Er kann bis zu 17 Mass stemmen

Weil Wiesn ausfiel: Star-Anwalt verteidigt einen mutmaßlichen Mörder

Rechtsanwalt Christian Gerber (49) mit schickem Anzug im Landgericht
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Rechtsanwalt Christian Gerber (49) mit schickem Anzug im Landgericht

Für die Wiesn nahm Christian Gerber (49) immer Urlaub - und arbeitete als Kellner. Doch dieses Jahr fiel das Oktoberfest aus. Stattdessen verteidigt der Rechtsanwalt jetzt einen mutmaßlichen Mörder am Landgericht.

All die bunten Lichter und Geräusche, „das hat mich als Kind schon fasziniert“, sagt Christian Gerber (49). „Diese Masse an Eindrücken ist unvergleichlich. Das gibt es nur auf der Wiesn.“ Heuer fällt sie aus - auch für den Rechtsanwalt ist das traurig. Denn seit 2008 hatte er immer wieder als Kellner auf dem Oktoberfest gearbeitet und seine Kanzlei währenddessen zugesperrt.

„Mir ging es gar nicht um’s Geld, sondern vor allem um die Abwechslung“, sagt Gerber. Sein Alltag sind Strafprozesse am Landgericht. Dort verteidigt er Menschen, die als Mörder, Vergewaltiger oder Räuber angeklagt sind. Ein wichtiger Job, der dem Strafverteidiger Spaß macht - aber der auch zehrt. „Im Wiesn-Zelt erlebe ich 16 Tage lang die Parallelwelt. Die Gäste jubeln mir zu, wenn ich Bier und Hendl bringe. Eine Riesen-Gaudi.“

17 Mass konnte Gerber im Bierzelt stemmen

Im Hippodrom hat Gerber angefangen, später ist er ins Schützenfestzelt gewechselt. „17 Massn konnte ich stemmen, wenn ich in Bestform war“, erzählt er und seine Augen glühen. Den schicken Anzug hat er regelmäßig gegen die Tracht getauscht - und 16 Tage lang gab es den Anwalt Gerber nicht mehr, sondern nur noch den Christian, der seinen Namen an der Weste trägt. In ein rotes Herzerl gestickt. 

Anwalt Christian Gerber bediente im Schützenfestzelt

14 Stunden am Tag hat er Bierkrüge auf Tische gewuchtet. Mit einem Lächeln im Gesicht. „Weil mich im Zelt die pure Lebensfreude umgibt“, sagt Gerber. In Nymphenburg ist der Anwalt aufgewachsen, schon als Bub haben ihn seine Eltern mit auf die Wiesn genommen. „Das halbe Hendl habe ich damals schon geliebt. Das schmeckt auf der Wiesn ja ganz besonders.“ So schön salzig, die Haut ganz kross. Das ganze Jahr über isst Gerber kein Hendl in der Stadt, er wartet lieber auf die Wiesn. „Und dann am liebsten jeden Tag“, sagt er und lacht über das ganze Gesicht.

Die Wirtshaus-Wiesn hat ihn kalt gelassen

Und heuer? „Ach“, sagt Gerber. „Die Wiesn ist die Wiesn. Man kann sie nicht ersetzen. Schon gar nicht im Wirtshaus.“ Dieses Lebensgefühl. Das Miteinander. Und auch der Genuss. „Das lässt sich nicht übertragen“, sagt der Anwalt. Seit 1999 ist er im Beruf. Für ihn persönlich sei die Wiesn auch eine Zeit, „in der ich den Kopf völlig frei kriege.“ Von harten Fällen, die seinen Alltag prägen: Am Landgericht verteidigt Christian Gerber aktuell einen Kosovaren, der wegen versuchten Mordes angeklagt ist. Mit einem Küchenmesser soll Bajram G. seine Ehefrau in deren Wohnung am Waldfriedhof attackiert haben. Sie überlebte knapp. Noch bis 9. Oktober läuft der Prozess.

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