Unermesslicher Schatz in Schwabing

Kunst-Krimi um 1500 Meisterwerke

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Auch Werke von Picasso entdeckten die Fahnder in der Schwabinger Wohnung. Hier eine Foto seines Bildes mit dem Titel "Tete de femme".

München - Der Kunstschatz, der jahrzehntelang in einer Wohnung in Schwabing lagerte, ist eine Weltsensation. Die Geschichte der Kunstwerke ist ein Krimi – und beginnt mit der Nazi-Diktatur.

Rund 1500 Bilder von Pablo Picasso, Henri Matisse, Marc Chagall, Paul Klee, Max Beckmann, Emil Nolde, Otto Dix, Oskar Kokoschka, Max Liebermann und anderen Meistern der Klassischen Moderne entdeckten Zollfahnder zwischen vergammelten Lebensmitteln. Wie das Magazin Focus in der neuesten Ausgabe berichtet, handelt es sich um von den Nazis beschlagnahmte „entartete Kunst“, die Hildebrand G., Vater des jetzigen Besitzers, für das Regime verwerten sollte.

Die Geschichte der Kunstwerke ist ein Krimi – und beginnt mit der Nazi-Diktatur. Hildebrand G., der in den 20er-Jahren als Museumsdirektor die moderne Kunst gefördert hatte, begann mit den braunen Machthabern Geschäfte zu machen. Es ging darum, Kunstwerke, die die Nazis aus Museen geholt und privaten Sammlern geraubt hatten, zu Geld zu machen und ins Ausland zu verkaufen.

Nach dem Krieg behaupteten Hildebrand G. und dessen Frau, alle noch verbliebenen Kunstwerke seien bei dem Bobenangriff auf Dresden verbrannt. In Wahrheit sieht es aber eher so aus, dass Hildebrand G. seinen und den Lebensunterhalt seiner Kinder damit bestritt, dass immer mal wieder ein Werk bei Auktionen unter den Hammer kam.

Was tun mit dem millionenschweren Schatz?

Mysteriös ist die Geschichte von Cornelius G., dem Sohn des Kunsthändlers. Nach dem Tod seiner Eltern und seiner Schwester lebte er abgeschottet in einem Schwabinger Appartementhaus. Wie der Focus berichtet, war er weder behördlich gemeldet noch krankenversichert. Er bezieht keine Rente, steht nicht im Telefonbuch – nur sein Klingelschild im fünften Stock verrät seinen Namen. Auch er verkaufte Kunstwerke – unter anderem Max Beckmanns Löwenbändiger, das bei einer Auktion 864 000 Euro erbrachte.

Zollfahnder wurden im Frühjahr 2011 in einem Zug nach Zürich auf ihn aufmerksam, wo er mit einer größeren Geldsumme auffiel. Bei der Duchsuchung seiner Wohnung stießen die Ermittler auf den Kunstschatz.

Die Bilder wurden in ein Depot nach Garching gebracht. Doch was tun mit Schatz, der hunderte Millionen, vielleicht sogar Milliarden wert ist? Die Rechtslage ist verzwickt, die Behörden schweigen. Zollfahndung und die zuständige Staatsanwaltschaft Augsburg wollten sich Sonntag auf tz-Anfrage nicht zu der Sache äußern. Laut Focus ist derzeit allerdings die Berliner Kunsthistorikerin Prof. Meike Hoffmann damit beschäftigt, die Herkunft und den Wert der Meisterwerke zu ermitteln, die so lang in der Wohnung schlummerten.

Was passiert jetzt mit Cornelius G.? Gegen ihn wird wegen Steuerhinterziehung ermittelt – er soll die Verkäufe der Bilder nämlich am Finanzamt vorbei getätigt haben.

tz-Stichwort: Entartete Kunst

Alles, was nicht ins Weltbild der Nazis passte, wurde verbannt oder verbrannt. Es begann mit Bücherverbrennungen 1933. Im Jahr 1936 erging dann ein totales Verbot jeglicher Kunst der Moderne, die nicht dem Schönheitsideal der Nationalsozialisten entsprach. Hunderte Kunstwerke wurden aus den Museen entfernt und bei privaten Sammlern beschlagnahmt. In München gab es eine Schmäh-Ausstellung unter dem Titel Entartete Kunst. Diese wurde am 19. Juli 1937 in den Hofgarten-Arkaden eröffnet und zog über zwei Millionen Besucher an. Viele Werke wurden später zu Geld gemacht. Auch Hildebrand G. gehörte zu den Händlern, die die Werke ins Ausland verscherbelten.

Eberhard Unfried

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