Löst sich ein jahrzehntealtes Rätsel?

Cousin: Gurlitt weiß, wo das Bernsteinzimmer ist

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„Cornelius wollte sich rächen“, sagt Cousin Ekkeheart Gurlitt der tz. Im Hintergrund: Die Rekonstruktion des Bernsteinzimmers im Katharinenpalast von Sankt Petersburg

München - Die tz erwischte den Cousin von Kunstsammler Cornelius Gurlitt, den Fotografen Ekkeheart Gurlitt, am Donnerstag am Telefon. Er lebt in Barcelona. Und er behauptet sogar: Cornelius weiß, wo das legendäre Bernsteinzimmer ist!

Wo ist Cornelius Gurlitt? Wo ist der 80-Jährige, der Jahrzehnte lang in seiner Schwabinger Wohnung Kunstwerke hortete, die jedes Vorstellungsvermögen übersteigen? Die insgesamt 1406 Gemälde vor allem der Klassischen Moder­ne – Kirchner, Chagall, Picasso, Dix – wurden im Februar 2012 vom Zoll beschlagnahmt. Die Staatsanwaltschaft Augsburg, die gegen Gurlitt wegen Steuerhinterziehung und Unterschlagung ermittelt, musste zähneknirschend an die Öffentlichkeit, nachdem der Milliarden-Schatz von Schwabing bekannt wurde. Ob Gurlitt überhaupt noch lebt?

Die tz erwischte den Cousin von Cornelius Gurlitt, den Fotografen Ekkeheart Gurlitt, am Donnerstag am Telefon. Er lebt in Barcelona. Und er behauptet sogar: Cornelius Gurlitt weiß, wo das legendäre Bernsteinzimmer ist!

"Er war ein Geächteter"

Mensch ärgere dich nicht gehört zu den Lieblingsspielen von Ekkeheart Gurlitt (65). Der in Barcelona lebende Fotograf kann die Aufforderung allerdings derzeit nicht befolgen. Was daran liegt, dass die Presse seiner Meinung nach so unseriös über seinen Cousin berichtet. „Sie können sich vorstellen, dass die ganze Familie angefressen ist über die schlecht recherchierte Berichterstattung“, sagt er der tz am Telefon. „Wir wollen unser Leben wegen so einer Geschichte nicht umkrempeln.“

Ekkeheart Gurlitt spricht schnell und hektisch, gerne mal abgehackt. Man spürt, wie erregt er ist. Was zuerst auffällt: Er redet über seinen Cousin Cornelius immer wieder mal in der Vergangenheitsform: „Cornelius“, sagt er etwa, „war ein Geächteter, ein Ausgestoßener.“ Allerdings gibt auch er keinen Kommentar dazu ab, ob sein Cousin überhaupt noch am Leben ist. Laut Daily Mail spekuliert Ekkeheart: „Vielleicht hat er jetzt den Freitod gewählt, weil er kein Geld hat.“ Das klingt nicht so, als habe er Kontakt mit seinem Cousin.

Apropos Geld: Der Fotograf bestreitet vehement, dass sich sein Cousin am Nazi-Beuteschatz bereichert habe. „Cornelius hat sich nicht an den Nazis bereichert, sich kein schönes Leben mit dem Geld aus den Bilderverkäufen gemacht. Er hat sie 60 Jahre lang versteckt, war nicht in München gemeldet, lebte im Untergrund mit so einer unglaublichen Sammlung, ohne irgendjemandem etwas davon zu erzählen. Das ist keine Rampensau, das hat nichts mit etwa diesem peinlichen Boris Becker zu tun“, gibt er sich entrüstet.

Cornelius, der „sein Leben lang gerne reiste“ (da ist sie wieder, die Vergangenheitsform) wollte und will nicht in die Öffentlichkeit. Auch wenn er nun „der größte private Kunstsammler der Welt ist, das schlägt etwa Thyssen-Krupp um Längen“. Der Cousin sagt: „Er ist so ein Verrückter. Ich glaube, sein Motiv war Rache. Eben, weil er geschnitten und geächtet war.“ Warum er das war? „Das sage ich nicht.“ Und wie er sich mit seiner Sammlung gerächt hat? „Er wusste: ,Ich habe Picassos, ich habe Dix’, ich habe Kirchners.‘ Das war seine persönliche Genugtuung, das reichte ihm als Rache.“

