Krimi um zwei Engel

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Beutekunst aus Zypern? Erzengel Gabriel (r.) und Michael.

Wenn die Erzengel Gabriel und Michael nur reden könnten, sie hätten im Gerichtssaal 12 im Justizpalast viel zu erzählen.

Wer sie vor etwa 250 Jahren gemalt hat, zu welcher Kirche sie gehörten und vor allem: Wer hatte sie von dort entfernt und ruchlos zersägt? Weil sie aber zum Schweigen verurteilt sind, tobt ein erbitterter Streit zwischen der Griechisch-Othodoxen Kirche Zyperns und dem orthodox-katholischen und kreuzritterlichen Chor- und Hospitaliter-Orden der Templer in München.

Nach Ansicht der Zypriotischen Kirche, vertreten durch Anwalt Enno Engbers, stammen die Erzengel aus einer Kirche in dem Dorf Piyi. Als die Türkei Anfang der 70er Jahre den Norden der Insel besetzte, musste die griechische Bevölkerung nach Süden flüchten. Kirchen wurden geplündert.

Die beiden Erzengel, von denen jeder einen Flügel der „Königstür“ zum Allerheiligsten der Kirche schmückte, tauchten 1984 bei Sotheby‘s in London auf. Arg zerschunden: Irgendjemand hatte die Türflügel waagerecht zersägt! Um die Teile so besser schmuggeln zu können?

Zum Schnäppchenpreis von 9000 britischen Pfund erwarb der türkische Geschäftsmann und Kunstsammler Aydin D. (71) die beiden Erzengel und brachte sie nach München. Für 50 000 Mark erwarben die Templer 1991 die Türflügel für ihr Kloster am Auer Mühlbach, restaurierten und weihten sie.

Inzwischen geriet Aydin D. ins Fadenkreuz der Fahnder, seine Sammlung wurde beschlagnahmt. Vorwurf: Die Stücke seien illegal erworben, außerdem habe er Handel damit getrieben, ohne Steuern zu zahlen. Sein Anwalt Harald Mezler: „Ein Komplott!“ 1998 beschlagnahmte die Polizei bei den Templern die beiden Erzengel. Seither lagern diese im Keller des Landeskriminalamtes. Und seither tobt der Streit.

„Die Tür stammt mit Gewissheit aus einer zypriotischen Kirche“, stellte gestern Gerichts-Gutachter Prof. Johannes Deckers von der LMU fest. Das Werk sei wohl geldgierigen Dieben in die Hände gefallen. Deckers: „Ein gläubiger orthodoxer Christ würde nie das Bild eines Heiligen zersägen.“

Er habe die Kunstwerke legal erworben, betonte indessen Templer-Oberhirte Vater Archeangelos (Erzengel) vor Gericht: „Die Tür ist hoch geweiht. Selbst wenn wir Hunger leiden und Gras essen müssten, dürften wir sie nicht verkaufen.“

Den Kompromiss-Vorschlag des Gerichts, die Templer rücken das Kunstwerk heraus und erhalten dafür eine originalgetreue Kopie, lehnte Vater Archeangelos entrüstet ab. Er erklärte sich zwar zur Herausgabe der Tür bereit, aber nur für 50 000 Euro. Richterin Renate Fischer: „Das läuft aber auf einen gewinnbringenden Verkauf hinaus.“ Kläger Anwalt Engberts: „Das ist doch kein Vergleich!“ Der Gerichs-Streit geht also weiter.

Quelle: tz

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