Münchner Genossen geschockt 

SPD blickt in den Abgrund: „Die größte anzunehmende Katastrophe“

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Fassungsloser Oberbürgermeister: Dieter Reiter (li.) mit SPD-Spitzenkandidatin Natascha Kohnen (Mitte) und dem Bundestagsabgeordneten Martin Burkert (re.), als sich am Wahlabend die krachende Niederlage abzeichnet.

Der Slogan steht noch immer: „SPD – die München-Partei.“ Er klingt wie Hohn in diesen Tagen. Erst recht nach dem für die Sozialdemokraten desaströsen Wahlsonntag. Ein Absturz von 32 auf 13,6 Prozent in der Landeshauptstadt.

Am Tag nach dem Debakel befindet sich die Partei weiterhin in Schockstarre. Während sich OB Dieter Reiter auf Anfrage nicht zu der Krise äußern will, sagt Ruth Waldmann: „Dieses Wahlergebnis ist die größte anzunehmende Katastrophe, und es wird noch einige Zeit dauern, bis es verdaut ist.“ Das meint sie auch persönlich. Sie hatte 2013 das einzige Direktmandat für die Sozialdemokraten in ganz Bayern gewonnen. Doch selbst die im Stimmkreis Milbertshofen verwurzelte Waldmann stürzte von 33,8 auf 14,3 Prozent der Erststimmen ab. Vermutlich ist sie damit aus dem Landtag herausgekegelt worden. Waldmann glaubt indes nicht an eine „persönliche Watschn, sondern eine Entscheidung gegen die SPD“. Die Leute hätten zu Recht „über unsere Rolle in der Großen Koalition in Berlin“ geschimpft. „Diese GroKo ist eine Sackgasse für die SPD.“ Im Bündnis mit der Union fehle die Glaubwürdigkeit, doch auch eine grundlegende Erneuerung der Partei sei dringend erforderlich.

„Wir können nicht einfach so weitermachen wie bisher“

Vor dem Aus im Landtag steht auch Florian Ritter, Kandidat in Pasing. „Klar ist: Wir können nicht einfach so weitermachen wie bisher.“ Eine Grundvoraussetzung: „Wichtig ist, dass wir künftig wieder an einem Strang ziehen.“ Das sieht der Fraktionschef im Stadtrat, Alexander Reissl, ebenso: „Wenn die prägende Verhaltensweise Dauerdissens ist, dann wird sich nichts ändern, egal, ob wir in der Regierung oder Opposition sind.“ Überdies werde die SPD bei den wichtigen Themen Wohnungsbau, Bildung und Soziales nicht als Problemlöser wahrgenommen. „Die Menschen wissen nicht, was sie bekommen.“ Für wenig hilfreich hält es Reissl, „wenn am Wahlabend bereits um 18.03 Uhr herausposaunt wird, dass personelle Konsequenzen folgen müssen“. Alt-OB Christian Ude hatte am Sonntag rasch einen radikalen Wechsel auf Bayerns Führungsebene gefordert.

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Den wünscht sich allerdings auch Florian von Brunn (Giesing), der sein Mandat womöglich über die Liste verteidigen könnte: „Wir brauchen einen Sonderparteitag. Ich denke, der gesamte Landesvorstand muss zurücktreten und sich Neuwahlen stellen.“ Von Brunn sagt, die SPD habe es nicht geschafft, „ein Thema überzeugend rüberzubringen“. Dabei seien durchaus Schwerpunkte wie der Wohnungsbau gesetzt worden.

Aus dem Landtag verabschieden müssen sich wohl auch Isabell Zacharias und Diana Stachowitz. Letztere befürchtet „düstere Zeiten“ für die Partei. „Wir sind vor Ort nicht mehr erster Ansprechpartner.“ Es werde schwierig, die Strukturen mit nur noch wenigen Abgeordneten aufrechtzuerhalten. Die SPD wird nur noch sieben oberbayerische Parlamentarier stellen. Der Hauptgrund für das Debakel: „Die Leute wählen immer mehr nach Stimmungen, die Grünen haben das für sich nutzen können“.

Zacharias räumt ein: „Unser Wahlkampf war anständig, aber auch langweilig. Natascha Kohnen als Gegenentwurf zu Markus Söder hat irgendwie nicht funktioniert.“ Ein weiterer Punkt: „Die SPD wurde zerrieben zwischen der grünen Stimmung und dem spürbaren Rechtsruck.“ Die Nagelprobe werde die Kandidatenaufstellung zur Kommunalwahl: „Da müssen wir uns jünger und frischer präsentieren.“ 

 K. VICK, M. KNIEPKAMP, D. SCHMITT

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