Ein Rückblick

Kriegsende in München – Die letzten Tage vor der Befreiung 1945

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München im April 1945 – die letzen Kriegstage im Ticker. Ein Rückblick.

München, Ende April 1945. Knapp sechs Jahre Krieg haben die Stadt und ihre verbliebenen Einwohner mürbe gemacht. Jeder weiß, dass die Amerikaner bald da sein und die Stadt vom Nationalsozialismus befreien werden. Nürnberg ist bereits erobert, bald ist auch München an der Reihe. Nur ein paar Unverbesserliche glauben nach wie vor an den Endsieg. Doch eigentlich regiert in der Stadt nur noch die Unwissenheit und die Unsicherheit. Wann genau kommen die Amis? Was wird bis dahin noch passieren?

Der Viktualienmarkt in Trümmern.


Wir rekapitulieren in unserem Ticker die letzten Kriegstage sowie die ersten Stunden nach der Befreiung am 30. April. Wir lassen die wichtigsten Geschehnisse aus der Stadt noch einmal aufleben, erinnern an die Bombenangriffe in den Jahren zuvor, lassen Zeitzeugen zu Wort kommen und zeigen beeindruckende Bilder aus der Zeit vor genau 72 Jahren. Tauchen Sie ein in die letzten Stunden eines der dunkelsten Kapitel der Münchner Stadtgeschichte!


Die LMU.

München hat bei Kriegsbeginn 1939 815.000 Einwohner, 1943 sind es sogar 889.000. Doch die kampftauglichen Männer werden einberufen und müssen an die Front, viele Kinder werden auf Grund der immer häufiger werdenden Bombenangriffe ab 1944 aufs Land geschickt, so sinkt die Einwohnerzahl auf 630.000. Im April 1945 leben noch 470.000 Personen in der Stadt. An den Fronten des 2. Weltkriegs sterben 22.346 Münchner, durch Luftangriffe kommen 6.632 Zivilisten ums Leben. Im Bild zu sehen ist die beschädigte Ludwig-Maximilians-Universität.
Robert Seidenader (geboren am 17. November 1929) erlebt die letzten Kriegstage als 15-jähriger Bursche in der Münchner Au. Ende März ist er noch der Einberufung entkommen, da es während seiner Meldung im Wehramt in Berg am Laim zu einem Luftalarm gekommen war. Im Chaos der letzten Kriegstage muss Seidenader dann nicht mehr im Wehramt antreten. Er kann sich noch gut daran erinnern, wie ihm sein Vater sechs Jahre zuvor mitteilte: „Es ist Krieg!“ Viel anfangen kann der kleine Robert mit dieser Information nicht …

Drei Jahre nach Hitlers Angriff auf Polen beginnt 1942 der Bombenkrieg in München. Bei einem Nachtangriff der Engländer kommen am 19. September 30 Zivilisten ums Leben. Es sind die ersten Toten im Münchner Bombenkrieg. Im Jahr darauf steigern sich die Attacken aus der Luft. Weil die deutsche Luftabwehr immer schwächer wird, kommen zu den britischen Nachtbombardements Tagesangriffe der Amerikaner hinzu. Robert Seidenader erzählt, wie das Lebensgefühl in diesen Tagen für die Münchner war…

München in Schutt und Asche.

Allein im Jahr 1945 werden noch 31 schwere Luftangriffe registriert. Theater, Konzertsäle, Museen, Bibliotheken und Kirchen werden genauso getroffen wie tausende Wohnhäuser. Insgesamt gibt es von 1940 an 73 Luftangriffe, bei denen 3,5 Millionen Brand- und Sprengbomben fallen.

Die Bilanz der Zerstörung: 45 Prozent der Bausubstanz der Stadt sind zerstört, in der Altstadt drei Viertel aller Gebäude und vier Fünftel aller Wohnungen. Die historische Altstadt wird zu 90 Prozent dem Erdboden gleichgemacht, 65 Kirchen vernichtet. Hier im Bild sind die Kuppeln der Frauenkirche noch intakt – das sollte aber leider nicht so bleiben. Die Staatsbibliothek verliert etwa 300.000 Bände und 120.000 Manuskripte.

Insgesamt sind bei Kriegsende fast sieben Millionen Kubikmeter Trümmerschutt zu beseitigen und nur 2,5 Prozent aller Münchner Gebäude bleiben unbeschädigt. Etwa 300.000 Münchner(innen) werden durch den Luftkrieg obdachlos. Robert Seidenader erinnert sich, wie er die Bombennächte in der Falkenstraße in der Au erlebte…

Der Stachus.

Das Münchner Leben geht in den ersten Kriegsjahren seinen normalen Gang. Nur die wöchentliche Arbeitszeit wird auf 54 Stunden erhöht. Mitten im Bombenkrieg meldet der Tierpark Hellabrunn 1943 die erste Geburt eines afrikanischen Elefanten in Europa. Auf dem Gelände der Bavaria wird bis zum April 1945 ein Film nach dem anderen gedreht. Im Haus der deutschen Kunst findet die „Große Deutsche Kunstausstellung“ statt. Hauptthema: Der Sieg über Polen.

Zeitungen erscheinen normal. Auf der Galopprennbahn in Riem finden noch immer Pferderennen statt. Und im Frühjahr 1945 wird sogar noch Fußballl gespielt: Im letzten Lokalderby gewinnt der FC Bayern gegen den TSV 1860 am 23. April mit 3:2. Freilich sind beide Teams stark dezimiert. Die Akteure sind entweder sehr jung, oder schon alt. Männer „im besten Fußballeralter“ gibt es zu dieser Zeit in München nicht. Robert Seidenader lebt heute in Hohenbrunn, seine ersten 27 Jahre hat er aber in der Falkenstraße in der Au verbracht. Der 85-Jährige ist dorthin zurückgekehrt und zeigt uns die Situation, wie sie sich eines Tages bei einem Luftangriff für ihn darstellte…

Die Münchner Feuerwehr ist gegen die Massenangriffe machtlos. Ein aufmerksamer Feuerwehrler beobachtet hier auf dem Bild in den frühen Kriegsjahren die Szenerie in der Stadt. Noch halten sich die Zerstörungen in Grenzen.

Viele Wasserleitungen zerbersten durch die Bombardierungen, die Feuerwehr steht bei ihren Löschversuchen auf verlorenem Posten. Immerhin kann die Münchner Bevölkerung noch mit Trinkwasser versorgt werden, wenngleich auch mit unkonventionellen und eigentlich längst aus der Mode gekommenen Methoden.

In einer der vielen Bombennächte flüchtet Robert Seidenader in einen nahegelegenen Bunker. Nachdem der Angriff zu Ende ist, macht sich der Bub auf dem Heimweg. Und dort erlebt er etwas Tragisch-Komisches… 

Dass der Hauptbahnhof als Verkehrsknotenpunkt eines der Hauptziele der Alliierten gewesen war, ist klar. Das gesamte Gelände, im Bild zu sehen der nördliche Teil mit dem Starnberger Flügelbahnhof, wird zerstört. Rechts im Vordergrund ist die Arnulfstraße zu sehen. Im Hintergrund der Turm des alten Verkehrsministeriums, der nach dem Krieg abgerissen wurde.


Robert Seidenader schildert uns noch ein Erlebnis, das zeigt, wie nahe kindliches Vergnügen und lebensgefährliche Situationen im Krieg beieinander lagen… 

Und nicht einmal beim Fußballspielen hat man seine Ruhe vor den Fliegeralarmen. Auch mitten auf dem Platz befindet man sich in unmittelbarer Lebensgefahr…

Der Hunger regiert in München: Für den sogenannten “Normalversorgungsberechtigten” gibt es in dieser Woche folgende Lebensmittelzuteilung: 1700 Gramm Brot, 250 Gramm Fleisch, 125 Gramm Fett, 75 Gramm Nährmittel, 125 Gramm Zucker (oder Marmelade in doppelter Menge). Dazu gibt es bis hierhin alle drei Wochen 62,5 Gramm Käse, 125 Gramm Topfen und 100 Gramm Kaffee-Ersatz. Viele Menschen werden krank, es gibt auch wegen der katastrophalen Versorgungslage Tote. Im Bild sieht man, wie ein Wagen mit leeren Särgen die Ludwigstraße entlanggekarrt wird. Im Hintergrund die Staatsbibliothek.


