Wie sich das Haus wandelt

Rex-Kino-Chef: Thomas Wilhelm im Porträt

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Der Film wurde ihm schon in die Wiege gelegt: Thomas Wilhelm an einem alten Projektor.

München - Thomas Wilhelm ist der Inhaber vom Rex. Ein Kinobetreiber mit Leidenschaft und Herzblut. Die tz porträtiert ihn.

Das R, das E, das X: Sie hängen immer noch, die drei Buchstaben. Große Leuchtlettern mit Neonröhren. Hoch droben über dem Eingang an der Hausmauer. Haben sich gut gehalten. Die Buchstaben hingen hier schon Mitte der Fünfzigerjahre, als sich die Teenager aus der Nachbarschaft nachmittags für ein Fuchzgerl die brandaktuellen Filme ihrer großen Leinwandhelden anschauten. Marlon Brando. Henry Fonda. James Dean. Lang her.

Sehr lang her, aber es hat sich sonst nicht viel verändert in den sechs Jahrzehnten seit der Eröffnung 1954. Sicher surren die Filme nicht mehr von einer 35-mm-Rolle, streamen sie stattdessen von der digitalen Festplatte, und die Teenies von damals sind mittlerweile Großeltern geworden. Ansonsten ist das Neue Rex in Laim immer noch das alte. Eines der allerletzten kleinen Einzelkinos, die München noch hat. Individuell, eigen, charmant. Ein Lichtspieltheater mit einer langen Vergangenheit, aber leider auch mit einer unsicheren Zukunft, wie so manches Stadtviertelkino der letzten Jahrzehnte, eine vom Aussterben bedrohte Spezies, für die kein Platz mehr ist unter all den kommerziellen Kino-Großbetrieben, in Zeiten der Multiplexisierung der Münchner Filmkultur.

„Das hier am Leben zu halten“, sagt Thomas Wilhelm, „das wird richtig schwer.“ Thomas Wilhelm ist der Inhaber vom Rex. Ein Kinobetreiber mit Leidenschaft und Herzblut, das ist genetisch bedingt, als Spross einer Münchner Kinofamilie.

Vor genau 50 Jahren, im Frühjahr 1964, eröffneten seine Eltern Hermann und Lieselotte Wilhelm im Münchner Süden ein Kino, das in Solln. Es waren beglückende Zeiten, wenige Wochen später war Lieselotte Wilhelm schwanger. Sohn Thomas wurde im Kino groß, mit zehn stand er schon an der Kasse, später studierte er BWL und hätte danach im Beruf ordentlich Geld machen können. Aber es zog ihn zurück zum Kino. 1996 übernahm er das damals recht heruntergekommene Rex im ersten Stock des Wohnhauses am Südwest-Eck vom Agricolaplatz, er renovierte und hängte in den Filmsaal mit seinen 167 Plätzen aus alter Verbundenheit links und rechts die alten Wandleuchten aus dem Sollner Kino, das Anfang der Neunziger zumachte, des Asbests wegen.

Das Rex am Agricolaplatz in Laim ist ein klassisches Stadtviertel-Kino – und wie viele andere vom Aussterben bedroht.

Ganz am Anfang half auch Mama Lieselottemit. So wie er als Kind in ihrem Kino stand nun sie an seiner Kasse, der erste Film, den Wilhelm zeigte, war Antonias Welt. Ein poetisch-melancholisches Epos aus Holland, Oscar-prämiert als bester Auslandsstreifen, typisch für seine Programm-Philosophie der kommenden Jahre. Mainstream, aber anspruchsvoll. Wilhelm gewann bald sein Stammpublikum. Leute aus dem Viertel, die die Filme schätzten, aber auch die persönliche Atmosphäre fernab der anonymen Massenabfertigung in den Großkinos, wie sie sich rund um Stachus und Isartor angesiedelt haben – und wie sie wohl bald auch nur wenig westlich vom Agricolaplatz entstehen könnten, in Pasing, wo ein gigantisches Multiplex-Haus geplant ist mit einem Dutzend Sälen und Platz für 1800 Zuschauer. Eine Konkurrenz, die ihn erdrücken könnte.

Thomas Wilhelm will die Familien-Tradition so lange wie möglich am Leben erhalten.

Aber es gibt auch Hoffnung. Wilhelm gehört neben dem Rex auch das Neue Rottmann und das Cincinnati-Kino in Fasangarten. In letzteres sollte in wenigen Monaten ein Supermarkt einziehen. Wegen der massiven Proteste durch Anwohner samt Sitzblockaden zog der neue Mieter zurück, das Cincinnati ist damit erst einmal gerettet. „Aber nichts ist von Dauer und Ewigkeit“, sagt Thomas Wilhelm, „in seiner jetzigen Form kann so ein kleines Kino wie das hier nicht bestehen.“ Wilhelm hat darum schon weitere Konzepte entworfen, im Rex gibt es Diavorträge, es gibt Lesereihen, sogar Josef Schmid war hier mal für einen Wahlkampftermin. Einfach nur einen Film zeigen: Das gibt kein Happy End.

Bis Ende 2015 läuft der Mietvertrag erst einmal, Wilhelm hofft auf ein Fortbestehen durch neue Ideen und Veranstaltungen. Dass er den richtigen Dreh findet für sein Kino am Agricolaplatz.

Mein München-Platz

Der Gärtnerplatz ist noch ein lebendiges Stück München für Jung und Alt, mit Kultur und auch Party in lauen Sommernächten. Aber München wäre nicht München, wenn es nicht noch viel mehr einmalige Plätze gäbe wie Flaucher, Isarauen oder der Viktualienmarkt …

Mein München-Lokal

Ich bin gerne in der Trattoria Lindengarten in Laim – und wenn’s mal Bayerisch sein soll, dann auch gern im Augustiner. Nach einer Radltour an der Isar bin ich gerne in der Waldwirtschaft.

Mein München-Gericht

Vormittags die Weißwürscht, die ich gerne hier unten im Laimer’s unter meinem Kino genieße, ansonsten meinen eigenen Schweins-Kalbsbraten mit echten böhmischen Knödeln. Die hat mir meine Mutter beigebracht, und die ganze Familie liebt sie.

Mein Münchner

Karl Valentin. Er hatte neben dieser Genialität auch einen hintersinnigen Witz. Und er erkannte die frühe Verwendung des Mediums Film, wodurch uns viele Geniestreiche erhalten geblieben sind.

München – und sonst?

Berlin. Der krasse Gegensatz zum sauber geordneten und braven München. Dort tobt das Leben. Man fühlt sich noch etwas freier als in München, wo doch leider meist um 22 Uhr die Gehsteige hochgeklappt sind, und die Menschen nur noch wohnen, weniger leben. Das ist schade, daher muss ich von Zeit zu Zeit in die Hauptstadt.

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