Linda Schnitzler lässt Hektik kalt

Sie kutschiert die Reichen und Schönen

+
Strickmütze, Fleece-Pulli, Cargo-Hose – Linda Schnitzler (69) begegnet ihrer Kundschaft wie sie ist – mit einem herrlichen Lachen, einem flotten Spruch auf den Lippen und für jeden Spaß zu haben.

München - Linda Schnitzler ist in diesen Tagen sehr gefragt. Die 69-Jährige kutschiert mit ihrem Taxi die Reichen und Schönen durch München. Weihnachten und Hektik lassen sie kalt.

Gerade noch Gerd Käfer vom Flughafen abgeholt und in der Autowerkstatt vorbeigeschaut; Nina Ruge hat sich gemeldet, und Unicef-Lady ­Claudia Graus muss in der Stadt noch schnell das Christkindl geben – die Taxlerin ­Linda Schnitzler (69) hat in diesen Tagen alle Hände voll zu tun, wo der Ruf nach einem Taxi besonders laut schallt. Wie bei allen ihren Kollegen.

Doch Linda Schnitzler ist viel mehr als ihr Beruf: Sie ist fahrende Philosophin, leichte Unterhaltung; sie hat das munterste Lachen der Stadt, sie ist Vertrauensperson, bei der Gerd Käfer schon mal die Schlüssel lässt und sie ist die Lieblings­chauffeurin der feinen Gesellschaft – der Reichen und Schönen, obwohl sie selbst nicht sehr viel mehr als ihr Mercedes-Taxi besitzt. Ihre Mietwohnung hinterm Prinzregententheater heizt sie noch mit Öl aus der Kanne – für sich und ihre ehemals ausgesetzten Tiere – Mops Lilly (4) und die Katzen Bebe Riva (19) und Seppi (4). Mehr braucht und will Linda Schnitzler auch gar nicht. Die weniger genügsamen Aspekte des Lebens sind dafür willkommener Unterhaltungsstoff im Wagenfond.

Linda Schnitzler kennt die kleinen und großen Geheimnisse ihrer Kundschaft, und die Kundschaft die ihren – ohne, dass sie jemals ausgeplaudert würden. Es sind ihr keine Indiskretionen zu entlocken und über sich selber gibt sie nur Eckdaten preis: Aufgewachsen als Fuhrunternehmerstochter in Augsburg, Kauffrau gelernt, Abenteuerlust und Fernweh als ­Saisonbedienung ausgelebt, bis sie vor 47 Jahren zum Taxi und zu ihrer prominenten Kundschaft kam. Die hat sie sich nicht selbst gesucht – die ist einfach zu ihr gekommen.

Wie der legendäre Bayerische Ministerpräsident Franz Josef Strauß zum Beispiel, den sie oft vom Flughafen abgeholt („Der is ja selber g’flogn“) und in die Hirsch-Gereuth-Straße gefahren hat. „Der hat koane Bodyguards gebraucht wie die Politiker heut’“, erzählt Linda Schnitzler auf der Fahrt zum Pressehaus. „Der war schwer in Ordnung, über den lass ich nix kommen! – Ein großzügiger Mensch.“

Bis zu jenem Tag am 1. Oktober 1988, als Strauß mit ­Johannes Fürst von Thurn und Taxis auf die Hirschjagd wollte und zusammenbrach. Linda Schnitzler erfuhr die Nachricht auf dem Weg zum Flughafen Riem übers Autoradio. „Es war ein richtiger Schock für mich.“ Denn ihre Kundschaft ist für sie wie eine Familie – mit dem kleinen Unterschied nur, dass sie mit ihr stets per Sie ist. Immer. Selbst, wenn langjährige Stammgäste, wie Gerd Käfer und Uschi Ackermann, sie auch privat einladen. „Ja, i leb a bissl mit meiner Kundschaft mit“, räumt die Taxlerin ein. Aber Frau Schnitzler bleibt Frau Schnitzler.

Stammkundin war auch die unglückselige Soraya. „Das hat in den 60er-Jahren angefangen, als ich noch meinen 280 SE mit den Doppelscheinwerfern hatte.“ Erst war die Ex-Frau des Schahs von Persien zufällig Fahrgast, als sie mit einem kleinen Schwips am Pam Pam einstieg, aber dann wollte ­Soraya in München nur noch von Frau Schnitzler gefahren werden – auch deren Eltern, bis sie im Oktober des Jahres 2001 nicht mehr aus ­Paris zurückkam.

Auch den großen Erzähler Erich Kästner hat Frau Schnitzler bis zu seinem Lebensende im Sommer 1974 gefahren: Von der Wohnung in der Bogenhausener Flemingstraße nach Schwabing in seine Stammkneipe. Manchmal täglich. „Er war ein schweigsamer Mensch, aber wenn wir gesprochen haben, dann war es Belangloses – nie von seinen wunderbaren Geschichten.“ Auf dem Bogenhausener Friedhof fand er seine letzte Ruhe, und Frau Schnitzler zündet ihm bisweilen ein Kerzerl an.

Die Taxlerin ist treu – bis in den Tod. Aber auch ihre Kundschaft bleibt Frau Schnitzler treu – sie wird immer weiterempfohlen. So kommt es, dass sie sich in den besten Kreisen bewegt. Doch Linda Schnitzler fährt auch gern die Armen. Wenn sie ein altes Mutterl mit vielen Tüten oder nachts ein junges Mädel auf der Straße sieht – hält sie an und fragt, ob sie sie nicht ein Stück mitnehmen kann. „Früher haben das die Leut’ gern angenommen, heut’ sind sie mistraurisch. Daran sieht man, wie sich die Gesellschaft verändert, die Welt ist schon lange nicht mehr in Ordnung.“ Die Armen auf den Straßen werden nach Schnitzlers Beobachtungen immer mehr. Inzwischen sieht sie auch Leut’, die in ihren Autos schlafen, weil sie keine Wohnung mehr haben.

Immer mehr werden auch die gestressten Weihnachtseinkäufer auf den letzten Drücker. „Aber i mach mir keinen Stress mehr – es geht auch friedlich.“ Frau Schnitzler wird mit ihrer Freundin ganz bescheiden feiern – ­vegetarisch, ohne viel Tam Tam. Die Zeiten, als sie noch an Heiligabend Taxi gefahren ist, sind vorbei. Da lag auf den Straßen eine ganz feierliche Stimmung, die Kirchgänger, das Glockengeläut – aber da gab es auch die, die nicht wussten, wohin. Und Männer, die unbedingt ins Puff wollten.

Das Fest der Liebe hat eben viele Gesichter – und Frau Schnitzler kann keiner was vormachen. Sie nimmt’s wie’s kommt – Reich und Schön, Arm und Hässlich – setzt sich ihr Elchgeweih auf und lacht!

Ulrike Schmidt

Auch interessant

Meistgelesen

S-Bahn München: Erneuter Stellwerksausfall auf der Linie S7
S-Bahn München: Erneuter Stellwerksausfall auf der Linie S7
Flohmärkte in München: Hier finden Sie alle Orte und Termine
Flohmärkte in München: Hier finden Sie alle Orte und Termine
Sechs Orte in München, an denen wir uns aufwärmen
Sechs Orte in München, an denen wir uns aufwärmen

Kommentare