Laut Daily Mail kommt dann doch wieder ein Statement, das für ein Lebenszeichen Cornelius Gurlitts spricht. Ekkeheart: „Ich kann Ihnen nicht sagen, ob er lebt oder nicht. Das wäre gefährlich für ihn. Wenn die Polizei wüsste, dass er am Leben ist, würden sie ihn suchen. Und wir wollen ihn auch nicht an die Kunstmafia ausliefern.“ Und noch ein Hammer: „Natürlich wusste die Familie von Cornelius’ Kunstsammlung.“

Es bleiben viele Geheimnisse, die früher oder später ans Licht kommen. Das meint auch der Kunstexperte und Jurist Peter Raue. Er erläutert der tz: „Man hat den Eindruck, die Augsburger Staatsanwaltschaft will eine Alleinstellung haben. Aber da wird noch sehr, sehr viel rauskommen. Dass sie als Grund für ihre Geheimniskrämerei angegeben hat, die berechtigten Erben der Bilder zu schützen, ist schierer Zynismus. Ich schütze niemanden, indem ich was verschweige. Entweder lügen sie wie toll und verrückt, oder sie können nicht klar denken.“

Was für Raue wahrscheinlicher ist? „Die zweite Variante.“ Die bayerische Regierung müsse jetzt klar Stellung beziehen: „Die ganze Welt schaut auf Augsburg, und die schweigen.“

Matthias Bieber

Spur zum Bernsteinzimmer?

Weiß Cornelius Gurlitt, wo das legendäre Bernsteinzimmer steckt? Sein Cousin Ekkeheart Gurlitt behauptet das jedenfalls. Ist die Menschheit damit der Lösung eines der größten Rätsel, die der Zweite Weltkrieg hinterlassen hat, auf der Spur?

Seit 1945 wird in Archiven gestöbert und in Höhlen, Stollen und Seen zwischen Thüringen und der Steiermark nach dem Bernsteinzimmer gesucht, dessen Spur sich 1945 im ausgebrannten Schloss von Königsberg (Ostpreußen) verliert.

Im Zusammenhang mit dem Schwabinger Kunstschatz tut sich jetzt aber möglicherweise eine heiße Spur auf: Ekkeheart Gurlitt erzählt im Interview mit der britischen Zeitung Daily Mail über seinen Cousin Cornelius: „Er sagte immer: Ich kann euch sagen, wo das Bernsteinzimmer ist.“

Waren das nur übertriebene Geschichten für die Verwandtschaft? Einem Mann, der Jahrzehnte lang einen riesigen Schatz aus von den Nazis zusammengerafften Kunstschätzen hortete und dessen Vater als Auquisiteur und Makler von mehr oder minder geraubten Kulturschätzen für die Nazis tätig war, ist durchaus zuzutrauen, dass er auch weiß, was mit dem Bernsteinzimmer geschehen ist.

Doch die Öffentlichkeit sollte es offenbar nicht so schnell erfahren. Ekkeheart Gurlitt erklärt im Interview über seinen Cousin weiter: „Er hat uns das während seines ganzen Lebens gesagt: ,Bevor ich sterbe, werde ich der Öffentlichkeit sagen, aber nicht vorher‘.“

Das Bernsteinzimmer hatte Preußenkönig Friedrich I. (1657 – 1713) für das Berliner Stadtschloss anfertigen lassen. Sein Sohn Friedrich II. der Große (1712 – 1786) tauschte das Bernsteinzimmer mit Zar Peter der Große (1672 – 1725) gegen russische Soldaten für seine Elitetruppe, die „Langen Kerls“, ein. Der Zar ließ das Bernsteinzimmer im Katharinenpalast in Sankt Petersburg einbauen.

Ab 14. Oktober 1941 wurde das Bernsteinzimmer nach der Eroberung der Stadt durch die Wehrmacht in 28 Kisten verpackt und nach Königsberg gebracht, wo es im Schloss ausgestellt und nach einem Brand in Kisten gepackt wurde. Das Schloss wurde 1945 durch Bombardements und die Eroberung durch die Rote Armee zerstört.Nach Erkenntnissen britischer Forscher soll das Bernsteinzimmer verbrannt sein, nachdem die Sowjetarmee die Stadt erobert hatte. Es soll aber noch tief gelegene Kellerräume geben, die bis heute nicht freigelegt worden sind.

Weltweit gibt es über 100 Theorien über das Schicksal des Schatzes. Unabhängig davon wurde das Bernsteinzimmer 1976 bis 2003 im Katharinenpalast rekonstruiert.

Johannes Welte

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