„Es ist zum Verzweifeln“

Wie frech: Eigenbedarf machte ihn obdachlos - doch seine alte Wohnung steht leer

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Fast täglich geht Norbert Fischer an seiner alten Wohnung vorbei - er flog wegen Eigenbedarfs raus.     

Ein neuer Fall von Vermieter-Wahnsinn in München? Vor drei Monaten musste Norbert Fischer aus seiner Mietwohnung raus und lebt nun im Obdachlosenasyl. Seine ehemalige Bleibe ist nun unbewohnt. 

München - Es ist zum Verzweifeln. Im Januar verlor Norbert Fischer seine Wohnung, der Eigentümer klagte ihn wegen Eigenbedarfs raus. Nun ist der 56-Jährige wohnungslos – und sein ehemaliges Appartement in Laim steht aktuell noch leer. Fischer ärgert sich und fragt: „Warum musste ich raus?“ Wir versuchten vergeblich, den Eigentümer zu erreichen.

„Ich habe schon vieles erlebt, bin 1987 aus der DDR geflüchtet, habe immer gekämpft und gearbeitet, bis ich krank wurde. Nie hätte ich gedacht, dass es mit mir mal so bergab gehen könnte“, sagt Norbert Fischer. Zum Glück hat seine Nachbarin Helga Wölfl ein großes Herz. Als ihr schwer kranker Nachbar seine Wohnung verlor, nahm ihn die 81-Jährige für zehn Wochen bei sich auf, obwohl sie selbst nur ein 31-Quadratmeter-Appartement hat. „Dass er ein bisserl anders aussieht als Andere, das stört mich nicht. Ich weiß, er ist penibel ordentlich, sauber, hilfsbereit, verlässlich und leise“, sagt sie. Sie hätte nicht schlafen können vor Sorge um Norbert Fischer.

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„Wo sollte er hin?“, fragte sich die betagte Nachbarin, „vor allem im Winter?“. Norbert Fischer ist seit einer Leukämie-Erkrankung vor zwölf Jahren und einer Wirbelsäulen-Operation vor acht Jahren nicht belastbar und zu 70 Prozent schwerbehindert. „Den kann man doch nicht auf die Straße schicken“, fand Helga Wölfl. Fischer nächtigte auf einem Klappsofa, sie selber direkt daneben auf ihrem Bett, das tagsüber in einem Schrank verstaut ist. „Das hat mir wahnsinnig geholfen, sie ist einfach eine Wucht“, bedankt sich Fischer bei seinem Engel.

Seit es wieder wärmer ist, lebt er jetzt aber im Obdachlosenasyl an der Pilgersheimer Straße (Giesing). In dem kleinen Appartement von Helga Wölfl wurde es zu eng, zudem befürchtete die betagte Dame, sie könne selbst Ärger mit ihrem Vermieter bekommen.

„Sie ist eine Wucht!“ Das sagt Norbert Fischer (56) über Nachbarin Helga Wölfl.

Tagsüber steht ihre Wohnungstür aber ­immer offen für Norbert Fischer, denn bei ihr kann er ins Internet, um zum Beispiel beim Portal Sowon des Münchner Wohnungsamts seine Bewerbungen auf Sozialwohnungen abzuschicken. Den Anspruch hat Fischer, er hat auch höchste Dringlichkeitsstufe und 151 Punkte. Nur bekam er nirgends einen Zuschlag. „Es ist zum Verzweifeln“, klagt er. Wer die Zahlen kennt, kann ihm nur recht geben: Ende 2017 lagen beim Sozialreferat rund 30.000 Anträge auf geförderte Wohnungen vor, darunter gab es 17.400 Berechtigte. Doch konnte das Wohnungsamt seitdem nur 3900 Wohnungen vergeben, erklärte eine Sprecherin des Sozialreferats auf Anfrage.

