Kundgebung am St.-Jakobs-Platz

Ein Zeichen setzen gegen den Judenhass

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Beeindruckendes Ensemble: Ein Blick vom Jüdischen Museum auf die Synagoge am St.-Jakobs-Platz.

„Zusammenstehen gegen Antisemitismus“ – so lautet das Motto einer Kundgebung am Freitag um 14.30 Uhr auf dem St.-Jakobs-Platz. Ein breites Bündnis hat zu der Demo aufgerufen. 

München - Es war vor exakt 80 Jahren, am 9. Juni 1938, als an der Herzog-Max-Straße Bagger der Firma Moll anrollten und auf Geheiß der Stadtverwaltung die Hauptsynagoge zerstört wurde. Hitler selbst hatte den Befehl erteilt. „Damals sind mehr als nur Mauern eingestürzt“, sagt Jan Mühlstein, Vorsitzender der Liberalen jüdischen Gemeinde München. „Zertrümmert wurde das Symbol der Emanzipation der Juden in Bayern, das am 16. September 1887 unter Beteiligung der Spitzen des Königreichs Bayern eingeweihte jüdische Gotteshaus im Zentrum der Stadt.“

Antisemitische Übergriffe häufen sich

Am Freitag soll am St.-Jakobs-Platz an den Rassenwahn der Nazis erinnert werden. Aber es gibt auch aktuelle Gründe: Antisemitische Übergriffe und judenfeindliche Beschimpfungen häufen sich. In München hat sich die Anzahl antisemitischer Straftaten seit 2015 mehr als verdoppelt – von 24 auf 51. Knapp der Hälfte der Delikte liegt das Vergehen der Volksverhetzung zugrunde. Dabei ist der wachsende Antisemitismus in München keineswegs ein durch muslimische Flüchtlinge importiertes Problem. Die Straftaten 2017 rechnet die Polizei allesamt der politisch rechts motivierten Kriminalität zu. OB Dieter Reiter (SPD) sagt: „Die Häufung antisemitischer Übergriffe entsetzt und erschüttert. Sie ist Ausdruck eines gesellschaftlichen Klimas, in dem sich menschenfeindliche Einstellungen immer öfter in Form menschenverachtender Parolen und Taten entladen.“ Es sei unerträglich, dass Juden in Deutschland wieder oder immer noch in Angst vor Beschimpfungen, Beleidigungen oder gar vor gewalttätigen Übergriffen leben müssten, so der OB.

Die Hauptsynagoge am Lenbachplatz wurde 1938 von den Nationalsozialisten zerstört.

Reiter steht an der Spitze eines breiten Bündnisses von Institutionen und Organisationen, unter ihnen die Arbeiterwohlfahrt, der Bayerische Flüchtlingsrat, der DGB, die christlichen Kirchen, der Kreisjugendring, die Ludwig-Maximilians-Universität und das Münchner Forum für Islam. Auf der Bühne sprechen werden heute neben OB Reiter der Kabarettist Christian Springer, Münchens DGB-Chefin Simone Burger, IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch und Jan Mühlstein.

„Der Hass im Internet wird stärker“

Letzterer berichtet, dass auch in der Liberalen jüdischen Gemeinde die Verunsicherung wächst. Viele wollten sich in der Öffentlichkeit nicht als Mitglieder von Beth Shalom zu erkennen geben. Vorurteilen oder Verschwörungstheorien – Juden seien reich, zahlten keine Steuern oder beherrschten die Welt – sei fast jede Familie schon einmal begegnet. Was Mühlstein ebenso feststellt: „Der Hass im Internet wird stärker.“ Auch an Schulen häuften sich judenfeindliche Äußerungen. Und wenn es bei politischen Diskussionen um Israel und den Nahostkonflikt gehe, würden meist alle Juden in Sippenhaft genommen: „Was macht ihr in Gaza?“, heiße es dann.

Mehr zum Thema: Antisemitismusbeauftragter: AfD hat Erinnerungskonsens aufgekündigt

Die jüdische Hauptsynagoge an der Herzog-Max-Straße wurde 1884 bis 1887 erbaut. Architekt Albert Schmidt hatte den Entwurf für einen eindrucksvollen neuromanischen Langhausbau geliefert, der einen markanten städtebaulichen Akzent im Herzen der Stadt setzte. Über mehrere Jahrzehnte bildete die Synagoge den Mittelpunkt des religiösen und kulturellen Lebens der Münchner Juden. Im Juni 1938 fiel die Synagoge der nationalsozialistischen Zerstörungswut zum Opfer. Viele jüdische Bürger holten beim Abriss Steinbrocken ihrer Synagoge nach Hause, manche nahmen sie später mit in die Emigration.

Es dauerte fast 70 Jahre, bis die Israelitische Kultusgemeinde wieder in das Herz der Stadt zurückkehrte. Charlotte Knobloch war die unermüdliche Kraft, die den Traum wahr werden ließ. Am 9. November 2006 wurde die neue Hauptsynagoge „Ohel Jakob“ am Jakobsplatz eingeweiht, wenig später auch das danebenliegende Gemeindehaus eröffnet – zusammen mit dem Jüdischen Museum bildet es ein architektonisch beeindruckendes Ensemble – ähnlich zentral wie die 1938 von den Nazis zerstörte alte Synagoge.

Lesen Sie auch: So kämpft Bayern gegen Antisemitismus an Schulen

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