Laute(r) Legenden

München - Die Alt-Rocker von Deep Purple begeisterten bei ihrem Auftritt in der Münchner Olympiahalle. Lesen Sie hier die Konzertkritik.

Gemessen an ihren Verdiensten – Miterfinder des Klassik-Rock, Schöpfer des Hardrock, zeitweise mit dem zweifelhaften, aber in Fan-Kreisen hochgeschätzten Prädikat „Lauteste Band der Welt“ dekoriert – könnten Deep Purple sich längst mit dem Status des Monumentaldenkmals zufrieden geben, den sie 1970 auf dem Cover ihres bahnbrechenden „In Rock“-Albums vermessen eingefordert hatten.

Aber sie machen weiter und immer weiter und zeigen nach unzähligen Streitereien, Trennungen, Umbesetzungen und Wiedervereinigungen bis heute nicht die ­geringsten Ermüdungserscheinungen. Das stellten die vier Briten Ian Gillan (Gesang), Roger Glover (Bass), Ian Paice (Schlagzeug) und Don Airey (Orgel), alle schon in den Sechzigern, zusammen mit dem US-Gitarristen Steve Morse (56) in der Münchner Olympiahalle eindrucksvoll unter Beweis. Mit Highway Star schnellt der Energiepegel ansatzlos von null auf Hundert, ein maschinengewehrartiges Schlagzeugintro, drei krachende Gitarrenakkorde, dann füllt Gillans immer noch schneidend-metallische Stimme mühelos die Halle. Wie ein sportlicher britischer Gentleman auf dem Weg zum Pub wirkt der ehemals langmähnige Frontmann, weißes Hemd zu dunkler Hose und weißen Schuhen, die graumelierten Haare im gepflegten Kurzhaarschnitt. Aber er phrasiert explosiv wie eh und je, die Töne platzen ihm von den Lippen, als hätte er einen Pressluftgenerator in der Brust.

Popstars und ihre früheren Berufe

Popstars und ihre früheren Berufe: Trucker, Tankwart, Totengräber

Roger Glover, der mit seinem roten Kopftuch aussieht wie James Last imPiratenkostüm, sorgt zusammen mit dem bierbäuchigen, aber unverändert behenden Schlagzeuger Paice für einen donnernden Rhythmus­teppich, auf dem Don Airey und Steve Morse alle Register ziehen können, um ihre großen Vorgänger Jon Lord (verließ 2002 die Band) und Ritchie Blackmore (ging 1993) endgültig vergessen zu machen. Das gelingt ihnen über weite Strecken überzeugend, etwa wenn Airey mit erstaunlicher Leichtigkeit zwischen klassischer Orgel und Boogie-Piano changiert oder in einem Feuerwerk lichtschneller Improvisationen scherzhaft das Hofbräuhaus und das Deutschlandlied zitiert. Steve Morse gibt den langmähnigen Hardrock-Gitarrero mit weichem Kern, der immer wieder auf seine klassischen Wurzeln hinweist (Well Dressed Guitar), wunderschöne Melodien zelebriert (Contact Lost), aber auch nachdrücklich unter Beweis stellt, dass er jederzeit in der Lage ist, die vielbewunderten Soli seines Vorgängers Ritchie Blackmore „werkgetreu“ zu interpretieren.

Dazu gibt es reichlich Gelegenheit, denn die Band poliert vor allem die Perlen ihrer 70er-Jahre-Trilogie In Rock, Fireball und Machine Head auf Hochglanz. Hard Lovin’ Man, No One Came, Maybe I’m a Leo, Lazy und das unvergleichliche Space Truckin’, dazu das majestätische Perfect Strangers, summieren sich zum ultimativen Trommelfell-Test, unterbrochen von einer dramatischen Interpretation der Ballade When A Blind Man Cries, bei der klar wird, warum Ian Gillan sich 2003 zusammen mit Luciano Pavarotti auf eine Bühne trauen konnte, ohne sich zu blamieren (Nessun Dorma). Auf ein berühmtes Markenzeichen Gillanscher Kunst wartet man allerdings vergeblich: Die spektakulären Ausflüge in allerhöchste Höhen mutet der Sänger seinen Stimmbändern nicht mehr zu. Die Purple-Hymne schlechthin, Child in Time, ein Hochton-Crescendo, singt er seit den frühen Neunzigern nicht mehr. Das bunt gemischte Publikum schwelgt jedenfalls in kollektiver Begeisterung. Leise Wehmut stellt sich nur ein, wenn Steve Morse Blackmores Markenzeichen, das bergeversetzende Riff von Smoke On The Water, anstimmt.

Aber das Publikum, das tausendfach selig den Refrain übernimmt, spricht klar dafür, dass hier eine Rockband der Champions League zukunftsgewandt und erfolgreich gegen alle Bestrebungen ankämpft, sie im Regal mit den goldenen Lettern „Legende“ abzulegen. Zwei Stunden virtuose Musik ohne eine einzige langweilige Minute – in dieser Form können sie noch lange weitermachen. Deep Purple, die Band fürs Leben.

Lorenz von Stackelberg

Auch interessant

Meistgelesen

S-Bahn: Verkehrslage auf der S7 normalisiert sich
S-Bahn: Verkehrslage auf der S7 normalisiert sich
Flohmärkte in München: Hier finden Sie alle Orte und Termine
Flohmärkte in München: Hier finden Sie alle Orte und Termine
Kita-Finder wird verbessert: Das ändert sich für Eltern
Kita-Finder wird verbessert: Das ändert sich für Eltern
Bezirksausschüsse: Was sie tun, wann sie tagen
Bezirksausschüsse: Was sie tun, wann sie tagen

Kommentare