Münchens rätselhafteste Kriminalfälle - tz-Serie von Dorita Plange

"Kustermann-Mörder": Der Biedermann mit dem Pepita-Hut

+
Hinter der Fassade des Biedermanns steckte ein echter Killer: Bart, große Brille, Pepita-Hut, schmuckloser Blouson und einfache Hose – so soll der Kustermann-Mörder ausgesehen haben.

Ein spießiges Pepita-Hütchen wurde in den Jahren 1989 und 1991 zum Sinnbild des Schreckens.

Es war das Markenzeichen eines Räubers, der als äußerst brutaler „Kustermann-Mörder“ monatelang die Schlagzeilen bestimmte. Als Tatorte wählte er stets belebte Orte aus, an denen zahlreiche Menschen Zeugen seiner Überfälle wurden. Seine Skrupellosigkeit und Geldgier ließ ihn bereits beim ersten Überfall mitten in der Stadt zum Mörder werden. Bei zwei weiteren Überfällen streckte er zwei weitere Männer und ein Mädchen (16) mit gezielten Schüssen nieder. Obwohl so viele Zeugen diesen Mann gesehen haben, ist es nie gelungen, die Identität des Kustermann-Killers zu klären.

Sein erstes Opfer wurde Eckehard Klein (46) — ein Vater von drei Kindern, der zehn Jahre lang in Untermenzing eine Wirtschaft betrieb. Aus Liebe zu seiner kranken Lebensgefährtin Angelika gab Eckehard Klein 1988 sein Lokal auf und suchte sich einen neuen Job. So wurde er Geldbote bei der Münchner Wach- und Schließgesellschaft.

Als guter Sportschütze war er den Umgang mit der Waffe bereits gewohnt. Doch der Mörder ließ ihm nicht mehr die Zeit, zur Waffe zu greifen …Am Abend des 31. Mai 1989 gegen 17.30 Uhr ist die Gegend um den Rindermarkt im Herzen der Stadt voller Menschen. Einer Hausfrau fällt am Haupteingang des Traditions-Geschäftes Kustermann ein seltsamer Mann auf. Er trägt einen beigen Blouson über brauner Hose. Sein Gesicht ist unter Pepita-Hut, breiter Hornbrille und Schnauzbart kaum zu erkennen. Sein Gang wirkt plump, weil er die Fußspitzen beim Laufen auffallend nach außen setzt.

Kurz darauf fährt der weiß-blau lackierte und gepanzerte Geldtransporter vor. Streng nach Vorschrift bleibt Fahrer Attila J. (30) bei laufendem Motor am Lenkrad sitzen, während Beifahrer Eckehard Klein aussteigt. Um 17.45 Uhr kommt er mit dem Geldbombe-Sack wieder aus dem Traditionsgeschäft. Doch das Fahrzeug erreicht er nicht mehr. Ohne eine Wort zu sagen tritt der Mann mit dem Pepita-Hut auf ihn zu und feuert ohne Warnung. Zwei Kugeln treffen Eckehard Klein in den Bauch, die dritte durchschlägt seine Lunge, die vierte verfehlt ihn. Der Wachmann verliert sofort das Bewusstsein. Noch auf der Straße – umgeben von Schaulustigen – beginnt der Wettlauf der Ärzte gegen den Tod. Um 21.30 Uhr stirbt der Familienvater auf dem OP-Tisch. Der Mörder entkommt mit 80 000 Euro. Eckehard Kleins schwer geschockter Kollege Attila J. hat nie mehr einen Geldtransporter gefahren.

Im Sommer des darauffolgenden Jahres – am 6. August 1990 – schlägt der Räuber wieder zu. Der Vizechef der Quelle-Filiale in der Landwehrstraße bringt mit einem Kollegen einen Diplomatenkoffer voller Geld (70 200 Euro) und Schecks zur Bank in der Sonnenstraße. Beide sind unbewaffnet. Plötzlich tritt ein bewaffneter Mann mit Sonnenbrille und Pepita-Hut auf die beiden zu. Als Manfred V. (49) den Koffer nicht sofort hergibt, schießt der Räuber. Drei Kugeln treffen den Quelle-Vize-Chef in den Bauch. Er überlebt knapp.

