Sozialplan abgesegnet

Schmid: Rüstige sollen Behinderten im Nahverkehr helfen

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Bürgermeister Josef Schmids Vorschlag fiel auf fruchtbaren Boden.

München - Bürgermeister Josef Schmid (CSU) hat eine unkonventionelle Idee: Rüstige sollen Gehbehinderten helfen, mit dem Nahverkehr zu fahren. Die Betroffenen sind begeistert.

Viele Körperbehinderte gehen nicht aus dem Haus, weil sie sich nicht trauen, alleine mit den öffentlichen Nahverkehrsmitteln zu fahren. Gleichzeitig gibt es viele Langzeitarbeitslose und Sozialhilfe-Empfänger sowie rüstige Rentner, die dazu verdammt sind, zu Hause bleiben. Bürgermeister Josef Schmid (CSU) will jetzt beide Gruppen zusammenbringen. Am Dienstag segnete der Wirtschaftsausschuss im Rathaus Schmids Sozialplan ab. Und der funktioniert so:

Unter Federführung des Katholischen Männerfürsorgevereins wird eine Kern-Mannschaft aus 25 Helfern gebildet: Sieben Langzeitarbeitslose über 55, neun Sozialhilfeempfänger und neun rüstigen Rentner, die sich engagieren wollen. Sie sollen künftig in ihrer Mobilität eingeschränkten Rentnern bei Fahrten durch die Stadt helfen. Diese müssen in der Lage sein, sich selbst fortzubewegen, mit oder ohne Gehhilfe. Ab März werden die Begleiter zwei Monate lang ausgebildet: Fahr- und Netzpläne sowie das Tarifsystem studieren und den Ticketautomaten bedienen lernen.

Ab Sommer soll jeder Vollzeitbegleiter vier Touren pro Tag absolvieren. Die Helfer bekommen eine Uniform. Ihre Fahrtkosten übernimmt die MVG. Die Vergütung erfolgt nach Caritasrichtlinien, auf jeden Fall soll der Mindestlohn von 8,50 Euro eingehalten werden.

Nach einem Jahr soll der Stadtrat einen Bericht über die über die Erfahrungen bekommen, bevor eine Fortsetzung des Projektes beschlossen wird. Auch MVG, Jobcenter, Sozialreferat und der Behindertenbeirat der Stadt werden eingebunden. Für das Projekt will Schmid rund 800 000 Euro für die Jahre 2015, 2016 und 2017 in die Hand nehmen. Sein Fazit: „Menschen mit Mobilitätseinschränkungen können sich in der Stadt besser, aktiver bewegen. Und Menschen, die schon länger eine Arbeit suchen, erhalten wieder eine verantwortungsvolle Aufgabe.“

Was die Betroffenen sagen? Die tz hat sich am Dienstag umgehört.

Florian Fussek, Johannes Welte

Gute Idee

Heidi Arbesmeier (75), Rentnerin aus München.

„Das ist eine richtig gute Idee. Ich habe eine Lendenwirbeloperation hinter mir und bin deshalb nicht so gut zu Fuß. Außerdem hab ich große Probleme mit meinem Herzen. Davon lasse ich mich aber nicht unterkriegen. Ich würde aber so gerne mal wieder an den Ammersee oder den Starnberger See, aber ich traue mich aufgrund meiner körperlichen Situation einfach alleine nicht dort hinzufahren. Da würde ich eine Begleitung schon wirklich gut gebrauchen. Auch bei kaputten Aufzügen bei U- oder S-Bahn bin ich komplett hilflos. Ich werde den Dienst sicher in Anspruch nehmen.“

Keine Kürzungen

Schwester Miriam (42), Sozialpädagogin aus München.

„Generell ist das eine wirklich gute Idee. Das würde schon einigen hilfsbedürftigen Menschen im Alltag weiterhelfen. Diese Hilfe müsste aber auf jeden Fall zusätzlich kommen und sollte nicht zu Kürzungen bei Hilfeleistungen bei zum Beispiel Schwerbehinderten führen. Es ist halt eine Hilfe für Personen, die sonst kein Unterstützung bekommen würden. Auch ich werde vielleicht mal auf diesen Dienst zurückgreifen. Gerade bei Terminen, zu denen man mit der S-Bahn fahren muss, ist der Dienst eine gute Sache. An den S-Bahnhöfen ist das Problem am schlimmsten, weil dort sehr oft die Aufzüge leider kaputt sind.“

Nur Gewinner

Elisabeth Kraus (80), Rentnerin aus München.

„Bei dieser Aktion gibt es für mich nur Gewinner. Auf der einen Seite natürlich die vielen vorhandenen Hilfsbedürftigen, die normalerweise keine Unterstützung bekommen würden, aber auf der anderen Seite auch die Arbeitslosen! Die haben nichts zu tun und werden so auch unterstützt. Ich finde das eine richtig gute Sache. Ich habe im Moment aber zu Glück noch kein Bedarf. Wenn ich wirklich Hilfe brauche, frage ich meine Tochter. Wenn die nicht da ist, geh ich auf andere Leute zu. Nicht immer, aber meistens bekomme ich dann schon auch Hilfe.“

Bedarf ist da

Inge Hoffmann (64), Sozialpädagogin aus München.

„Für mich wird ein wichtiger Punkt sein, dass ein Vertrauen hergestellt wird. Zum einen zwischen dem Helfer und der Person, die diesen Dienst in Anspruch nimmt und außerdem auch zu der Stelle an sich. Die Helfer müssten gut auf ihre Tauglichkeit geprüft werden. Ich denke da auch an eine gewisse Diskretion, zum Beispiel bei Behördengängen. Der Bedarf für einen solchen Dienst ist in München auf jeden Fall gegeben und ich finde die Idee auch gut. Auch ich persönlich könnte den Dienst beispielsweise für die Begleitung bei kulturelle Veranstaltungen gut gebrauchen.“

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