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Norbert Fischer ist traurig, denn er ist in Laim verwurzelt. Seine Möbel lagern einstweilen auf dem Speicher seiner ehemaligen Nachbarinnen. Beinah täglich geht er vorbei am Balkon der Wohnung, die einst die seine war. An jenem Balkon, den er vor der Kündigung noch selber renoviert und gestrichen hat. Fischer schüttelt den Kopf: „Ich verstehe das alles nicht. Man hat mir auf dem Wohnungsamt gesagt, ich könne eh nichts machen. Steht die Wohnung sechs Monate leer, kann der Eigentümer machen, was er will.“

Das stimmt so allerdings nicht, sagt Anja Franz, Sprecherin des Mietervereins. Für Norbert Fischer ist das aber auch gar nicht mehr relevant. Er will ja gar keinen Streit. „Alles, was ich brauche, ist eine neue Bleibe.“

In diesem Haus lebte Norbert Fischer, bis der Vermieter ihn wegen Eigenbedarfs kündigte. Jetzt ist Fischer wohnungslos.

Das sind die Rechte der Mieter

„Kündigungen wegen Eigenbedarfs sind für Mieter häufig eine Katastrophe“, sagt Mieterschützerin Anja Franz vom Mieterverein München. Gerade in München bedeutet ein Umzug nämlich häufig einen kräftigen Anstieg der Miete. Die Hürden für eine Eigenbedarfskündigung sind allerdings hoch. Die Rechtslage:

  • Kündigt ein Vermieter wegen ­Eigenbedarfs, muss er selbst, ein ­Familienangehöriger oder ein Angehöriger seines Haushalts Bedarf haben. Wenn die Wohnung als Werkswohnung vermietet wurde, kann der Vermieter dann kündigen, wenn die Wohnung an einen Betriebs–angehörigen vermietet werden soll und dies auch aus betriebsbedingten Gründen notwendig ist.
  • Wenn der Mieter eine Kündigung wegen Eigenbedarfs bekommt und nicht spätestens zwei Monate vor Ablauf der Kündigungsfrist Widerspruch einlegt, wird die Kündigung rechtskräftig.
  • Legt der Mieter keinen Widerspruch ein und zieht nicht aus, wird der Vermieter mit einer Räumungsklage gewinnen – für den Mieter kann das sehr teuer werden.
  • Teuer kann es aber auch für den Vermieter werden – und zwar, wenn der Eigen­bedarf nur vorgetäuscht war. Dann muss er dem Mieter all die Schäden ersetzen, die ihm durch den Auszug entstanden sind: Lagerkosten für die Möbel, Maklerkosten, Mehrkosten für die Miete einer neuen Wohnung, Umzugskosten und vieles mehr.

Video: Zur Rede gestellt - ist die Kündigung wegen Eigenbedarf gerechtfertigt? 

Susanne Sasse

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Kommentare

PendelhodenAntwort
(0)(0)

Nur weil der ehemalige Mieter sagt die Eigenbedarfskündigung ist zu unrecht erfolgt muss es aber nicht so sein.

Donner
(0)(0)

...... nach einer Eigebedarfskündigung sollte schon kontrolliert werden können, ob die Wohnung hinterher vom Besitzer entsprechend genutzt wird oder nur aus Spekulationsgründen erfolgte! Bei Mißbrauch (dauerhafter Leerstand oder höhere Mieteinnahme) müssen auch Sanktionen erfolgen.
Ansonsten kann man daß Ganze gleich vergessen.

Maria
(0)(0)

Hallo , also ich verstehe manchmal nicht, warum sich darüber so aufgeregt wird. Klar ist das eine sehr sehr blöde Situation aber dem Vermieter gehört nun man die Wohnung, er hat vielleicht sogar auch sein ganzes Leben dafür gearbeitet, um Sie sich leisten zu können. Das man das, was man besitzt, auch nutzen möchten, ist doch überhaupt nicht verwerflich! Klar gibt es auch Vermieter, die eine Eigenbedarfskündigung als Vorwand nutzen. Das sollte man nicht hinnehmen und auch bestraft werden. Der vorliegende Fall ist insofern sehr traurig, dass es unser Staat nicht schafft, Menschen, die in eine solche Situation kommen aufzufangen.