Seinen letzten, bekannten Überfall verübt der große Unbekannte am 23. Dezember 1991 mitten im Einkaufsgewühl des Olympia-Einkaufszentrums. Genau gegenüber der Nordsee-Filiale versucht der Räuber, dem Hettlage-Geldboten Ralf H. (60) eine Aktentasche mit 50 000 Euro zu entreißen. Doch auch Ralf H. gibt nicht kampflos auf. Dann eilt ihm Nordsee-Verkäuferin Isabella S. (16) zu Hilfe. Da schießt der Räuber wieder. Eine Kugel trifft Ralf H. in den Bauch, die zweite trifft Isabella ins Bein. Die dritte geht ins Leere. Beide Opfer überleben. Der Kustermann-Mörder entkommt mit seiner Beute im weihnachtlichen Einkaufstrubel.

In zwei Fällen hatten die Angehörigen der Opfer böse Vorahnungen. So sagte die Frau des Quelle-Chefs damals weinend: „Ich wollte nicht, dass immer mein Mann das Geld zur Bank bringt. Ich habe gewusst, dass so was mal passiert wie bei Kustermann.“ Und auch Eckehard Kleins Lebensgefährtin hatte ihren Freund mehrmals gebeten, eine schusssichere Weste zu tragen. Doch der 46-Jährige zog da nicht so recht mit. Er sagte: „Das ist mir zu heiß im Sommer …“

Lesen Sie auch:

Michaelas feiger Mörder ist immer noch frei

Kein Täter darf sich sicher fühlen

Woher hatte er die drei Schusswaffen?

Der Kustermann-Mörder müsste heute ein Rentner von etwa 65 Jahren sein. Er hatte offenbar mühelos Zugang zu scharfen Waffen, weil er bei jeder seiner Taten eine andere Waffe verwendete. Anhand der Geschosse identifizierten die Ballistiker damals drei verschiedene Modelle.

Der Wachmann Eckehard Klein wurde mit einer Pistole Walther PP oder PPK (Kaliber 7.65) getötet. Den Quelle-Vize-Chef trafen Geschosse aus einer tschechischen Ceska-Pistole (Modell 50 oder 70, Kaliber 7,65 Browning). Und im Olympia-Einkaufszentrum eröffnete der Räuber das Feuer auf den Geldboten und die Verkäuferin mit einem Revolver Kaliber 22 Winchester Magnum mit Hohlspitzgeschossen.

Die beiden Pistolen und der Revolver sind nie mehr aufgetaucht und auch bei keinem anderen Verbrechen eingesetzt worden. Sie könnten sich also noch im Besitz des Mannes befinden oder auch illegal verkauft worden sein. Unter Tel. 089/29 10-0 bittet die Mordkommission um Hinweise. Die Belohnung von damals – 73 000 Mark – gilt noch heute.

Das geschah am 31. Mai 1989

Wenn es nicht gerade der Hochzeitstag war – wer könnte heute noch sagen, wo er in den Tagen um den 31. Mai 1989 herum war? Einige Anhaltspunkte: Der Tag, an dem der Kustermann-Mörder zum ersten Mal zuschlug, war ein Mittwoch. Der Bayerische Rundfunk trauerte um Chefdirigent Giuseppe Patané, der einem tödlichen Herzinfarkt am Pult erlitten hatte. Beim Zirkus Sarrasani auf der Theresienwiese traten erstmals Hunde, Katzen, Tauben und Papageien in einer Nummer auf. Die Bahn testete in München die doppelstöckige S-Bahn. Politsternchen „Cicciolina“ Ilona Staller ließ im Nightclub Intermezzo in der Maximilianstraße sämtliche Hüllen fallen. Im Kino lief der Gruselthriller „Die Fliege II“. Und die Autowelt staunte über das nagelneue Mercedes-Cabriolet SL mit bis zu 326 PS, der sich mit einer Weltneuheit präsentierte: dem versenkten Überrollbügel.

Quelle: tz

Auch interessant

Meistgelesen

Nach Berliner Vorbild: Neues System soll Münchner U-Bahnen revolutionieren
Nach Berliner Vorbild: Neues System soll Münchner U-Bahnen revolutionieren
Irrsinn am Odeonsplatz: Mit Vollgas durch die Einbahnstraße
Irrsinn am Odeonsplatz: Mit Vollgas durch die Einbahnstraße
Die spinnen, die New Yorker! Einkaufstüte von Hugendubel löst dort Mode-Hype aus
Die spinnen, die New Yorker! Einkaufstüte von Hugendubel löst dort Mode-Hype aus
Spur des Schreckens: Jugendliche ziehen nachts durch Stadt und legen Brände - Feuerwehr verhindert Schlimmeres
Spur des Schreckens: Jugendliche ziehen nachts durch Stadt und legen Brände - Feuerwehr verhindert Schlimmeres

Kommentare