Wird das Verfahren neu aufgerollt?

Kriminalfall Ursula: Ihr Bruder verklagt den Entführer

+
Ursulas Bruder Michael Herrmann (r.) findet keine Ruhe - Werner M. (r.) wurde 2010 zu lebenslanger Haft verurteilt.

München - Manche können Frieden finden, wenn das Urteil gefallen ist und der Täter hinter Gittern sitzt. Der Familie Herrmann war diese Gnade nie vergönnt.

Mehr als 33 Jahre nach dem gewaltsamen Tod der kleinen Ursula Herrmann († 10) und knapp fünf Jahre nach dem Prozess hat ihr Bruder Michael Herrmann nun den Entführer Werner M. (64) auf 20.000 Euro Schmerzensgeld verklagt.

Das Augsburger Landgericht hatte den Eingang der Zivilklage gegenüber der Augsburger Allgemeinen Zeitung bestätigt, einen Verhandlungstermin in dem Verfahren gebe es aber noch nicht.

Aufwändiger Inidzienprozess

Werner M. wohnte 1981 in der Nachbarschaft der Familie. Er gilt als der Drahtzieher der Kindesentführung, die Ursula in der im Waldboden vergrabenen Kiste nicht überlebt hat (siehe unten). Mutmaßliche Komplizen wurden nie gefasst. Werner M. stand von Anfang an unter Verdacht, doch erst 2007 wurde bei ihm das Tonband gefunden, das bei der Entführung eine Rolle spielte. Nach einem aufwändigen Indizienprozess (15.000 Spuren, 197 Zeugen) wurde er im März 2010 wegen erpresserischen Menschenraubs mit Todesfolge in Augsburg zu lebenslanger Haft verurteilt. Zweifel jedoch blieben: „Es gibt jetzt einen Verurteilten, aber wir haben keinen Täter“, sagte der Bruder nach dem Prozess.

Hinter der Schmerzensgeldforderung steht möglicherweise der Versuch, eine neue Beweisaufnahme zu erzwingen. Das hieße: Der Fall wird neu aufgerollt. Juristisch wäre das möglich. Um die Schmerzensgeldforderung durchzusetzen, könnte das Gericht vorher klären wollen, ob M. für Ursulas Tod verantwortlich ist. M.’s Augsburger Anwalt Walter Rubach reagierte überrascht, begrüßt aber die Gelegenheit: „Uns bietet die Klage die Chance, in einer möglichen Beweisaufnahme die Unschuld Werner M.’s zu beweisen.“

M. hat die Tat immer geleugnet. Vor Gericht zeichneten Tochter und Ex-Ehefrau das Bild eines eiskalten, grausamen Despoten. So bestrafte M. die kleine Familienhündin Susi grausam, als sie versehentlich den Mülleimer umstieß. Er steckte den Hund in die Tiefkühltruhe und fuhr zum Oktoberfest. Susi erfror qualvoll. Seiner Frau soll M. geantwortet haben, er habe den Hund „zu Sibirien verurteilt“.

Der Kriminalfall

Der 4. Oktober 1981: In dieser im Waldboden eingelassenen Kiste wurde die tote Ursula Herrmann 19 Tage nach ihrem Verschwinden gefunden.

Das Verbrechen an Ursula Herrmann († 10) schockte im Herbst 1981 die Republik: Am Abend des 15. Oktober 1981 verschwand die Kleine auf dem Seeweg nahe Schondorf am Ammersee. Ursula wurde verschleppt und in einer eigens für sie gebauten, im Waldboden versenkten Gefängniskiste versteckt. Die Ausstattung des grauenhaften Erdlochs ließ vermuten, dass Ursula die Entführung überleben sollte. Kekse, Schokolode, Apfelschorle, Wasser und ein Jogginganzug lagen darin, dazu ein an eine Autobatterie angeschlossenes Radio und eine Glühbirne, ein Toiletteneimer und Lesestoff – Comic-Hefte („Clever & Smart) und ein Schundroman („Am Marterpfahl der Irokesen“). Doch die Kiste hatte einen Konstruktionsfehler. Die aus Plastikrohren gebaute Lüftung funktionierte nicht. Ursula hat wahrscheinlich nur noch eine Stunde gelebt, bis sie erstickte. Erst 19 Tage später – am 4. Oktober 1981 – wurde das Kind gefunden. Polizisten brachen geschockt in Tränen aus. Die tiefgläubigen Eltern haben den Verlust des Kindes nie verwunden. Ursulas Vater starb ein halbes Jahr nach dem Urteil am 15. September 2010. Es war der 29. Jahrestag der Entführung seiner Tochter.

Dorita Plange

auch interessant

Meistgelesen

Kommentare