Kriminalstatistik: Münchens Sorgenkinder

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Kein schöner Anblick: JungeMädchen im U-Bahnhof mit der Bierflasche in der Hand.

München - Wer Probleme erkennen und lösen will, darf die ehrliche und zuweilen schmerzhafte Analyse nicht scheuen. Vor diesem Hintergrund fand Münchens Polizeipräsident Professor Wilhelm Schmidbauer bei der Vorstellung der Münchner Kriminalstatistik 2008 offene Worte für die drei Sorgenkinder der Polizei.

Der Anteil ausländischer Tatverdächtiger an der Gewaltkriminalität in München ist „überrepräsentiert“. Der Ausländeranteil der Münchner Bevölkerung liegt bei 23 Prozent. Dennoch war fast jeder zweite Täter (49,1 Prozent) bei den ­insgesamt 4265 Gewaltdelikten ein Migrant. Die Gründe sieht Schmidbauer in der „mangelnden Vermittlung der Werte des Rechtssystems, fehlgeschlagener Integration, fehlende Bildungs- und Berufsperspektiven, Gewalterfahrungen in der Familie und überkommene Männlichkeitsvorstellungen.“ Türken, Serben, Montenegriner und Iraker geraten laut Polizeistatistik überproportional häufig mit dem Gesetz in Konflikt. Schmidbauer plädiert für konsequente Strafverfolgung und intensive Prävention und Integrationsbemühungen: „Die Anstrengungen sind der Mühe wert, wie viele positive Beispiele beweisen.“

Die Jugend und der Alkohol: „Junge Männer werden bei übermäßigem Alkoholgenuss auffallend aggressiv.“ Bei den Körperverletzungen waren knapp ein Drittel der Beteiligten alkoholisiert. Auffällig viele dieser Delikte geschehen in den Ausgeh-Vierteln (Stichwort Kunstfabrik, Optimolgelände, etc.).

Durch hohe Polizeipräsenz wurde die Zahl der Gewaltdelikte zwischen 1 und 5 Uhr früh um 26 Prozent reduziert. Für Mädchen und Burschen sieht Schmidbauer im Komasaufen große Gefahren: Betrunkene werden allgemein leichter Opfer, betrunkene Mädchen zudem auffallend häufig von Sexualdelikten. Und: Wer in jungen Jahren Alkohol als Lösungsmuster für Konflikte kennenlernt, übernimmt dieses Verhalten auch als Erwachsner.

Fußball-Hooligans: Je niedriger die Liga, desto brutaler eskaliert die Gewalt. 7316 Polizisten bewachten 59 Fußballspiele. Für die 3. Liga mussten fast so viele Kräfte aufgewendet werden wie für die 1. und 2. Bundesliga zusammen. Vor diesem Hintergrund kritisiert Schmidbauer eine 2008 getroffene Entscheidung des DFB : „Stadionverbote für gewalttätige Fans zu verkürzen, war ein ganz falsches Signal.“

DOP


Der Sicherheitsbericht 

Ja, wir sind es! Und wir werden es vermutlich auch bleiben: München ist die sicherste Millionenstadt Deutschlands – sagt die Kriminalstatistik. Alle zwei Minuten wurden Münchner Polizisten im Jahr 2008 zum Einsatz gerufen. 120 282 Straftaten (–3,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr) registrierte die Münchner Polizei im letzten Jahr. Das entspricht rund 8160 Straftaten auf 100 000 Einwohner. Besonders glücklich ist die Polizei über die gesunkene Straßenkriminalität. Mit 18 276 Delikten (–11,9 Prozent) ist dies der tiefste Stand der letzten zehn Jahre. Auch die Gewaltkriminalität im Stadtgebiet (ohne Landkreis-Zahlen) ist mit 3948 Fällen um 11 Prozent gesunken. Alle drei Morde und 29 Mordversuche wurden geklärt. Die Aufklärungsquote bei der Gewaltkriminalität stieg auf 81 Prozent. Ein Rückgang der Kriminalität bedeutet laut Polizeipräsident Wilhelm Schmidbauer keineswegs weniger Arbeit – wie etwa 1721 Wirtschaftsdelikte beweisen. Diese hochkomplexe Materie mit ihren immer raffinierteren Erscheinungsformen „fordert die Kripo im höchsten Maße“. Auch andere Ermittlungen dauern immer länger. So hatte nur jeder dritte Straftäter seinen Wohnsitz in München.

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