Robert Seidenader erinnert sich, wie dankbar man war, wenn man etwas Essbares zu Hause hatte. 

Überall im Stadtgebiet finden sich Flugblätter der Alliierten, die in den vergangenen Tagen und Wochen abgeworfen wurden. Das Aufheben der Blätter ist von den Nazis strengstens verboten! Wer es in einem unbeobachteten Moment dennoch macht, liest vermeintlich ermunternde Zeilen: “Drei Tonnen Sprengstoff wurden auf einem Flugplatz zurückgelassen, um diese Flugblätter abzuwerfen. Ein Flugzeug hat den langen Weg hierher mit keiner anderen Last als Flugblättern zurückgelegt. Sie sollen nicht Leben vernichten, sondern Leben retten.”

Es folgen in den Flugblättern genaue Anweisungen für die Zivilbevölkerung, ihre Familien in Sicherheit zu bringen, die Nähe von Fabriken und Bahnanlagen zu meiden, sich dem Volkssturm zu entziehen und die Soldaten vom sinnlosen weiteren Widerstand abzuhalten. Andere Flugblätter schildern den Untergang der deutschen Armeen, den vergeblichen Opfertod der Volkssturmmänner und Hitlerjungen, den Wiederbeginn des zivilen Lebens in den von Alliierten besetzten deutschen Gebieten.

Ein Blick in die Sendlinger Straße.

Ende April 1945 hat sich die Situation in München zugespitzt: Gauleiter Paul Giesler glaubt auch am 25. April noch an den Endsieg. Beziehungsweise möchte er den Alliierten München, wenn überhaupt, dann im schlechtesten Zustand überlassen. Deshalb befiehlt Giesler die Sprengung aller Isarbrücken in der Stadt. An diesem Mittwoch Nachmittag empfängt der Gauleiter einige Herren, unter anderem aus der Stadtverwaltung. Sie halten dem Gauleiter vor, dass die fünf zur Sprengung bestimmten Brücken die Wasserversorgung und die Stromversorung aufrechterhalten würden.

Giesler wird wütend: „Meine Herren, wir haben kein Oktoberfest, wir haben Krieg!“ Der Gauleiter verbittet sich jede weitere Unterhaltung zu diesem Thema. Auch das Argument, dass über die Eisenbahnbrücke in Großhesselhohe die ganze Milchversorgung für die Stadt komme und dass hunderte oder gar tausende von Säuglingen dadurch in höchste Not geraten würden, beeindruckt ihn nicht.

Die Ludwigsbrücke.

Giesler behauptet, es gäbe keine Säuglinge mehr in München. Er besteht so lange auf Durchführung der Sprengungen, bis ihm von Wehrmachtsseite gesagt wird, dass bei einer Unterbrechung der Wasserversorgung Münchens rund 400.000 Menschen die Stadt verlassen müssten und damit sämtliche Straßen verstopfen würden, womit alle Truppenbewegungen unmöglich würden. Das schließlich leuchtet dem Gauleiter ein. Er widerruft den Befehl zur Sprengung!
In der Nacht auf Donnerstag, den 26. April, erlebt München den letzten von insgesamt 73 Luftangriffen. Doch die Münchner wissen zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass nie wieder Flugzeuge über ihren Köpfen ihre tödliche Last abwerfen werden. Stattdessen geht die Ungewissheit weiter. Wann ist der Krieg endlich vorbei?

Der Pavillon im Hofgarten.



Donnerstag, 26. April 1945 in München


Am 26. April beginnt der „Todesmarsch“ tausender Häftlinge aus dem KZ in Dachau sowie weiteren Lagern wie Allach. Ziel des beschwerlichen Fußwegs ist das Öztal in Tirol, wo die Häftlinge den Nazis als „Verhandlungsmasse“ mit den Alliierten dienen sollen. Tausende Häftlinge überleben den strapaziösen Marsch, der von brutalen SS-Schergen überwacht wird, nicht. Sie sterben vor Erschöpfung, Hunger – oder werden unterwegs gnadenlos hingerichtet. Erst Anfang Mai hat der Horror-Marsch ein Ende.

Freitag, 27. April 1945 in München

Die Münchner Neuesten Nachrichten berichten am Freitag, den 27. April, über die militärische Lage in Südbayern. Die Linien entlang der Donau würden von den Deutschen hartnäckig verteidigt. Das längst von den Amerikanern besetzte Nürnberg werde dem Feind in einem “heldenhaften Endkampf” streitig gemacht … Den Sinn für die Realität hat die Nazi-Presse schon lange verloren …

Für Münchens zukünftigen Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel (1960 bis 1972) ist der Krieg am 27. April 1945 zu Ende. Vor einer Woche nach einer zwischenzeitlichen Verwundung wieder an die Front in Italien zurückgekehrt, wird Unteroffizier Vogel gefangengenommen. “Auf freiem Feld”, erinnert sich Vogel später, “treiben italienische Partisanen und US-Soldaten in der Nähe von Vicenza etwa 4000 Gefangene zusammen. Es ist ein Haufen von abgerissenen Soldaten und Hilfswilligen aus mindestens zehn bis zwölf Nationen.
Auf der Straße rollen in ununterbrochener Folge endlose Kolonnen amerikanischer Panzer, Geschütze, Mannschaftstransportwagen und Nachschubfahrzeuge vorbei. Krasser konnte die materielle Überlegenheit der Alliierten und die Sinnlosigkeit unseres Kampfes auch vom rein militärischen Standpunkt her kaum zutage treten.”
Drei Mal müssen die Münchner noch schlafen, dann ist für sie der Krieg zu Ende! Bis dahin sollten aber noch einige Dinge geschehen. Dinge, die von einem gewissen Personenkreis eine gehörige Portion Mut erforderten. Dinge, die den Krieg möglicherweise etwas verkürzt haben. Dinge, bei denen zahlreiche Menschen ihr Leben lassen mussten – im Kampf für den Frieden. Die Rede ist von der Freiheitsaktion Bayern, die am 28. April 1945 versuchte, die Oberbayern zur Kapitulation zu bewegen. 

Samstag, 28. April 1945: Die Freiheitsaktion Bayern scheitert

Samstag, der 28. April 1945. Dieser Tag wird den letzten, groß angelegten und blutigen Vergeltungsschlag der Nazis rund um München bringen. An diesem Tag, einem Samstag, versuchen die tapferen Männer der Freiheitsaktion Bayern, die Bevölkerung zur vorzeitigen Kapitulation zu bringen. Sie beginnen ihre Mission an jenem 28. April kurz nach Mitternacht. 

Während der Durchhalte-Prediger, Gauleiter Paul Giesler, über den Sender “Laibach” die Bevölkerung Münchens zum Durchhalten und zum Kampf gegen die anrückenden Amerikaner auffordert, kommen aus dem Sender in Freimann um 5.50 Uhr plötzlich andere Töne: “Achtung, Achtung! Sie hören den Sender der Freiheitsaktion Bayern! Achtung, Achtung! Hier spricht die Freiheitsaktion Bayern. Das Stichwort „Fasanenjagd” ist durchgegeben. Arbeiter schützt Eure Betriebe gegen Sabotage durch die Nazis! Sichert Arbeit und Brot für die Zukunft … Verwehrt den Funktionären den Zugang zu Euren Anlagen. Die FAB hat heute Nacht die Regierungsgewalt erstritten … Die FAB hat das Joch der Nazis in München abgeschüttelt.” 

Die Aktion wird in erster Linie übers Radio, aber auch über Flugblätter propagiert.

Die Absicht hinter der Aktion: Wenigstens in Oberbayern zu verhindern, dass im Strudel des Zusammenbruchs noch fanatische Durchhaltebefehle befolgt werden. Der 7. US-Armee, die von Nordwesten her über die Donau dringt, soll schnell der Weg nach München und zum Voralpenland geöffnet werden. Die Aktion bekommt das Stichwort Fasanenjagd, da die Nazi-Bonzen im Volksjargon als Fasanen bezeichnet werden. 

