Der Krieg der Welten in Schwabing

+
2000 Bürger demonstrierten am Dienstag gegen den Luxuswahn - rechts die Kult-Kneipe Schwabinger 7

München - So ein Aufbegehren hat Schwabing, die Wiege der Münchner (Kneipen-)Kultur, schon lange nicht mehr erlebt. Die tz war bei der Protestaktion gegen den Luxus-Wahn rund um die Schwabinger 7 dabei.

Am Dienstagabend wurden die Münchner Freiheit und die Feilitzschstraße zum Zentrum des Protests gegen ein zunehmend luxus­saniertes München, in dem es immer mehr Wohnungen für Reiche und immer weniger Platz für die kleinen Leute gibt. Am Ende tummelten sich an die 2000 Demonstranten, Passanten und Nachtschwärmer rund um die Schwabinger 7, die einem weiteren Luxus-Bau weichen soll. Die tz war mittendrin.

Der Krieg der Welten

Lesen Sie auch:

"Schickeria" setzt sich für die Schwabinger 7 ein

Schwabinger 7: Immer mehr Widerstand gegen Abriss

Auf dem Gehweg vor der Schwabinger 7 steht ein Mittvierziger, er trägt Jeans mit Geschichte, offenes Hemd und ­darüber ein Sakko samt Trachtenknöpfen. Die eine Hand umklammert eine Gustl-Halbe – das Augustiner-Bier, das viele Münchner aus Tradition trinken. Die andere gestikuliert durch die Luft, Zigarettenrauch zeichnet wilde Kringel in die Nacht. Der Mann schaut verächtlich auf den rotbraunen Neubau direkt gegenüber: „Ich bin sicher nicht so reich wie die Leute, die da drüben wohnen – und vielleicht auch nicht so gescheit. Aber eins spann’ auch ich: Solche Kästen haben nix mit München zu tun. Die könnten auch in Hamburg, Berlin oder gleich in Hollywood stehen.“ Krieg der Welten – und die Front verläuft direkt durch die Feilitzsch­straße. Auf der einen Seite die alte Baracke der Schwabinger 7, ein Kino und Mamas Kebap-Haus, auf der anderen besagter Neubau, mit Luxusapartments, Nobel­boutique und einem schicken Fitnessstudio, das sich über zwei Etagen erstreckt. Die Miete muss derart teuer sein, dass Starbucks ausgezogen ist, weil sich das Geschäft sogar für diese weltweite Kaffeekette nicht mehr gerechnet hat.

„Leute wie ich können es sich schon lange nicht mehr leisten, hier zu leben“, sagt der Mann mit der Gustl-Halben, der seinen Namen nicht nennen will. Vielleicht auch aus Scham, weil er nur eine kleine Sozialwohnung in Berg am Laim hat. Wer in den luxussanierten Wohnungen von Schwabing residieren will, der muss leicht 20 Euro pro Quadratmeter berappen, für die eigenen vier Wände in Top-Lage müssen Gutbetuchte laut einem Bericht des Immobilienverbandes IWD in München durchschnittlich 5150 Euro hinblättern.

Münchner Vororte und Stadtteile: Das bedeuten ihre Namen

Münchner Vororte und Stadtteile: Das bedeuten ihre Namen

Beträge wie aus Utopia – jedenfalls für die vier Maschinenbau-Studenten, die sich mit Frank-Markus Barwasser unterhalten. „Es sind aber auch viele Rentner da“, erzählt der bekannte Kabarettist („Pelzig“), „es rumort bei den Menschen – und das generationsübergreifend.“

Vielleicht 2000 von ihnen sind an die Münchner Freiheit gekommen, um ihren Unmut über den Luxus-Trend in München kund zu tun. An symbolträchtigem Ort, direkt vor dem Denkmal für den Monaco Franze. Viele vermissen dabei Helmut Fischers besten Freund: Oberbürgermeister ­Christian Ude. „Es sollte für ihn Wichtigeres geben als sich über die Standerl am Viktualienmarkt aufzuregen, die angeblich wie Hindukusch-Zelte ausschauen“, findet Christian Stark (47) aus Bogenhausen. „Die Stadtregierung muss endlich die Augen aufmachen und versuchen, das zu bewahren, was München als ganz besondere Stadt in der Welt ausmacht.“

Nur wie – das ist die Gretchenfrage. Viele Demonstranten haben auch keine zündende Idee, wie Ude & Co. dieses Kunststück gelingen soll. Eins jedoch wissen sie sicher, und das zeigt sich in teils sehr emotionalen Kommentaren: So wie jetzt dürfe es mit München nicht weitergehen.

Der Schwabinger Kleinkunst-Macher und Wirt Till Hofmann hofft auf eine Erhaltungssatzung, um Schwabing vor der Gewinnmaximierung der Investoren zu schützen. „Das wäre sinnvoll, wenn man wirklich verhindern will, dass bald noch mehr Schwabinger wegziehen müssen.“

Sein Freund und Arbeitskollege Barwasser sieht das Problem schon längst nicht mehr nur auf Schwabing beschränkt: „Das gleiche Prinzip erleben wir auch in vielen anderen Stadtteilen.“ So könnte aus der Demonstration gegen den Abriss der Schwabinger 7 eine Protestbewegung erwachsen – mit starkem Zulauf von jenen Münchnern, die nicht in Palais’, Residenzen oder in den Feilitzschhöfen zu Hause sind: „Man sollte diese Wut und die Trauer ernst nehmen“, findet Barwasser.

Dafür bekommt er viel Zuspruch. „Gut hast’ g’redt“, lobt ein Schulterklopfer, ein anderer Demogast springt mit seiner Akkustikgitarre auf die Feilitzschstraße und stimmt spontan ein Liedchen an. Das ist zwar nicht Pelzig gewidmet, sondern Franz Beckenbauer. Aber den mögen der Musikant und seine Spezln offenbar genauso sehr: „Der Kaiser Franz ist unser Star“, singen die Männer – zur Melodie von Bob Dylans Knockin’ on heavens door. Weil Beckenbauer trotz allen Erfolgs und seiner Millionen ein echter Münchner geblieben ist. Die Sehnsucht nach Bodenständigkeit und die Angst, in einer fremden globalen, luxusorientierten Welt verloren zu gehen – sie ist an diesem Abend vor der Schwabinger 7 fast mit Händen zu greifen.

Ist die Entwicklung noch aufzuhalten? Eine Antwort hat keiner so recht – bis auf eine ältere Dame mit roten Haaren. Sie drückt den Demonstranten bunte „Energiesteine“ in die Hand, und dabei funkeln ihre Augen vor Freude und Begeisterung. „Vielleicht ist Schwabing ja doch noch mehr als ein Mythos“, sagt Barwasser zum Abschied, „das haben wir heute Abend gespürt.“

Andreas Beez

Auch interessant

Meistgelesen

S-Bahn: Verkehrslage auf der S7 normalisiert sich
S-Bahn: Verkehrslage auf der S7 normalisiert sich
Flohmärkte in München: Hier finden Sie alle Orte und Termine
Flohmärkte in München: Hier finden Sie alle Orte und Termine
Hier ist es in München sicherer geworden - und hier nicht
Hier ist es in München sicherer geworden - und hier nicht

Kommentare