Der Niedergang des Kutscherviertels

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Ein Bild aus der Birkenau in den 20er Jahren.

München - München macht mobil gegen den Abriss von traditionsreichen und historischen Gebäuden. Auch die gescheiterten Proteste in Schwabing tun dem Willen der Bürger keinen Abbruch.

Hufgeklapper in der Birkenau, Pferdeäpfel auf dem Kopfsteinpflaster – am Freitag wurde noch einmal die Zeit lebendig, die an die 100 Jahre lang das Leben in Untergiesing bestimmte: Ein Fiaker hielt mit seiner Kutsche in der Birkenau, wo bis 1936 die Kollegen seiner Zunft zu Hause waren, bevor sie Taxler wurden. Zwei Häuser erinnern noch an diese Zeit, doch sie sollen einem großzügigen Design-Wohnblock mit Tiefgarage geopfert werden: Die Pläne stoßen in Giesing auf Widerstand, Bürgerinitiativen wollen den Abriss verhindern. Doch was hat es mit den Kutscherhäusern in der Birkenau auf sich?

Die tz dokumentiert ihre Geschichte und die des Viertels:

Fronleichnam in den 1920er-Jahren in der Birkenau: Geschmückte Fenster, Fahnen, die Giesinger haben ihr Festtagsg’wand an; nur ein Haus ragt um ein Stockwerk aus den Erdgeschossbauten hervor. Wie sich die Zeiten geändert haben: Heute überragen viele gesichtslose Wohnblöcke die alten Häuserl. Wie kam es dazu?

Die Birkenau entstand im 19. Jahrhundert, als die Isar eingedämmt und das heutige Untergiesing nicht mehr ständig überschwemmt wurde. „Es waren arme Leute, die hier wohnten. Tagelöhner, Gänsemäster, Geflügelhändler und die Kutscher“, so der Giesinger Historiker Dr. Willibald Karl. Dass die nach Mist riechenden Stallungen nicht in Nachbarschaft der feinen Herrschaften am anderen Isar-Ufer sein durften, verstand sich von selbst.

„Die im 19. Jahrhundert entstandeneSiedlungBirkenau hatte eine strikte Bauordnung“, so Dr. Karl. Es wurden immer zwei Häuser mit einem gemeinsamen Innenhof zusammengelegt. Drei Fenster zur Straße waren die Regel, doch es gab auch Ausnahmen.

Rund 50 solcher Anwesen gab es um 1850, darunter die zwei 1840 und 1845 erbauten Kutscherhäuschen, die nun verschwinden sollen. Das eine diente als Gasthaus Fiakerheim den Kutschern nach Feierabend zum Durstlöschen, das gegenüberliegende war selbst eine Fiakerei. Der erste bekannte Kutscher dort war 1888 ein gewisser Josef Friesenegger, der für den Winter auch einen Pferdeschlitten sein Eigen nannte.

München - auferstanden aus Ruinen

München - auferstanden aus Ruinen

Seine Familie führte die Fiakerei bis 1936, als Frieseneggers Enkelin Walburga und ihr Ehemann Maximilian Pockmair auf Taxis umstiegen. Die Stallungen wurden zu einer KFZWerkstatt umgebaut. Der Pockmair-Sohn Max jun. führte die Familientradition als Chauffeur bis 1984 fort und wohnte bis kurz vor seinem Tod 2008 im Kutscherhaus; seine Frau Maria starb ein Jahr später.

Deren Tochter wiederum verkaufte das Haus an einen Architekten, der auch das Nachbaranwesen des ehemaligen Fiakerheims kaufte. Er plant den Abriss der Gebäude und den Bau eines dreigeschossigen Wohnhauses mit ausgebautem Dachgeschoss. Das Pockmair- Anwesen stand bis 2009 unter Denkmalschutz, der nach einer Überprüfung durch das Landesamt gestrichen wurde.

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Allerdings wichen schon vor dem Ersten Weltkrieg die ersten Kutscherhäuser dreigeschossigen Wohnhäusern, weitere Neubauten wurden durch Inflation, Weltwirtschaftskrise und die Weltkriege verhindert. In der Zeit des Wiederaufbaus wurden Stück für Stück weitere Kutscherhäuser für Wohnblocks abgerissen. „Das war der erste Sündenfall. Die Birkenau hat ihren Charakter schon lange verloren“, so der alteingesessene Untergiesinger Siegfried Schiffmann (67), der selbst in einem Kutscherhaus in der Birkenau aufgewachsen ist, das er liebevoll restauriert hat und pflegt.

Doch sind dann nicht erst recht die letzten verblieben Kutscherhäuser zu schützen? Stefan Burger von der Bürgerinitiative „Rettet die Birkenau“: „Wenn die beiden Häuser verschwinden, wird der Denkmalschutz bald bei den letzten Kutscherhäusern fallen und Großinvestorenwerdendort bis zum vierten Stock neu bauen.“

 tz

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