Anführer dieser Widerstandsaktion in letzter Minute ist der Hauptmann Rupprecht Gerngroß (30), Chef einer Dolmetscher-Kompanie und im Zivilberuf Münchner Anwalt. Gerngroß ist bei seiner Durchsage im Radio nur schwer zu verstehen, denn er hat kein normales Mikrofon zur Verfügung, sondern nur eine Sprechmuschel eines Feldfernsprechers. 

Hauptmann Rupprecht Gerngroß

Gerngroß’ Dolmetscher-Kompanie ist freilich nicht gerade eine Kampftruppe. Eher schon die Panzerjäger-Ersatzabteilung 7 in Freising. Ihr Kommandeur, Major Alois Braun, verfügt immerhin über Jagdpanzer. Er macht bei der FAB auch mit. Drei Panzer und 100 Mann sind es denn auch, die am frühen Morgen des 28. April das Sendegebäude im Erdinger Moos besetzen. Zuvor hat Gerngroß seine Leute vom Eid auf Hitler befreit. Nach der Einnahme steht der Großsender zur Verfügung, doch für Stunden nutzt ihn niemand. Gerngroß ist nämlich auf der Suche nach einem Aushängeschild. Nach einer Persönlichkeit, die Ansehen im Volk, in der Wehrmacht und in der Partei genießt. Durch sie soll das Anliegen der FAB nachhaltig an das Volk gebracht werden.

Franz Ritter von Epp, Reichsstatthalter in Bayern, General der Infantrie und SA-Obergruppenführer, soll diese Rolle übernehmen. Gerngroß sucht Epp in der Nähe von Starnberg auf, kann ihn aber nicht überzeugen. So wird Epp in Schutzhaft genommen und fährt, begleitet von Major Günther Caracciola, mit Gerngroß zurück in den Sender. Endlich, es ist 5.50 Uhr, spricht Gerngroß über den Großsender, fordert die Einstellung jeden Widerstands. “Der Reichsstatthalter von Epp ist bei der FAB, er hat Verhandlungen mit den Alliierten aufgenommen.” Das ist freilich gelogen. Denn Epp, als gläubiger Katholik oft “Muttergottes-General” genannt, kann sich auch in Freising nicht dazu durchringen, an die Spitze der FAB zu treten. “Ich kann meinen Freunden in der Partei nicht in den Rücken fallen”, sagt er.

Franz Ritter von Epp.

Auch sonst läuft Vieles nicht nach Plan: Zwar werden vorübergehend der Luftwaffensender Freimann und auch das Rathaus besetzt, aber die entscheidende Aktion, den Gauleiter Paul Giesler im Zentralministerium Ecke Galerie-/Ludwigstraße auszuheben, scheitert. Giesler wird vom Volkssturm bewacht. Und kein Soldat will Kopf und Kragen für eine zweifelhafte Sache riskieren. So hat Gauleiter Giesler leichtes Spiel. Über die Rundfunksender, die von der FAB kampflos wieder aufgegeben werden, verdammt er die “ehrlosen Gesellen eines Hauptmanns Gernegroß” und gibt um 16.48 Uhr die Niederschlagung des Aufstands bekannt. Etwa um die gleiche Stunde wird Major Caracciola nach Standgerichtsurteil im Hof des Zentralministeriums von einem Volkssturm-Peloton erschossen. Sechs weitere Männer, meist Zivilisten, werden ebenso an die Wand gestellt.
Hauptmann Gerngroß und Major Braun entkommen dem Todesurteil. In Zivilkleidung gehen sie nördlich den Amerikanern entgegen. Viele andere Verschwörer werden von Gauleiter Giesler ebenfalls sofort zum Tode verurteilt. Über 100 Menschen kommen durch blutige Vergeltungsaktionen der Nazis ums Leben. Der Gauleiter schreibt in einem Aushang: “Der Spuk wird bald vorbei sein.” Wie recht er doch haben wird … aber anders, als er es sich wünscht … Unser Zeitzeuge Robert Seidenader kannte einen Beteiligten an der Freiheitsaktion Bayern.

Pfarrer Josef Grimm

Eine dramatische Geschichte spielt sich in dem kleinen Ort Götting bei Bad Aibling im Laufe dieses 28. April 1945 ab. Am frühen Morgen haben auch Lehrer Georg Hangl und Pfarrer Josef Grimm von der FAB im Radio gehört. Nach kurzer Beratung entschließt man sich, wie von der FAB verlangt, eine weiß-blaue Fahne am Kirchturm zu befestigen. Die Hakenkreuzfahne landet in der Dachrinne. Doch einige SS-Leute sind noch im Ort und bekommen den aus ihrer Sicht unverzeihlichen Landesverrat mit. Sie werden beim Pfarrer vorstellig und fordern ihn auf, in ein Auto zu steigen. Grimm steigt ohne zögern ein – sein Todesurteil!
Die SS fährt mit ihm in Richtung Irschenberg in ein Waldgebiet. Dort wird er misshandelt und durch zwei Genickschüsse getötet. Der Dorflehrer Hangl wird später auch noch von der SS gefunden – und ebenfalls erschossen. Zwei Helden sterben – so kurz vor dem Kriegsende. Nach dem Krieg wird SS-Obersturmführer Josef Bachot immerhin als Hauptschuldiger vor Gericht gestellt. Das Strafmaß wegen Totschlags ist jedoch so gering, dass Bachot mit zweieinhalb Jahren Untersuchungshaft davon kommt. Ein Witz! Als in München die Aktion von der “Freiheitsaktion Bayern” die Runde macht, halten auch hier einige Menschen den Krieg für beendet und hissen die weiße Fahne – auch hier mit tödlichen Konsequenzen, wie sich Robert Seidenader erinnert.

Was hat die FAB erreicht? Einige Nazibonzen ergreifen in Stadt und auf dem Land die Flucht. Und dadurch kann vielerorts die Durchführung letzter Mordbefehle verhindert werden. Dass mancher Ort unzerstört und kampflos den Amerikanern übergeben werden kann, ist wohl vor allem ein Verdienst der FAB. Leider gehen nur wenige “Fasane” ins Netz. Kritiker behaupten heute, die Aktion sei dilettantisch organisiert worden und habe unnötige Todesopfer gefordert. Vielleicht liegt die Wahrheit in der Mitte! Mutige Helden waren die Beteiligten allemal. In München erhält die “Danziger Freiheit” in Schwabing ab 1946 einen neuen Namen: Zu Ehren der Freiheitsaktion Bayern wird der Platz in “Münchner Freiheit” umbenannt.

Die Freiheitsaktion Bayern ist gescheitert. Und was liegt für einen größenwahnsinnigen Gauleiter wie Paul Giesler da näher, als einen Aufruf an alle Beamten, Angestellten und Arbeiter des öffentlichen Dienstes zu erlassen: Sie sollen unter allen Umständen ihre Aufgaben auch unter schwersten Bedingungen fortführen. Für das Verlassen des Arbeitsplatzes werden harte Strafen angedroht.

In der Nacht auf den 28. April liegt an vielen Orten Münchens das Ende des Krieges in der Luft, auch ohne dass man von der FAB erfahren hat. Revier-Oberwachtmeister Christian W. ist seit dreieinhalb Jahren als Turmbeobachter auf dem Nordturm der Frauenkirche eingeteilt, und das bis zum letzten Kriegstag. Seine Aufgabe: Feindliche Fliegerangriffe rechtzeitig an den Gauleiter zu melden.

