Festim (25) spricht erstmals über den Unfall

Das letzte Foto vor dem tödlichen Horror-Crash

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Der 18. Mai dieses Jahres: Stolz präsentieren Festin (M.), Emrah (r.) und dessen Bruder Salih ihren Vertrag für die Shisha-Bar. Abends war Emrah tot.
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Dieses letzte Foto von Festim und Emrah entstand zehn Minuten vor dem grauenhaften Unfall.
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Die Unfallstelle auf der Landsberger Straße von oben. Der SUV wendete auf der Straße, Emrah hatte keine Chance auszuweichen.
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Ersthelfer Benjamin (l.) beim schwer verletzten Festim. Er sagte ihm: „Bleib einfach liegen. Ich bleibe bei Dir.“
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Bilder aus glücklichen Tagen: Emrah (l.) und Festim waren eng befreundet und immer für einen Spaß zu haben.
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Bilder aus glücklichen Tagen: Emrah (l.) und Festim waren eng befreundet und immer für einen Spaß zu haben.
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Schwerer Gang: Emrahs Freundin Jola (31) an seinem Grab.
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München - Es war ein schrecklicher Unfall auf der Landsberger Straße. Motorradfahrer Emrah S. starb, sein Freund und Sozius Festim V. überlebte schwerst verletzt. Dieser spricht erstmals über das Geschehene.

Als Festim V. (25) nach zweieinhalb Wochen im künstlichen Koma auf der Intensivstation des Bogenhausener Krankenhauses wieder zu sich kam, galt sein erster Gedanke seinem besten Freund Emrah S. (28). „Wie geht es ihm?“, fragte der Restaurantfachmann jeden, der ihn in den folgenden Wochen besuchte. „Gut, gut“, sagten die Freunde. „Mach Dir keine Sorgen. Der wird schon wieder.“ Doch das war eine Lüge. Eine fromme Lüge. Denn die Wahrheit hätte Festim umbringen können. Emrah S. nämlich hatte den schweren Unfall nicht überlebt. Er war tödlich verunglückt am Abend des 18. Mai bei jenem katastrophalen Motorradunfall, als ein über sämtliche Fahrspuren verbotswidrig wendender SUV-Fahrer (45) dem Motorrad auf der Landsberger Straße (Laim) den Weg abgeschnitten hatte. Sozius Festim flog beim Zusammenstoß 20 Meter weit über das Dach des SUV und überlebte schwerst verletzt. Fahrer Emrah wurde im Klinikum Großhadern noch notoperiert, erlag dann aber doch seinen schwersten inneren Verletzungen. Gestorben an einem der glücklichsten Tage seines Lebens. Im Gespräch mit der tz fand Festim V. die Kraft, über das Wunder seiner Rettung und die schwere Zeit danach zu sprechen. Eine Geschichte über treue Freunde, starke Familien und eine Freundschaft, der auch der Tod nichts anhaben kann.

In den Wochen vor dem Unglück tat der hart arbeitende Großhandelskaufmann Emrah S. Dinge, die sein Freund im Nachhinein als Vorahnung deutet: „Er hatte sich eine kleine Geschwulst am Kopf entfernen lassen. Nichts Schlimmes. Aber plötzlich sagte er: Ich werde mal etwas weniger arbeiten und mehr leben. Wir waren seitdem jeden Tag zusammen. Er regelte seine Finanzen, sein Eigentum und bestellte sein neues Traumauto, einen BMW M4, wieder ab. Das war ganz untypisch.“ Vor seinem Wohnhaus in Pasing steht noch heute Emrahs Auto mit dem Kennzeichen M-ES 185 – in den Ziffern verbergen sich seine Initialen und seltsamerweise auch das Schicksalsdatum 18.5.

18. Mai war ein Freudentag - dann kam der Unfall

Dabei war dieser 18. Mai für die beiden Freunde ein großer Freudentag gewesen: „Wir waren beim Notar und hatten alles klar gemacht für die Eröffnung unserer neuen Shisha-Bar in Neuperlach. Unser großer Traum. Wir waren so stolz. Abends wollten wir nur noch zum Vermieter nach Pasing fahren, um einige Details zu klären.“ Bei der Abfahrt gegen 20.30 Uhr in der Schwanthalerstraße entstand das letzte Foto der beiden auf Emrahs Motorrad – einer 200 PS starken BMW S 1000 RR. Zehn Minuten später geschah das Unglück.

An die Fahrt und den Unfall selbst hat Festim keine Erinnerung, an die Zeit danach nur einige Erinnerungsfetzen. Die Stimme eines couragierten Ersthelfers namens Benjamin, der sagte: „Bleib einfach liegen. Ich bleibe bei Dir.“ Die Stimme seiner Mutter Lumnije (47), die stundenlang die einzige unverletzte Stelle an seinem rechten Oberarm streichelte und sich an sein Leben klammerte, als ihm die Kraft dafür fehlte. Und dann noch die Stimme seines Arztes, der sagte: „Festim, keine Angst. Ich kriege Dich genau so hin, wie Du warst. Das verspreche ich Dir.“

