Münchner Nazi-Raubschatz

Kritik am Vorgehen der Behörden wird lauter

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Insgesamt sollen 1406 Bilder in der Münchner Wohnung von Cornelius Gurlitz vom Zoll beschlagnahmt worden sein.

München - Nach dem Fund des Nazi-Raubschatzes in München mehren sich die Vorwürfe gegen die Geheimhaltungs-Politik der Behörden. Die Fragen und Fakten:

Der Leitende Augsburger Oberstaatsanwalt Reinhard Nemetz wirkt sehr selbstbewusst und macht auf der Pressekonferenz in Augsburg deutlich, dass er es nicht mag, wenn seine Arbeit behindert wird. Schon gar nicht vom Volk, das von der juristischen Materie keine Ahnung hat. Doch jetzt, nachdem die größte Kunstfund-Sensation überhaupt – mitten im Herzen Schwabings – nun mal bekannt ist, weht dem Star-Juristen eine steife Brise entgegen. Die Vorwürfe mehren sich gegen die Geheimhaltungs-Politik der Behörden. Wegen laufender Ermittlungen gegen den Sammler Gurlitt, gegen den wegen Steuerhinterziehung und Unterschlagung ermittelt wird. Fragen und Fakten:

Jetzt geht der Rauch auf

Kontraproduktiv – dieses Wort verwendet der Leitende Staatsanwalt Reinhard Nemetz immer wieder. Kontraproduktiv sei es, dass der Focus die Geschichte um den sensationellen Fund von insgesamt 1406 spektakulärer, teils völlig unbekannter Kunstwerke in der Schwabinger Wohnung Cornelius Gurlitts veröffentlicht hat. Dass sich nun die Presse so darauf stürzt. Dass die Schätze vom Sicherungstrakt des Zollamts in Garching woanders hinverfrachtet werden mussten. So viel Arbeit, nur wegen ein bisserl Kunst, könnte man ironisch fragen.

Nemetz verweist darauf, dass gegen Cornelius Gurlitt (80), den Sohn des im Dritten Reich wichtigen und beauftragten Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt, Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Augsburg laufen. Gurlitt wird der Steuerhinterziehung und Unterschlagung verdächtigt. Verzwickt ist die Klärung der Eigentumsverhältnisse: Wem gehören die von den Nazis einst beschlagnahmten Gemälde?

Die Pressekonferenz lässt viele Fragen offen: Warum wird nicht einmal bestätigt, dass Cornelius Gurlitt noch lebt? Wollen sich die Behörden gar in den Mantel des Schweigens hüllen, um weiterhin ungestört werkeln zu können? Wirkt es nicht so, als ginge es hier nicht um schnellstmögliche Aufklärung, sondern um Machtspiele? So sagt der österreichische Kunstexperte Alfred Weidinger zu APA: „Ich glaube, mit der Geheimhaltung wollen sich Leute wichtig machen.“ Denn: Hier handelt es sich primär um den kapitalsten Kunstfund überhaupt. Schätzwert: eine Milliarde Euro.

Noch eine offene Frage: Kam man wirklich auf Cornelius Gurlitt, nachdem er im Zug von der Schweiz nach Deutschland 9000 Euro in bar mit sich führte? Das darf man bezweifeln, wenn man Weidingers Statement liest: „Im Grunde genommen hat jeder wichtige Kunsthändler im süddeutschen Raum gewusst, dass es sie gibt – auch in der Dimension“, sagt er der APA. Genauere Nachforschungen hätten Experten schon viel früher auf die Sammlung Gurlitt führen müssen.

Die Empörung steigt. Der Berliner Kunstexperte und Jurist Peter Raue hält es für „dreist“, dass man die Sensationsnachricht so lange geheim gehalten hat (oben rechts). Der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dieter Graumann, will ein „zügiges Verfahren“. Auch das Wuppertaler Von der Heydt-Museum kritisiert die Geheimniskrämerei von Zoll und Justiz.

Und die Museen laufen Sturm. Gestern verlangten die Dresdner Kunstsammlungen Auskunft über rund 450 vermisste Werke. Das Museum Folkwang in Essen hat eine „begründete Vermutung“, dass Gurlitt Bestände des Hauses hortete. Und wenn auch noch herauskommt, wo sich der Schatz derzeit befindet oder gar Neuigkeiten zum abgetauchten (oder gar nicht mehr lebenden?) Cornelius Gurlitt herauskommen, dürfte Augsburgs Stromversorgung allein schon durch die Rotation im Strafjustizzentrum über Monate gesichert sein. Gut möglich, dass eine Fachspedition im Umkreis Münchens nun die Schätze hortet. Sie sind auf Sicherung und Diskretion großer Kunstschätze spezialisiert. Mal schauen, ob das besser klappt.

Matthias Bieber

 

Nicht alles war „entartet“

Zwei spektakuläre Entdeckungen großer deutscher Expres­sionisten: Ernst Ludwig Kirchners Holzschnitt eines sitzenden Mädchens, das in seiner Farb-Intensität laut Kunst-Expertin Hoffmann höchst außergewöhnlich ist und bisher nicht bekannt war. Dazu Otto Dix’ Lithographie einer alten Dame, deren Herkunft bisher noch nicht nachgewiesen ist.

Nicht alle in Gurlitts Wohnung beschlagnahmten Werke waren unter den Nazis als „entartet“ verboten. Es finden sich u. a. auch Dürer, Canaletto oder Gustave Courbets Mädchen mit Ziege.

 

Schon die Alliierten traten in Aktion

Hier sehen Sie das Haus, wo die Sensation und die zunehmende Kritik am Vorgehen der Behörden ihren Anfang nahmen: In der Wohnung Cornelius Gurlitts beschlagnahmte der Zoll am 28. Februar 2012 insgesamt 1406 Meisterwerke vorwiegend aus der Klassischen Moderne.

Wie es mit den Bildern weitergeht, ist offen: Wandern sie in Museen? Wie viele ursprüngliche Eigentümer erhalten ihre von den Nazis enteigneten Werke zurück – und nach wie vielen Jahren? Geht die Sammlung gar an Gurlitt zurück?

Fest steht: Laut SZ wurden rund 100 Kunstwerke aus Hildebrand Gurlitts Privatsammlung schon einmal beschlagnahmt – von den Alliierten – und von 1945 bis 1950 verwahrt. Gurlitt hatte damals die Werke erfolgreich zurückgefordert. Darunter das jetzt wiederentdeckte Selbstbildnis von Dix und Liebermanns Reiter.

 

Mahnende Worte und Kritik am Vorgehen

Spekulationen helfen hier nicht weiter. Wichtig sind jetzt Transparenz und ein zügiges Verfahren. Schließlich geht es hier um Erben einstmals beraubter jüdischer Sammler, die nun späte Gerechtigkeit erfahren könnten, indem das Hab und Gut ihrer Familie wieder in ihren, den rechtmäßigen, Besitz kommt.

Dieter Graumann, ­Zentralrat der Juden in Deutschland

 

Die Begründung der bayerischen Behörden, sie wollten die Sammlung Gurlitt so lange geheim halten, bis geklärt ist, wem die Bilder gehören, ist nachgerade dreist. Die Werke sollen im Internet veröffentlicht werden, damit sich Museen und Angehörige der früheren jüdischen Eigentümer melden und zur Aufklärung beitragen.

Peter Raue, Rechtsanwalt und Kunstexperte, Berlin, im Deutschlandradio

Polizei zeigt Nazi-Raubkunst aus Münchner Fund

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