W. berichtet dem Münchner Merkur zehn Jahre nach Kriegsende von den letzten Tagen in München, ehe die Amerikaner kommen. “In der Nacht zum 28. April war’s ganz ruhig bei uns auf’m Turm. Bis um Viere hab i zum Fenster nausschaugt, dann hab i mi a bissl niederglegt. Wie i in der Früh dann wieder nausschau, hängt da aufm Südturm drübn ein Mordstrumm weiße Fahna, so groß wia drei Bettücher. I geh an Apparat und meld des in Gauleiterbunker am Nockherberg. Der Oberst F., mit dem s’ mi verbunden ham, plärrt net schlecht. ‘Sofort runter damit!’ schreit er mi an. Also gut – i steig nunter von meim Turm und drübn wieder nauf, ziag die Fahna ei, steig nomal runter und radl dann mit dem Betttuch unterm Arm zum Nockherberg naus. Wie i’s abliefere, lauf i wieder dem Oberst F. in d’ Händ. ‘Was haben Sie für einen Haarschnitt, Wachtmeister!’ fährt er mi an. ‘Ihnen stehen ja die Haare hinten unter der Mütze raus. Sofort gehen Sie zum Friseur!’ Die ham Sorgen, hab i mir denkt …”

Die weiße Fahne am Nordturm der Frauenkirche sorgt zwischenzeitlich an anderen Stellen Münchens für Ärger. Oberleutnant G., der aus dem Raum Berlin stammende Kommandant der Doppelbatterie Unterbiberg, hat davon gehört und ist über das riesige Frieden ankündigende Betttuch so erzürnt, dass er den Beschuss der Frauenkirche befehlen will. “Schweinerei das, verdammte”, berichtet ein Augenzeuge später über den Wutanfall von Oberleutnant G. “Wir werden die Flagge herunterschießen. Sie ist Verrat an uns Soldaten.”

Der Chef scheint fest entschlossen, seine Drohung wahrzumachen und ordnet die Werte an, die es zum Beschuss der Frauenkirche von Unterbiberg aus benötigt. Leutnant H., der aus dem Raum Salzburg stammende Kommandant der untergeordneten B-Batterie, entgegnet: Es wäre eine Verantwortungslosigkeit sondergleichen, eine Schande, dieses Kulturgut noch mehr zu beschädigen, als es schon durch die Brände und die Fliegerbomben geschehen sei. Man ist sich in der Batterie völlig im Klaren, dass der Beschuss mit 16 Kanonen von gewaltiger Vernichtungskraft sein muss. Aber Befehl ist Befehl. Dennoch: Leutnant H. startet einen letzten Versuch, seinen Chef zur Vernunft zu bringen. Er spricht eindringlich und scharf auf Oberleutnant G. ein. Und tatsächlich geht H. als Sieger hervor, irgendwie lässt sich G. doch noch überzeugen. München verdankt ihm viel: Die Frauentürme werden nicht beschossen und wachen nach dem Krieg und einigen nötigen Reparaturarbeiten weiter über München, so wie sie es seit dem Jahr 1488 tun.


Am Abend des 28. April 1945 schieben sich stadtauswärts in Richtung Süden lange Autokolonnen. Endlose Einheiten derer, die den Auftrag haben, sich irgendwo bei irgendwem zu melden. Adolf Hitler hatte befohlen, dass sich sämtliche noch verfügbare Kräfte in die Alpen zurückziehen sollten, zur Bildung einer „Alpenfestung“. Das ist freilich nur billige Propaganda. Der Alpenraum füllt sich mit unorganisierten Militäreinheiten, das Chaos nimmt zu. Bald ist es vorbei mit dem Krieg. Im Bild zu sehen ist der zerstörte Berghof von Adolf Hitler am Obersalzberg.

Der zerstörte Berghof.

München aber wartet weiter. Darauf, dass die Amerikaner endlich kommen. Dass der Krieg ein Ende findet. Dass die Ruinen endlich abgetragen und ein Neuanfang gestartet werden kann. Die Münchner wissen noch nicht: Ein Tag Krieg steht ihnen noch bevor. Es wird aber der letzte sein! Mehr dazu gibt es auf jetzt folgend.

Sonntag, 29. April 1945: Das KZ Dachau wird befreit

Ein letztes kleines Zucken der Nazis in der gleichgeschalteten Presse: Die Münchner Neuesten Nachrichten erfreuen sich noch an diesem Sonntag, dem 29. April 1945, an der Niederschlagung der Freiheitsaktion Bayern. “In energischem Zuschlagen umgehend erledigt”, titelt das Blatt mit martialischen Worten. Gauleiter Giesler wird zitiert, er nennt die Aktivisten der FAB “einzelne Lumpen und Verräter” und “erbärmliche Kerle”. Apropos: Der Gauleiter selbst sucht noch am selben Tag das Weite und flieht aus München. Anfang Mai entscheidet er sich für das selbe Schicksal wie sein geliebter Führer und jagt sich eine Kugel in den Kopf.

Ein weiterer Blick in die Münchner Neuesten Nachrichten vom 29. April: Kaum zu glauben: Im Innenteil der Zeitung schwadroniert ein Autor doch tatsächlich darüber, wie wunderbar schön das Wetter am Vortag am Walchensee gewesen sei. “Auf einer vorgeschobenen Landzunge hat die Ortschaft Walchensee Platz gefunden, die einzige Siedlung neben den wenigen Häusern von Urfeld. Gleich einer fernen Erscheinung stehen die lichtverzauberten Höfe auf dem strichartig schmalen Landstück, bevor dahinter wieder die sanftgerundeten waldigen Hügelwellen anheben”, heißt es an einer Stelle. Als hätten die Münchner keine anderen Probleme, als sich mit den Lichtspiegelungen am Walchensee zu beschäftigen …

Ein bewegender Moment! Das KZ Dachau wird an diesem Sonntag befreit! Nach zwölf Schreckensjahren – das Konzentrationslager war unmittelbar nach Machtübernahme der Nazis 1933 errichtet worden – hat das Grauen endlich ein Ende. Das dritte Bataillon der 45. Infanterie-Division der 7. US-Armee rettet rund 20.000 Häftlinge. Doch es findet auch Leichenberge von Ermordeten, Verhungerten und an Seuchen Gestorbenen. Alleine in einem Eisenbahnzug entdecken die Amerikaner über 2300 Tote! Ein schrecklicher Anblick, der sich in die Gedächtnisse zahlreicher Soldaten einbrennt.

Einzelne Soldaten sind so schockiert und wütend, dass es zu Vergeltungsaktionen kommt. Viele SS-Leute werden an die Wand gestellt und erschossen. Andere werden unmittelbar festgesetzt. Obwohl die Lagerführung sich eigentlich längst ergeben hatte, wird zunächst von den Wachtürmen aus immernoch geschossen, auch als die Amerikaner schon da sind. Es dauert eine Weile, bis die Lage unter Kontrolle ist.

Die Soldaten wissen nicht, wie sie dem Elend begegnen und wie sie den Überlebenden des Grauens auf die Schnelle helfen sollen. Schreckliche Szenen spielen sich ab. Der Franzose Joseph Rovan ist Insasse in Dachau und berichtet später: “Die Amerikaner verstanden natürlich nicht, um was es sich handelte und waren völlig durch die Zustände über den Haufen geworfen. Sie begannen, den hungernden Leuten erst mal ordentlich Essen auszuteilen. Viele Ex-Häftlinge, die an Typhus oder anderen Krankheiten litten, schlangen das Essen nur so in sich hinein. Für viele bedeutete das den Tod nur wenige Stunden danach.”

US-Soldat Carl Getzel war bei der Befreiung des Kzs in Dachau dabei. Dem Münchner Merkur schilderte er 60 Jahre nach der Befreiung seine Erinnerungen: „Die Befreiung von Dachau war das schlimmste und bewegendste Erlebnis meines Lebens.“ Über die Schienen ist er ins KZ gekommen. Auf den Gleisen liegen verstreut überall Leichen von Gefangenen, die beim Fluchtversuch von den Wachposten erschossen worden waren. „Der Gestank war unglaublich. Es war nach Monaten im Krieg natürlich nicht das erste Mal, dass ich Verwesungsgeruch roch. Aber so etwas hatte ich noch nicht erlebt.“

Später findet US-Soldat Getzel einen französischen Gefangenen, mit dem er sich verständigen kann. „Er zeigte mir, wo Kleider aufbewahrt wurden. Auch dutzende Spielzeugpuppen gab es dort. Er hob eine Puppe hoch und sagte: ‘Für jede Puppe ist ein kleines Mädchen gestorben.’ Er konnte nicht aufhören zu weinen. Und wir konnten nicht aufhören zu weinen.“ Doch das Schlimmste steht Getzel und seinen Kameraden noch bevor: Als sie den Duschraum betreten, stapeln sich dort die Leichen – “bis unters Dach. Ich weiß gar nicht, wie sie die alle dort hereingebracht hatten. Es müssen Tausende gewesen sein.”

