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Kriegsverbrecherprozess: Der letzte Zeuge

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Gino M. (79) hat das Massaker vom 27. Juni 1944 als Einziger überlebt: „Ich war nur ein Kind und hatte Angst“
Gino M. (79) hat das Massaker vom 27. Juni 1944 als Einziger überlebt: „Ich war nur ein Kind und hatte Angst“

Er hat als Einziger das Blutbad überlebt: Im NS-Kriegsverbrecher-Prozess um den Mord an 14 italienischen Zivilisten im Zweiten Weltkrieg sagte Gino M. (79) gestern vor dem Oberlandesgericht aus.

Bei dem Massaker von 1944 war er 15 Jahre alt gewesen. Gino M. berichtete, wie Deutsch sprechende Soldaten ihn gefangen nahmen, zusammen mit zehn anderen in ein Bauernhaus in Falzano di Cortona sperrten und das Gebäude sprengten. Gino M. überlebte schwer verletzt in den Trümmern.

Angeklagt wegen Mordes ist der 90-jährige Josef S. aus Ottobrunn. Er soll als Kompaniechef in der Wehrmacht die Sprengung des Hauses und die Erschießung von vier weiteren Italienern als Vergeltungsmaßnahme für den Tod zweier deutscher Soldaten befohlen haben tz berichtete). Der Angeklagte bestreitet alles.

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Zeuge Gino M. beschrieb, wie er und seine Mitgefangenen von den Soldaten festgenommen worden seien. Dann hätten sie nach Falzano di Cortona marschieren müssen und seien dort festgehalten worden. Später sei ein Offizier auf einem Motorrad mit Beiwagen gekommen und habe Befehle gegeben, die er nicht verstanden habe. Daraufhin seien sie zu einem anderen Gebäude gebracht worden, und Zivilisten hätten Sprengstoffkisten in das obere Stockwerk eines Gebäudes getragen. Die Gefangenen mussten ins Erdgeschoss gehen. „Dort wurden wir eingesperrt, und dann fand die Sprengung statt“, sagte Gino M..

„Einen Schrei hab ich gehört, und das war es dann. Sie waren alle tot“, berichtete der 79-Jährige weiter. Ein weiterer Mitgefangener, der über ihm lag, habe noch einige Zeit gelebt und offenbar furchtbar gelitten, bis er erstickt sei. Er selbst sei Stunden später von der Besitzerin des Hauses und deren Bruder gerettet worden. „Wenn es nur noch fünf Minuten gedauert hätte, wäre ich auch gestorben, weil ich nicht mehr atmen konnte.“

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Er habe Verbrennungen davongetragen und ein bis zwei Monate lang seine Augen nicht öffnen und seine Beine nicht mehr bewegen können, berichtete Gino M. dem Gericht. Auch psychisch habe das Erlebnis schwere Wunden hinterlassen: „Sobald ich die deutsche Sprache hörte, bin ich sofort davongelaufen.“ Heute gehe es ihm aber wieder gut. Er habe einen Sohn, der in Deutschland lebe. „Ich bin hierher gekommen und habe ganz wunderbare Menschen kennengelernt.“

Besonderes Augenmerk legten die Richter auch auf die Frage, welche Abzeichen und Uniformen die Soldaten trugen. Hier konnte Gino M. allerdings nur bruchstückhafte Informationen geben. Die Verteidigung argumentiert daher, dass auch andere Soldaten für das Blutbad verantwortlich gewesen sein könnten.

Der Prozess dauert an.

Quelle: tz

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