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Promi-Trachtenladen in München muss schließen: 74-Jährige wird vor die Tür gesetzt – aus Profitgier

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Von: Andrea Stinglwagner

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Kult-Münchner Didi vom Obststandl an der Uni hilft seiner Freundin Ursula Fröhmer
Ursula Fröhmer und der Obststandl-Didi im „Tracht und Heimat“ © Markus Götzfried

Immer mehr Traditionsgeschäfte in München müssen schließen. Vielen von ihnen wird gekündigt – die Räume werden luxussaniert. Auch für „Tracht und Heimat“ am Oberanger ist bald Schluss.

München – Ursula Fröhmer schaut in die Ecke, wo einst ihr Kinderbett stand. Auf die alte Holztreppe, die ihr Cousin eigenhändig durch die Decke stemmte. Das ganze Haus, in der schon ihre Eltern und ihre Oma wohnten und arbeiteten … „Wenn ich mir vorstelle: Diese Räume, da werde ich bald nie wieder durchgehen …“ Wieder stirbt ein Münchner Traditionsladen: Nach über 40 Jahren ist Ursula Fröhmers Geschäft „Tracht und Heimat“ bald Geschichte. Sie hatte die Kündigung bekommen, bald wird saniert, es soll teurer werden. Und die 74-Jährige Noch-Ladenchefin hat Tränen in den Augen.

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Traditionsgeschäfte in München sterben aus:

Der Laden im schmucken Orag-Haus am Oberanger (Altstadt*): Fröhmers Vater arbeitete dort nach dem Krieg als Schneider, verlieh Kleidung vom Frack über den Stresemann bis zum Brautkleid. 1979 übernahm Ursula, gründete ihr Herzens­projekt „Tracht und Heimat“. Hier werden echte Trachten maßgeschneidert, keine modernen Dirndl, mal schnell für die Wiesn. Trachtenvereine und Musikkapellen sind Stammkunden, aber auch zig Promis ließen sich von Fröhmer ausstatten: Erni Singerl, Willy Harlander, Helmut Fischer, Hape Kerkeling, Fußball-Stars wie Klaus Augenthaler und Jupp Heynckes.

Doch letztes Jahr im Juni der Schock: die Kündigung! Bis Ende Dezember müsse Fröhmer raus. Sogar der Stadtrat beschäftigte sich mit dem Fall: Die CSU forderte die Stadtverwaltung auf, den Erhalt der Schneiderei zu unterstützen. Schließlich hatte OB Dieter Reiter* Tröhmer 2018 sogar mit der „Ehrenmedaille für Verdienste um die Volkskultur in München“ ausgezeichnet!

CSU-Stadtrat Thomas Schmid wetterte: „Die Stadt kann nicht erst einen Preis für kulturelle Verdienste verleihen und dann wegschauen, wenn dieses Verdienst mit Füßen getreten wird.“ Geholfen hat das wohl nichts. Zumindest eine Verlängerung bis Juni bekam Fröhmer zwar, aber dann soll Schluss sein.

Ende eines Münchner Traditionsgeschäfts: Inhaber will Räume sanieren und teurer neu vermieten

Vermieterin ist die Bayerische Schneidergenossenschaft Orag. Ursula Fröhmer bekam von dort zu hören, man wolle die Räume sanieren – und dann um einiges teurer wieder neu vermieten.

„Alles muss raus“: Diese Schilder hängen nun im Schaufenster. Es gibt Rabatte. Und beim Ausverkauf hilft jetzt ein Münchner* Unikat: Der Obststandl-Didi von der Uni, auch bekannt als Fernseh-Wetterfrosch, eilt geschäftig durch die Räume, berät Kunden und bringt sie zum Lachen. Wer mag, kann Didi heute dort noch treffen. Er sagt: „Ich kenne die Uschi seit Jahren, wir sind Freunde. Ich will, dass sie wieder ein wenig lachen kann …“

Wie es weitergeht? Ursula Fröhmer weiß es nicht. Aufhören will sie nicht. Neue Räume, irgendwo – quasi eine neue „Heimat“? Das wäre schön. „Mein Traum wäre, wenn ich doch noch weitermachen könnte. Aber dafür müsste wohl ein Wunder geschehen.“ *tz.de/muenchen ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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