Auf das, was er zu sehen bekommt, war der damals 18-jährige mit keinem Wort vorbereitet worden. “Wir gehen Dachau befreien”, hatte der Befehl geheißen. Und als er fragt, was denn Dachau sei, erhält er die Antwort: “Ein Konzentrationslager”. Auch mit dieser Information kann der junge Amerikaner nichts anfangen. Erst als er in Dachau über die Gleise marschiert, bekommt er eine Ahnung, was ein Konzentrationslager ist. Auch die Lager in Allach, Ludwigsfeld und Karlsfeld werden an diesem Tag befreit. Später machen die US-Soldaten Erinnerungsfotos. Teilweise über die unbeschreiblichen Zustände im Lager, andernorts aber auch mit erfreulichen Motiven. So posiert der auf dem Foto zu sehende Soldat lächelnd vor einem Schild, das den nächsten Ort anzeigt: Dachau! Jener Ort, der so dringend befreit werden musste!

Trotz der furchtbaren Dinge, die an diesem Ort in der Vergangenheit geschehen sind und die nachhaltigen Eindruck hinterlassen, haben die Überlebenden natürlich Grund zur Freude. Den Amerikanern wird jede Menge Dankbarkeit entgegen gebracht. In den Tagen nach der Befreiung des Lagers kommt es immer wieder zu schlichten Feierlichkeiten und Zusammenkünften. Die Menschen feiern, dass sie überlebt haben. Sie vergessen dabei aber nicht ihre Mitinsassen, denen dieses Glück nicht vergönnt war. Unser Zeitzeuge Robert Seidenader hatte einige Tage nach der Auflösung des Lagers ein Erlebnis mit einem ehemaligen KZ-Häftling …

In München bereitet man sich im Laufe des 29. Aprils mehr und mehr darauf vor, dass die Amerikaner jetzt sehr bald kommen werden. Wer den “Feindsender” BBC hört, der weiß, dass die Amis bereits kurz vor München stehen. Um 11 Uhr Vormittags wird der ohnehin nur noch spärlich eingesetzte Tramverkehr endgültig eingestellt. Teilweise lassen die Fahrer die leeren Wägen einfach auf offener Straße stehen. Das Kriegsende naht, die Amerikaner sind bald in der Stadt. Da ist man lieber zu Hause bei seinen Liebsten.

Gegen Mittag haben sich die amerikanischen Kampfverbände bis auf Artillerieschussweite der Stadt genähert. Da und dort macht sich leichter Widerstand bemerkbar. Doch es ist sinnlos. In Feldmoching verschanzt sich eine kleine SS-Gruppe mit Sturmgeschützen im Friedhof. Erst gegen Abend, als Panzer sie unter Beschuss nehmen, gibt sie auf. Auch bei Schleißheim und Lohhof werden Schüsse gewechselt. Und vor Freimann erleiden die Amerikaner noch einige Verluste. Allmählich dringt der Kampflärm näher …

Nur noch wenige Menschen sind auf den Straßen unterwegs. Um 16 Uhr stellt der Reichssender München seine Sendung ein. Gegen 19 Uhr kommt gespenstisches Leben in die Stadt. Zu Hunderten ziehen in einem schier endlosem Zug Alte und Junge, Männer und Frauen auf Fahrrädern, mit Handwagen und Schubkarren, mit Säcken und Wäschekörben aus der Innenstadt durch die Bayerstraße, die Landsbergerstraße hinaus zum Zollamt, dessen riesige Lagerhäuser – wie man sagt – “freigegeben” wurden. 

“Es ist furchtbar anzusehen”, heißt es in dem Tagebuch einer Münchnerin, “wie gierig und rücksichtslos die meisten sind, sich mit Ellbogen und Fäusten in diesem fürchterlichen Gedränge Platz verschaffen… Die Menschheit ist eine Bestie – nie habe ich sie so entfesselt und hemmungslos gesehen wie in diesen Stunden und nie, nie werde ich das vergessen.” Das waren die ersten Stunden der Plünderer. In den kommenden Tagen sollte das Plündern zu einer der Hauptbeschäftigung vieler Münchner werden – wer will es ihnen verdenken?

Für den Landkreis Fürstenfeldbruck im Münchner Westen geht der Krieg an diesem 29. April zu Ende. Der Tag beginnt mit einem Luftangriff auf das Dorf Hattenhofen im westlichen Landkreis. In knapp 45 Minuten werden drei Wohnhäuser und 16 Wirtschaftsgebäude zerstört. Drei Menschen kommen ums Leben. Noch Tags zuvor hatte der Ortsgruppenleiter von Gröbenzell den Vormarsch der Alliierten einen „Spuk“ genannt, der bald vorbei sein werde. Nun erweist sich der Spuk als perfekte Militärmaschinerie. Während die Eisenbahnbrücke nach Schöngeising und die Amperbrücke in Grafrath in letzter Minute sinnlos in die Luft gesprengt werden, kann die Flussbrücke in FFB (Foto) gerettet werden.

Als die Amerikaner kommen, muss aber der Metzgermeister Florian Schlammerl auf den ersten Panzer steigen um zu beweisen, dass keine Sprengladungen untergebracht sind. Ein tragisches Todesopfer ist in Germering zu beklagen: Josef Huber, der Bichl-Bauer, muss einem Zeitungsbericht aus den 50er Jahren zufolge sterben, weil er schwerhörig ist und auf den Befehl “Hands up” die Hände nicht hochnimmt. Ein Drama! In München erlebt unser Zeitzeuge Robert Seidenader tatsächlich noch, wie sich SS-Männer auf ihren Einsatzwägen damit brüsten, für den Endsieg zu kämpfen.

Sie erinnern sich an Wachtmeister Christian W., den Turmbeobachter auf dem Nordturm der Frauenkirche, der am Tag zuvor ein weißes Bettlaken vom Südturm der Frauenkirche entfernen musste? W. schaut an diesem 29. April aus dem Fenster vom Turmstüberl im Nordturm. Und was sieht er? “Da hängt pfeilgrad drübn scho wieder a Fahna – diesmal a englische. Des hab i aber gar nimmer gmeldt, sondern bin glei nüber uns habs einzogn. Abgliefert hab i ‘s nimmer. Die hab i heut no dahoam. I hab mir des so erklärt, dass in der Kirch beim Schutträumen englische Gfangene waren. Von denen wird die Fahna stammen. Wer ‘n’ aufghängt hat, weiß i allerdings net”, erzählte er 1955 dem Münchner Merkur.
Das Erlebnis des Turmwächters an der Frauenkirche macht deutlich: Die Münchner wissen, dass der Krieg bald zu Ende ist. Bis die Amerikaner die Stadtgrenze überqueren, das ist nur eine Frage von Stunden. Einmal noch schlafen, dann ist der Krieg zu Ende. Ein Bild wie das hier gezeigte, mit Feuerstürmen in den zerbombten Straßen, wird es nicht mehr geben. Es kehrt endlich Ruhe ein! Was am 30. April 1945 in München alles geschah, das können Sie auf den nächsten Seiten lesen.

Montag, 30. April 1945: Die Amerikaner befreien München

30. April 1945! An diesem Tag wird die Stadt befreit! Die Amerikaner sind da, der 2. Weltkrieg ist in München beendet! Endlich! Wir schildern hier im Ticker die Ereignisse des Tages in einer Chronologie!

Bereits um 2 Uhr in der Früh fahren erste US-Verbände in der Stadt ein. Etwa 100 Mann der zur Rainbow Division gehörenden Truppe kommen vom Nordosten her über Oberföhring nach München. Die Amerikaner besetzen Hitlers Münchner Wohnung am Prinzregentenplatz 16 und richten dort im zweiten Stock einen Gefechtsstand ein. Im Geldschrank finden die Amerikaner zwölf Exemplare der ersten Ausgabe von „Mein Kampf“ mit Autogramm, jedoch keinerlei Wertsachen oder Dokumente.

