Kleiner Laden, großes Herz

In diesem Kiosk essen Bedürftige umsonst

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An Lazos Food & Drink Pavillon hängt ein Zettel: Eine Einladung an alle Bedürftigen, sich etwas Essen abzuholen.

München - Das müssen viele Kunden zweimal lesen, bevor sie es glauben: „Liebe Leute, Sie haben Hunger, aber kein Geld? Bei uns können Sie essen und später bezahlen, oder aber Gott vergelts. Niemand soll hungern!“

Dieses Schild hängt bei Lazos Food & Drink Pavillon an der Poccistraße. Für den Kioskbetreiber Mehmet Kücük alias Memo (46) ist diese Aktion eine selbstverständliche Geste. Kleiner Laden, großes Herz – aber leider nicht mehr lange …

Mehmet Kücük (46) in seinem Laden an der Poccistraße.

Schon vor fünf Jahren, als seine Lebensgefährtin den Kiosk mit Pizzaofen eröffnete, war dem Türken, der schon als kleines Kind nach München kam, klar: „Ich will Menschen helfen, wenn auch nur im Kleinen. Denn in meinem früheren Beruf als Leiter einer Baufirma bin ich viel durch Fern- und Nahost gereist und habe viel Elend sehen müssen.“ Also hängt er den Zettel an die Scheibe – und wundert sich zunächst. „Denn es kamen weniger Kunden als erwartet. Ich habe in all der Zeit nicht erlebt, dass mich jemand ausgenutzt hat. Im Gegenteil: Manchmal muss ich Bedürftige fast dazu überreden, das Angebot zu nutzen. Sie sind oft sehr schüchtern.“

Im Schnitt bitten nur zwei Kunden pro Tag um eine kleine Essensspende. „Dann bekommen sie ein Stück Pizza und ein warmes Getränk oder Wasser – Bier gebe ich ihnen nicht.“ Tatsächlich bezahlt etwa die Hälfte der Bedürftigen ihre Schulden zurück, obwohl Memo das gar nicht verlangt: „Manche zahlen dann sogar Zinsen. Von der anderen Hälfte gibt’s nichts mehr zurück. Aber so soll es ja auch sein. Mich kostet das fast nichts. Und trotzdem bringt es mehr Menschlichkeit in die Welt.“

Nur zur Wiesn, da entfernt Memo das Schild. Bei Betrunkenen setze der gesunde Menschenverstand manchmal aus, sagt er.

Freilich gibt es auch Skeptiker, die dahinter einen geschickten Werbeschachzug vermuten. Aber: Bis zu einer Fernsehsendung vor einem Jahr hat Memo diese Aktion nie beworben. „Ich nehme beispielsweise auch keine Geldspenden an, die nette Kunden mir schon öfter angeboten haben, um Bedürftige zu verköstigen. Das könnten andere falsch verstehen …“

Erst vor wenigen Tagen hat Memo einem Kunden erlaubt, seine Aktion auf Facebook zu veröffentlichen – und das verbreitete sich in Windeseile. „Angeblich hat sogar schon ein iranischer Händler die Idee aufgegriffen“, erzählt er. Der Kioskbetreiber hofft, dass weitere Nachahmer folgen. Denn: Mehmet Kücük gibt seinen Laden am 30. März auf. „Ich will mehr Zeit für meine Mutter in der Türkei haben, die ein Pflegefall ist.“ Der Umsatz vom letzten Tag soll an die Kinderkrebshilfe Ebersberg gehen.

Ob der neue Betreiber dem guten Beispiel folgen wird, weiß der Münchner mit dem großen Herz nicht. Memo: „Mir reicht es, wenn ein paar andere Münchner dadurch angeregt werden, Ähnliches zu tun …“

Nina Bautz

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