaysia. In deinen jungen Jahren hast du schon einiges erlebt. Wie haben dich die verschiedenen Länder geprägt?

Liridon Krasniqi: Es gibt bestimmt einfachere Wege, Profi zu werden. Aber ich habe diesen Weg gewählt. Zum Schluss hatte ich keine Optionen mehr. Mit meinen 23 Jahren könnte ich ein Buch mit 500 Seiten schreiben. Die Ibrahimovic-Biographie würde daneben lächerlich ausschauen. Trotzdem bin ich dankbar für die Erfahrungen, die ich bisher sammeln durfte.

Wie kam der Kontakt nach Malaysia zustande? Hast du einen neuen Berater?

Liridon Krasniqi:  Aktuell habe ich keinen Berater und das soll auch so bleiben. Mich hat ein Verantwortlicher kontaktiert und gefragt: "Kannst du ein Stadion zum Beben bringen und für Spektakel auf dem Platz sorgen? Bist du bereit, 15.000 Kilometer entfernt von deiner Familie zu leben?" Als ich dies bejaht habe, hat er gesagt: "Dein Ticket ist gebucht, wann kannst du kommen?" Daraufhin habe ich geantwortet: "Mein Freund, ich bin schon da!"

Hast du dich schon gut eingelebt?

Liridon Krasniqi: Ja, ich habe mich schnell eingelebt. Malaysia ist wunderschön, ganz anders als Europa. Die Leute sind sehr gelassen, ich wohne in einer sehr schönen Gegend. Alles bestens.

Interessieren sich die Leute in Malaysia für Fußball?

Liridon Krasniqi: Die Leute hier in Malaysia sind fußballverrückt. Bei jedem Spiel sind über 30.000 Zuschauer im Stadion und sorgen für eine unglaubliche Atmosphäre. Seitdem ich hier bin, läuft´s! Aus den letzten fünf Spielen haben wir 15 Punkte geholt. Gleich in meinem zweiten Spiel habe ich das Siegtor erzielt. Die Fans erwarten von den ausländischen Spielern aber auch besonders viel.

"Ich bin der ehrgeizigste Mensch der Welt"

Trotz all der Rückschläge hast du nie den Glauben an dich verloren. Woher nimmst du deine Motivation?

Liridon Krasniqi:  Oft genug haben Leute versucht, mir meinen Traum auszureden. Aber jetzt darf ich ihn leben. Ich bin der ehrgeizigste Mensch der Welt. Sicher war es nicht immer leicht. Ich habe eine starke Familie, die immer hinter mir steht. In meinen jungen Jahren habe ich auch den ein oder anderen Gerichtssaal von innen gesehen. Die Staatsanwältin hatte schon einen Spitznamen für mich. Eines Tages habe ich alles hingeschmissen. So konnte es nicht weiter gehen. Mit 16 Jahren bin ich einfach in ein fremdes Land gegangen und habe dort mein Glück versucht. Kaum war ich in Tschechien oben angekommen, musste ich schon wieder Rückschläge einstecken.

Was ist passiert?

Liridon Krasniqi: Nur ein halbes Jahr nach meinem ersten Profivertrag bin ich auf der Baustelle gelandet. Dort habe ich zwei Jahre für neun Euro in der Stunde gearbeitet. Unglaublich, aber leider wahr. Doch ich habe nie aufgegeben und dann hat sich der Wechsel in die Türkei ergeben. Und siehe da, ich habe eine super Saison gespielt und bin sogar Nationalspieler geworden. Doch zu früh gefreut: Von einem Tag auf den anderen habe ich wieder alles verloren, was ich mir erarbeitet habe. Anfang der Saison 2014 war ich gezwungen, meinen Vertrag bei Ankaraspor aufzulösen. Jetzt habe ich wieder einen Neuanfang gestartet. Noch nie ist es besser gelaufen. Ich hoffe, ich bleibe gesund. Dann kann ich allen zeigen, was noch möglich ist. Ich bin das Beispiel für die Jugend da draußen. Never give up!

Was war das bisherige Highlight in deiner Karriere?

Liridon Krasniqi:  Das Pokalspiel gegen Fenerbahce war ein geiles Ding. Gegen Top-Stars wie Bruno Alves, Dirk Kuyt, oder Raul Meireles zu spielen und dann auch noch zu gewinnen, war schon ein Highlight. Zumal ich zwei Monate davor noch auf der Baustelle geschuftet habe.

Rückkehr nach Deutschland nicht ausgeschlossen

Du bist aktueller kosovarischer Nationalspieler. Was ist das für ein Gefühl mit Spielern wie Azemi und Bunjaku für dein Land aufzulaufen?

Liridon Krasniqi: Für mein Land das erste Länderspiel dieser jungen Nation zu bestreiten, war eine große Ehre. Das Gefühl, meine stolze Familie auf der Tribüne zu sehen, war unbeschreiblich.

Welche Ziele hast du noch in deiner Karriere? Sehen wir dich irgendwann mal wieder in Deutschland kicken?

Liridon Krasniqi:  Mein Ziel ist es, wieder alles zu gewinnen, was ich verloren habe. Auf Dauer möchte ich auf konstant hohem Niveau spielen und hoffentlich bald nach Europa zurückkehren. Vielleicht eines Tages auch nach Deutschland.

Lukas Schierlinger

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