Es war auch Emrahs Liebe, die mich am Leben hielt

Sieben Stunden dauerte die erste von vielen, vielen Operationen im Bogenhausener Krankenhaus. Und wieder geschahen kleine Wunder, die Festim für mehr als glückliche Fügung hält: „Beide Chefärzte waren an diesem Abend noch da. Es kam kein einziger Notfall mehr in der ganzen Nacht in diesem riesigen Krankenhaus. Sie schenkten mir ihre ganze Zeit und ihr ganzes Können. Zufall?“ Zu diesem Zeitpunkt tendierte seine Überlebenschance noch gen Null. Grauenhaft die Liste seiner Verletzungen: Lebensgefährlicher Lungenriss. Lebensbedrohliche Hirnschwellung. Komplizierte und zum Teil offenen Brüche an beiden Beinen, dem linken Arm, der Schulter, des Schlüsselbeines und dreier Brustwirbel. Mehrere Wirbel verschoben. Das Becken in Trümmern. Die gesamte Zahnfront zertrümmert, Ober- und Unterkiefer gebrochen. Die Nase und ein Finger der rechten Hand fast abgerissen, ein Auge lag praktisch frei. Zwei Wochen lang wurde der 25-Jährige künstlich beatmet. Dass Festim diese Summe schwerster Verletzungen überlebt hat, ist ebenfalls eines dieser Wunder, für die auch seine Ärzte keine Erklärung haben. Festim aber ist sich sicher: „Es war die Liebe meiner Familie, meiner Freunde und meines Sohnes und auch die Liebe Emrahs, die mich am Leben hielt. Ich danke allen Menschen, die für mich gebetet haben.“

Auf der Intensivstation herrschte oft bis in die späte Nacht ein Kommen und Gehen, wie es sonst eigentlich nicht üblich ist: „Die Ärzte und das Pflegepersonal waren wie meine zweite Familie. Lauter wunderbare Menschen, die wussten, wie wichtig das für mich war.“ Nur drei Dinge waren in dieser Zeit für Festim tabu: Handspiegel, Handy – und die Wahrheit über Emrah. Jede Aufregung hätte sein Hirn anschwellen lassen und ihn umbringen können.

"Emrah ist jetzt an einem besseren Ort"

Erst am letzten Abend auf der Intensivstation kam Emrahs jüngerer Bruder Salih (24) noch spät mit einem Freund vorbei: „Sie sagten: Emrah ist jetzt an einem besseren Ort …“ Intensivschwester Barbara blieb die ganze Nacht an seinem Bett, während Festim seinem Freund näher war als je zuvor: Emrahs strahlendes Lachen. Sein Witz. Seine Lebensfreude. Seine Freude an schnellen Autos und dem Motorrad. Auch seine stillen Momente, in denen er Dinge wie diese sagte: „Du darfst nie aufhören, Gutes zu tun.“ Seine große Liebe zu seiner Freundin Jola (31). Sein Verantwortungsgefühl für die Mutter, den jüngeren Bruder und die Schwester. Die vielen gemeinsamen Pläne. Die Shisha-Bar. Alles vorbei. Für immer. Es war eine schwere Nacht, in der Festim zeitweise am Scheideweg stand. „Aufgeben wäre leichter gewesen. Doch dann dachte ich an meine Frau Elisabeta, meinen dreijährigen Sohn Ledion und an Emrahs Familie. Er will, dass ich mich um sie kümmere. Das werde ich immer tun. Das habe ich ihm versprochen.“

So begann Festims langer und schmerzhafter Weg zurück ins Leben. Krankenhaus, Reha-Klinik, in ganz kleinen Schritten voran. Physio, Wassergymnastik, Muskelaufbau. Jede Woche verbringt er fünf Tage in der Reha-Klinik in Bad Endorf: „So viele Menschen halfen und helfen mir. Ich weiß gar nicht, wie oft ich Danke gesagt habe.“

Neulich war Festim zum ersten Mal an Emrahs Grab auf dem Westfriedhof. Ein schwerer Moment. „Weil ich erst da so richtig begriff, dass er wirklich nicht mehr zurückkommt.“ Obwohl Festim auf eine schwer zu beschreibende Weise jeden Tag seine Nähe spürt. „Ich glaube ganz fest daran, dass er immer bei uns ist und auf uns aufpasst.“ An Festims Spiegel hängt ein Bild aus dem Sportstudio, auf dass der ehemals voll durchtrainierte Familienvater sehr stolz ist: „So möchte ich wieder werden. Zwölf der 25 verlorenen Kilo habe ich wieder drauf.“ Und Träume gibt es auch: „Ich möchte wieder Fußball spielen mit meinen Sohn und ihm Disneyland zeigen. Und einmal Urlaub machen auf den Malediven. Das war immer unser Traumziel. Zusammen schaffen wir alles. Das weiß ich jetzt.“

Die Polizei ermittelt noch

Es ist ein Foto aus der Überwachungskamera einer Firma. Sie zeigt den Moment des Aufpralls zwischen Motorrad und dem SUV, von dem sich die Polizei Aufschlüsse versprach. Denn daneben fährt noch ein zweites Motorrad mit zwei Bikern, die den Unfall gesehen haben müssen. Die haben sich bislang nicht gemeldet – und auch Festim kann nicht helfen. Ihm fehlt jede Erinnerung. Die Gutachten sind mittlerweile fertig. Der Fall liegt noch bei der Verkehrspolizei: Die Beamten gehen noch Hinweisen auf die unbekannten Biker nach. Gegen den SUV-Fahrer (45) wird wegen fahrlässiger Tötung ermittelt.

Dorita Plange

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