Auch Turmbeobachter Christian W., den wir die vergangenen Tage bereits vorgestellt haben, bekommt auf dem Nordturm der Frauenkirche den Einmarsch der Amis mit. „Mit unsere Ferngläser ham wir in der Gegend von Garching morgens die ersten Amis gsehn. Mei Kamerad auf’m Turm hat scho Zivil anghabt, vorsichtshalber. Um 14 Uhr seh i dann eine amerikanische Kolonne am Stiglmaierplatz fahren. I geb die Meldung an den Bunker durch. ‘Sofort abbauen“, ham die mir befohlen, ‘und mit Peilgerät, Radio, Ferngläsern und so weiter hier melden zwecks weiterer Verwendung!’ Da hab i denen an Götz von Berlichingen gwunschen und bin hoamgfahrn.

Die Kolonne, die der Turmbeobachter am Stiglmaierplatz gesehen hat, wird von Ernest Langendorf angeführt. Er ist ein deutschstämmiger US-Offizier, der kurz zuvor von Pasing kommend mit zwei Jeeps nach München einfährt. An der Friedenheimer Brücke vorbei fährt der Tross die Arnulfstraße entlang in Richtung Innenstadt. Wie Langendorf diesen Moment erlebte, schilderte er später dem Bayerischen Rundfunk (

zur O-Ton-Aufnahme geht‘s hier).

Langendorf erinnerte sich später weiter: “Wir fuhren weiter bis zum Stachus. Wir wussten nichts von der Niederwerfung der FAB und nichts von den Hinrichtungen, die Gauleiter Giesler noch angeordnet hatte. In der Kaufingerstraße sah ich einen Mann, der in der Augustinerstraße verschwand. Wir folgten ihm bis zum Polizeipräsidium in der Ettstraße. Dort standen 30 oder 40 bewaffnete Polizisten. Sie hoben, als wir heranfuhren, die Arme in die Höhe. Einer trat vor, salutierte und meldete: ‘Hier ist das Polizeipräsidium, alle Waffen sind eingesammelt und stehen zu Ihrer Verfügung.'” Deutsche Gründlichkeit auch in den Augenblicken der Kapitulation … Im Bild zu sehen, wie ein amerikanischer Panzer zu etwas späterer Stunde am Justizpalast den Stachus entlang fährt.

Wachtmeister Geineder von der Polizei-Reserve vom Revier 2 an der Dachauer Straße steht gegen 13 Uhr auf unbesetztem Boden. Das Bahnhofs-Viertel ist zu dieser Zeit noch nicht besetzt. Auch hier nimmt man es genau und so hat der Revier-Chef sämtliche Waffen in einen Wäschekorb gelegt und zur Übergabe hergerichtet. Auf dem Ruinenfeld hinter dem Reviergebäude liegen Pistolen, Karabiner, Munition, Gasmasken und Waffenröcke.

Geineder wartet auf die Amerikaner. Zunächst kommt aber aus der Marsstraße ein junger Leutnant mit acht Mann. Sie tragen Panzerfäuste und leichte Maschinengewehre. „Ich habe Befehl, München zu verteidigen und verlange, dass das Revier kampfbereit ist“, sagt er. Der Leutnant stößt jedoch auf taube Ohren und bezieht daraufhin mit seinen acht Mann im zerbombten Hotel „Deutscher Kaiser“ am Bahnhof Stellung.

Am nächsten Tag erfährt der Wachtmeister der Polizei-Reserve vom Revier 2 an der Dachauer Straße, dass man im zerstörten Hotel „Deutscher Kaiser“ die Leiche eines jungen deutschen Leutnants gefunden hat. Vermutlich im Gefecht mit den Besatzern erschossen. Noch ein unnötiges Opfer …
US-Offizier Ernest Langendorf ist unterdessen unterwegs in Richtung Stadtzentrum. Vor dem Rathaus angekommen wird es Zeit, die Übernahme der Stadt auch offiziell dingfest zu machen. Doch daraus wird zunächst nichts. Langendorf erinnert sich: “Am Marienplatz versuchten wir vergebens, die Rathaustore zu öffnen. Plötzlich kamen aus den Seitenstraßen Zivilisten auf uns zu, bald waren wir von Menschen umringt. Mädchen überreichten uns Schlüsselblumen. Es war eine freudige, aber doch gedämpfte Stimmung. Ich habe den Eindruck, dass diese Freude nicht gekünstelt war, denn unser Auftauchen im Herzen der Stadt bedeutete für die Menschen das Ende der Bombennächte, der Alarme und des tatsächlichen Kampfes.”
Die Münchner … Ein neugieriges Völkchen sind sie schon … Immer mehr Menschen kommen auf die Straßen, um ihre Befreier zu begrüßen. “München ist heiter, fast pariserisch”, schreibt die amerikanische Illustrierte “Life” am 14. Mai 1945, genau zwei Wochen nach dem Einmarsch der Amerikaner. “Hier begrüßten die Menschen die Amerikaner als Befreier. Und sie meinten es wirklich ernst damit.” Immer wieder hätten die Münchner gesagt, man habe so lange auf die Befreier gewartet. “Ihr habt aber lange gebraucht” heißt ein oft gehörter Satz. Worauf die Soldaten erwidern: “Es war ja auch ein weiter Weg bis hierhin.”

Der Artikel berichtet zudem von Fliedersträußen auf den Panzern und von vielen recht zugänglichen Frauen, “oft sehr hübsch”. Das berühmte Münchner Bier dagegen ist laut “Life” “sehr kümmerlich.”
15.30 Uhr, die Münchner Innenstadt ist im Ausnahmezustand. Plötzlich pulsiert hier wieder das Leben. Ein kleines bisschen zumindest. Die Münchner sind ihren Befreiern wohlgesonnen. Am Straßenrand wird freudig gewinkt, am besten noch mit einem weißen Taschentuch. Viele US-Soldaten zeigen sich großzügig und werfen Schokolade oder Orangen von den Panzern.
Zeitgleich in Berlin: Der Führer nimmt sich das Leben. In seinem Bunker unter der Reichskanzlei beißt Adolf Hitler auf eine Zyankali-Kapsel und schießt sich gleichzeitig in den Kopf. Auch seine frisch angetraute Ehefrau Eva vergiftet sich.
Um 16.05 Uhr wird die Stadt offiziell an die Amerikaner übergeben. Oberrechtsrat Dr. Michael Meister muss dies in Abwesenheit des Oberbürgermeisters vornehmen. Meister, Leiter des Ernährungsamtes, führt einen amerikanischen Major ins Rathaus und übergibt die Stadt. Meister wird dabei beinahe das Opfer eines Missverständnisses. Die versammelte Menschenmasse hört den Namen Meister und denkt, der verhasste Nazi-Bürgermeister Karl Fiehler sei vor Ort und würde sich den Amerikanern anbiedern. Rufe erschallen: “Hängts ihn auf!” Stadtpfarrer Max Zistl von der Peterskirche erklärt den Leuten, dass nicht der OB, sondern der Dr. Meister vom Ernährungsamt vor Ort sei. Dieser habe sich immer ordentlich benommen. Die Meute beruhigt sich anschließend glücklicherweise.

Ein Blick auf den Marienplatz.

Und Fiehler? Der hat sich bereits vor einigen Tagen aus dem Staub gemacht, wird jedoch bald von den Amis geschnappt. Später wird Fiehler, der bei der Judenverfolgung in München eine unrühmliche Vorreiterrolle gespielt hatte, von der Hauptspruchkammer München als „Aktivist“ eingestuft und zu zwei Jahren Arbeitslager, Einziehung eines Fünftels seines Vermögens, dem Verlust des aktiven und passiven Wahlrechts sowie zu zwölfjährigem Berufsverbot verurteilt. Seine Haft muss der Nazi-OB aber nie antreten. Er lebt bis zu seinem Tod 1969 zurückgezogen und unbehelligt am Ammersee.

Karl Fiehler.

Am späten Nachmittag will US-Offizier Ernest Langendorf seine Fahrt vom Marienplatz aus gerne in Richtung Osten der Stadt fortsetzen. „Während Spähwagen der 45. Division eintrafen, wollten wir durch die Diener- und die Ludwigsstraße in Richtung Isar fahren. Die Zivilisten warnten uns aber: In einem Ministerium in der Ludwigstraße habe sich schwerbewaffnete SS verschanzt. So fuhren wir lieber zurück nach Neuhausen und quartierten uns in einem Gasthaus ein.“ Andere Trupps fahren aber dennoch in Richtung Osten der Stadt. 

