Online-Angebot hilft nicht viel

Weil Hortplätze fehlen: Familien zittern um Betreuung ihrer Kinder

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Wohin kann Julian nach der Schule gehen? Seine Eltern Miriam Klossowski und David Heymen (Mitte) sind verzweifelt. Auch Steffen Häuser (links) hat für sein Kind bisher nur Absagen bekommen.

Viele Eltern sind verzweifelt, weil sie Absagen bekommen haben. An der Camerloherschule in Laim zeigt sich, wie verfahren die Betreuungssituation sein kann.

München - Miriam Klossowski ist mit den Nerven am Ende. Im September kommt ihr Sohn Julian in die Grundschule an der Camerloherstraße in Laim. Eigentlich sollte er dort auch in den Hort gehen. Doch Ende Mai erfuhr sie, dass er keinen Platz bekommt – weil es viel zu viele Anmeldungen gibt. „Was machen wir jetzt?“, fragt die Versicherungsangestellte verzweifelt.

So wie Familie Klossowski geht es tausenden Berufstätigen in München. Seit vier Jahren gibt es zwar einen Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz. Seither baut die Stadt intensiv die Kitas aus, und Eltern haben sich arbeitstechnisch darauf eingestellt, dass die Kinder bis nachmittags betreut werden können. Doch nun kommt die erste Generation der Kinder mit Krippenplatz-Garantie in die Schule – und die Familien stellen fest: Die Probleme beginnen von vorne. Einen Rechtsanspruch auf ein Ganztagsangebot gibt es nicht. Erstklässler haben meist um 11.20 Uhr Unterrichtsschluss – und an vielen der 134 Grundschulen hapert es auch zum kommenden Schuljahr mit der Betreuung.

Lücken vor allem im Münchner Westen

Zwar baut die Stadt die Betreuung stetig aus: Laut Bildungsreferat haben derzeit 75 Prozent der Grundschüler einen Platz, ein Prozent mehr als im Vorjahr, der Bedarf liegt bei 86 Prozent. Doch die Versorgung variiert stark: Während etwa das Lehel gut versorgt ist, bilden Sendling-Westpark und Laim die Schlusslichter. Zudem jongliert die Stadt immer bis kurz vor knapp mit den Plätzen und verschickt manche Zusagen erst im August.

Klossowski findet diese Unsicherheit unerträglich. „Mein Arbeitgeber fragt, ob er mit mir planen kann“, sagt sie. Auch Sabrina Hüttingers künftiger Erstklässler bekommt keinen Hortplatz in Laim – obwohl sie alleinerziehend ist und als Arzthelferin in Dachau arbeitet. „Soll ich meinen Job aufgeben?“, fragt sie. Weil sie nur 26 Wochenstunden arbeite, bekomme sie über das Online-Anmeldesystem „Kita-Finder“ keinen Platz.

Viele Schulen, viele Probleme: Mancherorts, etwa an der Feldbergschule in Trudering, gibt es zwar einen großen Hort – doch die Stadt findet kein Personal. An der Plinganserschule in Sendling kann das geplante Tagesheim nicht eröffnen, weil Räume fehlen.

Die Camerloherschule hat heuer erstmals fünf erste Klassen, eine mehr als im Vorjahr. Die achtgruppige Mittagsbetreuung – organisiert von einer Elterninitiative – ist ausgebucht, ebenso das angeschlossene Regionalhaus, zu dem die Kinder mit dem Bus fahren. Eine Ganztagsklasse kann es wohl erst in drei Jahren geben, wenn die Schule fertig umgebaut ist. Der Hort sah sich gezwungen, die Plätze unter lauter ähnlich dringenden Fällen zu verlosen.

Die Tipps vom Bildungsreferat sind wenig hilfreich

Was sagt das Bildungsreferat zur Misere? Sprecher Ulrich Lobinger: Die Stadt „geht davon aus, dass die Bedarfe aller Münchner Familien versorgt werden können“. Der Prozess der Platzvergabe verlaufe kontinuierlich. Darum ist auch nicht erfasst, wie viele Familien zurzeit unversorgt sind. Derzeit verschickt das Referat Briefe: Eltern sollten sich an die Beratungsstelle wenden, wo ihnen „bedarfsgerechte Angebote“ gemacht würden.

Klossowski hat mehrfach dort vorgesprochen. Man riet ihr etwa, sich beim Regionalhaus anzumelden – das eine Warteliste führt. Oder: sich mit anderen Eltern eine Kinderfrau zu teilen, etwa Lehramtsstudierende zu rekrutieren. „Abstruse Idee!“, kritisiert Klossowski. „Die Stadt verschläft seit Jahren, dass auch Schulkinder betreut werden müssen.“ Und das Schlimmste sei: „Dass unser Sohn nicht weiß, was ihn erwartet.“ Kürzlich habe er bei der Schulanmeldung gefragt: „Was passiert, wenn wir hier keinen Platz kriegen?“ Sie beruhigte ihn: Die Schule werde ihn auf jeden Fall nehmen. „Aber so geprägt ist er schon von dem Druck, sich bei Vorstellungsrunden in Horten gut benehmen zu müssen“, sagt sie.

Heute Abend findet an der Camerloherschule ein Ortstermin statt. Die Mittagsbetreuung bietet an, eine weitere Gruppe zu eröffnen – sofern die Stadt sie bei der Anmietung eines Raums unterstützt.

Wer einen Platz im Hort bekommt

Laut städtischer Kita-Satzung erhalten einen Betreuungsplatz bevorzugt Eltern, die Vollzeit arbeiten. Alleinerziehende werden genauso behandelt. Bei gleicher Dringlichkeit werden Geschwisterkinder bevorzugt. Um zu verhindern, dass Eltern bei den Arbeitszeit-Angaben betrügen, müssen Kitas seit kurzem Nachweise über die Berufstätigkeit verlangen. Laut Bildungsreferat verschicken sie diese Aufforderung erst mit der Platzzusage. Den Nachweis schon bei der Anmeldung vorzulegen, sei zu aufwendig. Eltern bemängeln auch, dass bei Selbständigen kaum überprüft werden könne, ob die Angaben stimmen.

Grüne fordern Online-Anmeldung

Die Rathaus-Grünen fordern, eine Online-Anmeldung auch an öffentlichen Schulen zu ermöglichen. Dazu solle der „Kita-Finder“ erweitert werden, heißt es im Antrag. Bisher müssten Eltern ihre Kinder bei jeder Bildungsinstitution neu anmelden, was mühsam sei. Ein Datenaustausch finde so gut wie nie statt. Vorbild für ein Online-Verfahren sei etwa Regensburg. Auch zwei Münchner Gymnasien bieten eine Online-Voranmeldung an. Vorteile wären laut den Grünen auch, dass die Schulen früher ihre Schülerzahl wüssten. Bisher werden Kinder persönlich zu einem Termin Anfang April an den Schulen angemeldet.

Die besten und wichtigsten Geschichten aus diesem Teil Münchens posten wir auch auf der Facebookseite „Laim – mein Viertel“.

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