Zwei Menschen, ein Gedanke

Kunst gegen Krieg: Musik für syrische Flüchtlinge

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Ulf Schirmer.

München - Nein, das war am Mittwoch kein „ganz normales“ Konzert. Es war anrührend, tröstend, Mut machend. Die leuchtenden Kinderaugen sprechen Bände.

Zwei Künstler, ein Gedanke: Menschen mit Musik ein Stück Licht und Wärme zurückgeben, die sie in ihrer einstigen syrischen Heimat längst verloren haben. Der eine ist Ulf Schirmer, Chefdirigent des Münchner Rundfunkorchesters. Mittwoch nachmittag gab er mit seinen Musikern ein Konzert für syrische Flüchtlingskinder. Die andere ist Sängerin Cornelia Lanz, die im Gasteig eine Mozart-Oper mit u. a. syrischen Flüchtlingen aufführt. Unsere Interviews:

M. Bieber

Ulf Schirmer im tz-Interview

Für Ulf Schirmer, Chefdirigent des Münchner Rundfunkorchesters, und seine Musiker war es absolutes Neuland. Gut, Werke wie Karneval der Tiere und die Ouvertüre zu Hänsel und Gretel haben sie natürlich im Repertoire, aber das Publikum besteht aus syrischen Flüchtlingskindern und ihren Familien. Kurz vorm Auftritt sprachen wir mit Schirmer:

Herr Schirmer, wie kam’s zu diesem Konzert?

Ulf Schirmer: Die Idee wurde im Intendanten-Büro entwickelt, und die Umsetzung innerhalb von zwei Wochen war schon eine logistische Herausforderung: Dienstpläne wurden umgeworfen, und ich habe sämtliche Termine in Leipzig abgesagt (Schirmer ist Generalmusikdirektor der Oper Leipzig, d. Red.). Da standen wichtige politische Termine an um die finanzielle Zukunft des Hauses. Derzeit führt mein Verwaltungsdirektor die Verhandlungen, ich stoße demnächst dazu. Aber das Konzertprojekt hier war mir extrem wichtig.

Haben Sie das Programm ausgewählt?

Schirmer: Nein, das lief über eine breite, spannende Diskussion mit der Jugendabteilung und der Hörfunkleitung des BR. Spannend ist ja allein schon die Logistik: Die Familien werden aus der Bayernkaserne mit Bussen abgeholt, und Dolmetscher bereiten die Kinder schon mal auf das Konzert vor und stimmen sie ein.

Was erwarten Sie – oder was erwartet Sie im Konzert?

Schirmer: Ich habe keine Ahnung! Klar, jeder von uns hat seine Vorstellungen, seine Fantasien – doch wie das wird? Wir lassen das einfach auf uns zukommen. Es geht uns ganz einfach darum, mit den Kindern in Kontakt zu treten. Wenn wir sie erreichen, wenn sie eine Stunde mal aus ihrer Welt herauskommen, sich freuen, träumen – dann haben wir schon viel gewonnen.

Das Konzert wird ja moderiert – gibt’s Übersetzer?

Schirmer: Ja. Wir haben einen arabischen, einen persischen und einen englischen Übersetzer. Ich hoffe, das genügt. Wir wissen ja nicht, wie viele Nationalitäten kommen. Fest steht nur, dass das Studio 1 im Funkhaus mit 350 Plätzen voll ist. Für den Karneval der Tiere haben wir auch einen Pantomimen, und es gibt kleine Szenen ohne Text als Willkommen und Abschied. Die deutsche Moderation übernimmt unser Hörfunkdirektor Martin Wagner.

Ist nach dem Konzert gleich Schluss?

Schirmer: Nein, danach gibt’s noch Kuchen und Limo im Foyer, um miteinander ins Gespräch zu kommen. Ich kann mir übrigens gut vorstellen, dass weitere Aktionen dieser Art möglich sind. Ich finde es auch denkbar, mal in der Bayernkaserne zu dirigieren. Aber wie gesagt: Der logistische Aufwand ist gewaltig. Jetzt schauen wir mal, wie das Konzert bei den Kindern ankommt.

Mozart bricht das Eis

Die 33-jährige Mezzosopranistin Cornelia Lanz hat ein großartiges Projekt umgesetzt: Mozarts Così fan tutte mit Profisängern und -Orchester, aber auch mit syrischen Flüchtlingen auf die Bühne bringen!

Anderthalb Jahre, sagt uns die Sängerin, hatte das Projekt Vorlauf. Die Idee von Regisseur Bernd Schmitt: Die Wette in Così – sind die Frauen ihren Männern auch wirklich treu? – entstand aus Langeweile. Und wo könnte die Langeweile größer sein als in einem Flüchtlingslager? Also spielt die Inszenierung in einem Flüchtlingslager. Nur Don Alfonso und seine Dienerin Despina sind keine Flüchtlinge, sondern Sozialarbeiter.

Zehn Wochen lang war Lanz im Flüchtlingslager. „Ich habe dort gearbeitet, gekocht, getanzt“, sagt Lanz. „Den ganzen Sommer lang.“ Zunächst war es schwierig, vor allem die Frauen zu motivieren. Als Lanz allerdings beim Fototermin noch ihr Kopftuch von der Bühnenprobe zuvor aufhatte, wurde sie akzeptiert. Und dann gibt es ja noch Mozart: „Zwei Wochen lang war nie die Rede von Krieg und Flucht“, erinnert sich die Sängerin. „Bis die erste Musikprobe mit Sängern und Klavier stattfand. Danach war das Eis gebrochen. Es gab lange Gespräche über die Schicksale, die Flucht – und viele Ideen für die Inszenierung. Und die Anfrage: Hat Mozart noch mehr Opern geschrieben? Die Flüchtlinge möchten unbedingt noch etwas machen.“ Und so arbeitet Lanz bereits am nächsten Projekt und sagt: „Wir wollen nicht wild Kulturen mixen, sondern voneinander lernen, ausprobieren und Mut machen.

Insgesamt 40 Flüchtlinge wirken mit – 30 auf der Bühne im Chor, zehn hinter der Bühne. Sie helfen bei den Kostümen, der Maske, dem Bühnenbild. 15 Kinder sind mit dabei auf Tournee – sie werden professionell betreut und können auch in die örtlichen Kindergärten.

Mozart: Così fan tutte, Opernprojekt mit syrischen Bürgerkriegsflüchtlingen. Musikalische Leitung: Garrett Keast, Inszenierung: Bernd Schmitt. Kurpfälzisches Kammerorchester Mannheim, Stuttgarter Symphoniker.

Sonntag, 19.30 Uhr, Carl-Orff-Saal im Gasteig. Karten (29,90 – 49,90 Euro) gibt’s unter Tel. 089 / 54 81 81 81.

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