Währenddessen in der Münchner Au: Unser Zeitzeuge Robert Seidenader hat auch davon gehört, dass die Amis in der Stadt sein sollen. Mehr weiß er aber auch nicht. Das soll sich natürlich ändern, deshalb verlässt der 15-Jährge die elterliche Wohnung und erlebt den Moment der Befreiung mit … erhobenen Händen.

Wer denkt, es herrsche an diesem 30. April 1945 in ganz München Partystimmung, der liegt falsch. Die Münchner haben Hunger, großen und zügellosen Hunger. Bereits am Vorabend ist teilweise geplündert worden. Nach der Ankunft der Amerikaner kennen die Leute jetzt kein Halten mehr. 


Auch unser Zeitzeuge Robert Seidenader macht sich auf ins nächstgelegene Versorgungslager in der Rosenheimer Straße. Er möchte für seine Eltern, seine Schwester und sich auch etwas zu Essen holen. Der damals 15-Jährige erzählt uns heute, was er seinerzeit in der Halle, in der hauptsächlich Milchprodukte gelagert werden, zu sehen bekommt:

Der junge Robert hat bei der Suche nach Essen glücklicherweise Erfolg. Etwas schwieriger wird es für ihn allerdings auf dem Weg nach Hause, denn mittlerweile wimmelt es in der Stadt vor amerikanischen Armeefahrzeugen. Es bildet sich ein langer Konvoi: Die Amis zieht es weiter in den Süden. Dorthin, wo die Nazis sich in der sogenannten Alpenfestung verschanzen wollen. 

Auf der Rosenheimer Straße fahren die Panzer stadtauswärts.


Für Robert Seidenader stellt die plötzliche Invasion dieser Fahrzeuge ein kleines Problem dar.

Eine Sache wird in den Wochen und Monaten nach dem Krieg noch für Aufregung und Diskussionen sorgen: Die Geschichte mit den Frauen, von denen manche in die Luken der Panzer steigen und später zerzaust und schokoladenbeschmiert wieder herausklettern … Auf der einen Seite werden murrende deutsche Kriegsgefangene gesehen, die laut schimpfen: „Und für solche Weiber haben wir unseren Kopf hingehalten!“. Es kommt in den ersten Tagen der Besatzung aber auch zu Vergewaltigungen durch alkoholisierte US-Soldaten. Stark konservative Pfarrer machen dafür aber die Frauen verantwortlich, die sich „würdelos um die Panzerwagen drängten“, wie sich etwa der Pfarrer von St. Theresia empört.

Schokolade - eine zuckersüße Delikatesse in den Nachkriegsjahren.


General Dwight D. Eisenhower, der Oberbefehlshaber der alliierten Streitkräfte in Europa, verhängt ein Fraternisierungsverbot. Allzu enge Kontaktaufnahme der Soldaten mit dem besiegten Volk soll dadurch verhindert werden.

Eine Zeitlang wird das Verbot unter dem frischen Eindruck der KZ-Gräuel auch funktionieren. Aber nach der deutschen Kapitulation wird schnell alles anders. Die US-Soldaten sind einsam und suchen Kontakt zur Weiblichkeit. Die vorgesetzten Offiziere drücken bald beide Augen zu. Außerdem machen die amerikanischen Soldaten gern Geschäfte. Ein Eisernes Kreuz kostet zwei Zigaretten, für einen Ehering wird eine Schachtel gegeben.

Kinder haben es besser: Ein Riegel Schokolade wird von vielen Soldaten ohne Gegenleistung verschenkt. Insgesamt merken die Münchner schnell, dass sie mit der amerikanischen Besatzungsmacht, auch wenn die Militärs zunächst einmal als lästige Besserwisser auftreten, viel Glück haben.

General Dwight D. Eisenhower.


Ein aufregender Tag neigt sich dem Ende entgegen. Der Krieg in München ist vorbei, die Amerikaner haben die Regierungsgewalt übernommen. Jetzt muss danach geschaut werden, dass die anarchischen Auswüchse schnell eingedämmt werden. Die Amerikaner haben zunächst zwar eine lockere Hand und lassen die Münchner ihren Hunger stillen, doch bald soll wieder mehr Disziplin einkehren. Ein ausführliches Video über die Ankunft der Besatzer in München 

gibt es übrigens hier zu sehen. 

Was am 1. Mai 1945 alles in München geschah, das gibt es folgend zu lesen.

Dienstag, 1. Mai 1945, Münchens erster Tag im Frieden

1. Mai 1945. München erwacht als freie Stadt! Die Temperaturen sind niedrig, es regnet. Der Erleichterung tut dies aber keinen Abbruch. Man muss es sich als Münchner immer wieder einreden: “Der Krieg ist vorbei! Der Schrecken hat ein Ende!“ Von Normalität kann aber trotzdem noch keine Rede sein. Das wird auch noch eine ganze Weile dauern …

Die Amerikaner, die gestern in die Stadt eingezogen sind, sind bemüht, schnell Strukturen zu schaffen und die Stadt regierbar zu machen. Dr. Franz Stadelmayer, ein Verleger und Anwalt und im Jahr 1934 von den Nazis als Oberbürgermeister von Würzburg abgesetzt, übernimmt auf Befehl des Oberkommandos der 7. amerikanischen Armee die Geschäfte der Stadtverwaltung. Oberst a. D. Ritter von Seisser wird vom Stadtkommandanten, Major Keller, zum Polizeipräsidenten von München ernannt.

Die Amerikaner regierten die Stadt aus dem Rathaus am Marienplatz aus.

Drei Tage später, am 4. Mai, wird Karl Scharnagl die schwierige Aufgabe zuteil, München als Oberbürgermeister von den Kriegswirren zu befreien. Der gebürtige Münchner war bereits zwischen 1926 und 1933 an der Spitze der Stadt gestanden. Nachdem ihn die Amerikaner aus dem KZ in Dachau befreit hatten, setzten sie den späteren Mitbegründer der CSU wieder ins Rathaus. Dort bleibt Scharnagl bis 1948 im Amt, ehe er von Thomas Wimmer abgelöst wird.

Karl Scharnagl.

Ein seltsames Schauspiel ist an diesem 1. Mai immer wieder in der Stadt zu beobachten. Heerscharen deutscher Soldaten, jetzt Kriegsgefangene, werden von den Amerikanern durch die Straßen getrieben. Sie werden in verschiedene Lager außerhalb Münchens gebracht. Erst später wird im Zuge der Entnazifizierung jeder Einzelne genauer unter die Lupe genommen.

Kriegsgefangene marschieren durchs Karlstor.

Fleißig wie sie sind, die Münchner, setzen sie auch als Befreite die Aufräumarbeiten in der Stadt fort. Bereits während des Krieges hatten sich die Menschen, trotz Hunger, trotz permanenter Bedrohung durch Luftangriffe, um die Beseitigung von Schutt gekümmert.

Ein Glück, dass die sogenannte Bockerlbahn den Münchnern weiterhin zur Verfügung steht. Die Münchner Verkehrsgesellschaft hat nach den vielen Bombenangriffen auf die Stadt im Oktober 1944 eine Notbahn errichtet: zweiachsige Bau-Loren, mit Bänken und teilweise mit Notdächern ausgestattet, rumpeln auf behelfsmäßigen Feldbahnschienen, von kleinen alten Bauloks gezogen, durch die Stadt. Der Münchner Galgenhumor tauft sie “Bockerlbahn”. Doch seit gestern gibt es keinen Personenverkehr mehr, die Bockerlbahn wird benutzt, um Schutt zu transportieren.

Die Bockerlbahn.


Hier sieht man die Bockerlbahn vor dem zerstörten Cafe Tambosi am Odeonsplatz. Es handelt sich um eine Aufnahme aus der Zeit während des Kriegs.


Die Bilanz der Münchner Verkehrsgesellschaft mit dem Ende des Krieges in München: ein noch zu einem Drittel betriebsfähiges Netz mit 20 Straßenbahn- und sechs Hilfslinien. Von 444 Triebwagen sind noch 168, von 516 Beiwagen noch 230 einsatzfähig. Erst ab 22. Mai 1945 dürfen kleine Linienstücke wieder in Betrieb genommen werden, bis dahin wird das Personal zu Aufräumarbeiten eingesetzt.

Im Bild zu sehen die Bockerlbahn am Wittelsbacher Platz.


Dass an diesem Dienstag Geschäfte in der Stadt geöffnet haben, ist die absolute Ausnahme. Es gibt ja nichts.

Und doch: In der Münchner Au kommt der 15-jährige Robert Seidenader völlig ungeplant in den Genuss eines für ihn bis dato noch unbekannten Getränkes …

Auch an diesem Tag sind wieder tausende Münchner auf der Suche nach Essen. Die Plünderungen in der Stadt gehen weiter. Dabei hängen weiterhin überall Plakate mit Warnungen, wonach das Plündern unter Todesstrafe verboten sei.

Robert Seidenader, der am Vortag in einem Lebensmittellager verbotenerweise einen Käse stiebitzt hat, schildert, wie verrückt diese Situation in diesen Tagen eigentlich doch war. Die Gefahr lauert im Prinzip von überall her.

Ein Problem, das in den kommenden Tagen, Wochen und Monaten in München entstehen wird, ist der Schwarzmarkt. Vor allem am Isartor, am Sendlinger Tor und später in der Möhlstraße in Bogenhausen hat der Schwarzhandel Hochkonjunktur. Die Militärpolizei verfolgt das verbotene Treiben mit aller Schärfe.

Zunächst ist davon allerdings noch nicht viel zu spüren. Und so kommt der kleine Robert Seidenader ganz frech auf direktem Wege mit den Amerikanern ins Geschäft, weil er seinem Vater eine Freude bereiten möchte.

Was den Münchnern gar nicht schmeckt ist die Tatsache, dass die amerikanische Militärregierung innerhalb kürzester Zeit tausende Privatwohnungen und öffentliche Gebäude beschlagnahmt. Im Haus der Deutschen Kunst beispielsweise wird ein Armee-Lager errichtet. Ein Teil des Gebäudes nutzen die Amis dabei tatsächlich zum Basketball spielen. In viele Wohnungen, die den Krieg überstanden hatten und in denen noch Münchner leben, ziehen sogenannte „Displaced Persons“ ein. Die Opfer, die die Münchner für den Krieg bringen müssen, sind also noch lange nicht vorbei …

Eine Militärparade der Amerikaner auf der Theresienwiese, aufgenommen nach dem Krieg.

Der Alltag eines Münchners an diesem 1. Mai 1945: Alfred Zoll, der spätere Direktor des Tierparks Hellabrunn, macht laut eines Berichts des Münchner Merkur aus dem Jahr 1955 noch immer seine Kundschaftergänge rund um den Zoo. Nur die Amerikaner nicht verärgern, das könnte schief gehen, lautet seine Devise. Er schüttet Schützenlöcher zu, die Volkssturmleute aufgeworfen hatten, und wirft Sprengladungen in die Isar. Sonderkommandos hatten sie unter der Thalkirchner Brücke angelegt. Beherzte Thalkirchner helfen Alfred Zoll. Die Elefantenkuh Lelabati muss Baumstämme und einen Straßenbahnwagen, der quer in die Fahrbahn gestellt worden war, aus dem Weg räumen.

Mittags gibt es Gulasch von Zebras und Antilopen, die während eines Fliegerangriffs ihren letzten Sprung gemacht hatten. Etwas später kommt ein amerikanischer Oberst und nennt Alfred Zoll unvermittelt ein Schwein. Er war mit seiner Einheit über Dachau gekommen und sieht immer nur die toten KZ-Häftlinge vor sich, wenn er einen Deutschen erblickt.

Die Amerikaner organisieren schnell. Überall in der Stadt hängen bald Schilder in englischer Sprache. Am Isartor beispielsweise warnt ein großes Schild mit den Worten: „Death is so permanent – Drive carefully“. Anfangs ist die Ost-West-Achse zwischen Isartor und Stachus nur amerikanischen Fahrzeugen vorbehalten, daher werden erst später Schilder auch in deutscher Sprache aufgehängt. 

Die Münchner haben insgesamt zwar Glück mit den Amerikanern als Besatzer, dennoch lassen die US-Männer auch Strenge walten. Am 1. Mai wird für die Münchner eine Ausgangssperre verhängt: Zwischen 18 Uhr abends und 6 Uhr morgens darf niemand auf die Straßen. Später wird die Regelung gelockert und die Ausgangssperre auf 21.30 Uhr bis 5 Uhr beschränkt.

Blick in die Arnulfstraße.

Am Nachmittag des 1. Mai gegen 14.30 Uhr hat auch der Todesmarsch von Dachau endlich sein Ende. Die Amerikaner befreien hunderte Häftlinge in Waakirchen. Rupert Schmidt, der den Marsch mitmachen musste, berichtet später: “Gegen drei Uhr nachmittags hörten wir einen großen Lärm auf der Straße. Dann wurden Rufe laut, die Amerikaner kommen. Jeder der noch gehen und stehen konnte, lief auf die Straße und winkte den Amerikanern zu, die uns Zigaretten und Zwieback herunterwarfen, um die wir uns dann rauften.“


Dennoch: Vereinzelte Gruppierungen des Todesmarsches waren vorher in andere Richtungen gelenkt worden. Dort gibt es auch nach dem 1. Mai noch Opfer, teilweise sogar vorsätzlich von SS-Leuten erschossen. Erst mit der endgültigen Kapitulation Deutschlands am 8. Mai wird der Schrecken endgültig vorbei sein.


Trotz der Ausgangssperre geht am Abend des 1. Mai in Allach die Angst um. Die vielen befreiten Zwangsarbeiter aus diversen Lagern in der Nachbarschaft beunruhigen die Anwohner. Russen, Polen, Italiener und Franzosen – sie alle sind nun frei, plündern Lager und Geschäfte und auch vereinzelte Vergeltungsaktionen sind keine Seltenheit. Pfarrer Fichter erinnert sich später: “Am jenem Abend des 1. Mai legte sich ein bleierner Schrecken über die Ortschaft. Es gingen Gerüchte um über eine ‚Bartholomäusnacht’, in der alle Männer ermordet, alle Frauen und Mädchen geschändet werden, ganz Allach in Flammen aufgehen sollte, weil auch im Gebiete Allach ein Ableger des Dachauer Konzentrationslagers war. Man bemühte sich um Schutz bei den Amerikanern, der auch gegen Abend eintraf. So verlief die Nacht ruhig.” 

Und in München? Dort sollte es noch eine Weile dauern, bis beispielsweise Wirtschaften wieder öffnen. Hier im Bild sieht man den Donisl am Marienplatz. Bis er aber im Sommer wieder ausschenkt, sind sogar die Kuppeln der Frauenkirche saniert. 

Für Robert Seidenader bleibt die Erinnerung an den Krieg Zeit seines Lebens präsent. Es gelingt ihm aber bald, die Geschehnisse einzuordnen und ein Leben zu führen, das man sich für einen 15-Jährigen wünscht – zumindest unter den damaligen Umständen.

Sie erinnern sich an das allererste Foto dieses Multimedia-Tickers vom 27. April? Dort war das Siegestor in Schwabing in völliger Zerstörung zu sehen. Auf dieser Aufnahme ist das Chaos bereits ein geordneteres. Mit dem kompletten Wiederaufbau des Siegestores lassen sich die Münchner aber bis 1958 Zeit. Kein Wunder, es gibt auch dringendere Baustellen in der Stadt. Das wird auch durch den Film deutlich, den Kameramann Willi Cronauer im Sommer 1945 dreht. Er fährt mit seiner Kamera durch das zerstörte München und macht beeindruckende Aufnahmen.

Dank Stadtbauräten und Architekten wie Karl Meitinger, Hans Döllgast, Erwin Schleich oder auch OB Karl Scharnagl konnte München die oberflächlichen Wunden des Krieges allmählich verheilen lassen und im Laufe der Jahre jene Strahlkraft erreichen, die die Stadt bis heute ausmacht. Die tiefer liegenden Wunden aber blieben, und werden wohl auch niemals vergessen werden. Es sollte auch immer daran erinnert werden. Als Mahnung für die heutige und auch für zukünftige Generationen.

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