Der große tz-Report

Leben an der Isar: Was die Münchner lieben und was nervt

München - Wohnen, arbeiten, sporteln, entspannen: 17 Geschichten von der Isar. Was die Münchner an ihrem Naturparadies lieben und was sie nervt: Der große tz-Report:

Mal wild reißend, mal sanft plätschernd: Auf etwa 14 Kilometern Länge schlängelt sich die Isar durch München. Früher zog sie Flößer und Händler an. Heute ist sie ein wahres Freizeitparadies, das sich ständig im Wandel befindet.

Ein Blick von der Wittelsbacherbrücke Richtung Norden.

Den stärksten Einschnitt gab’s im 19. Jahrhundert: Wegen der Hochwassergefahr entstanden Wehre und Ufermauern. Erst in den 1980er-Jahren fing man damit an, den Fluss langsam wieder zu befreien. Anfang der 2000er-Jahre dann endlich der Startschuss zur Renaturierung: Südlich des Zentrums wurden bis Juni 2011 schrittweise Flussbette erweitert und steile Ufer in flache, begehbare Strände und Terassen verwandelt.

Diskussionen über die Nutzung der Isar­auen gibt es immer wieder – so wie erst in den vergangenen Tagen bei der Frage um die Nacktbadezonen. Vergangenes Jahr legten die Grünen einen großen Plan vor: mit weiteren Radl- und Flanierwegen, Treppen und Cafés, Aussichtspunkten und Plätzen vor allem im nördlichen Isar-Abschnitt. Mittlerweile laufen die Planungen der Stadt, im Herbst soll es dazu Beschlüsse geben.

Die tz ist die Isar entlang gewandert: Wer lebt hier? Wer arbeitet hier? Wer verbringt hier seine Freizeit?

Nina Bautz, Andreas Huber

Familienwohnung in den Isargärten

„Für kleine Kinder ist es hier toll“, sagt Anna K. (33), deren Vater 2011 im Wohnprojekt Isargärten an der Thalkirchner Brücke eine Wohnung gekauft hat. Jetzt lebt sie mit Ehemann Johannes (34) und der kleinen Freda (1) auf 70 qm mit kleinem Garten und Blick auf den Kanal. „Das einzig Negative sind die Menschen-Scharen, die bei schönem Wetter aus der U-Bahn strömen“, sagt Johannes. „Ich mag neblige Novembertage. Da hab’ ich die Isar für mich.“

Mein Standl ist für alle

Morgens kaufen Jogger eine Apfelschorle, mittags schauen Arbeiter auf eine Currywurst vorbei und am Abend holt sich das Partyvolk Bier-Nachschub. Münchens ältestes Standl an der Wittelsbacher Brücke ist seit 1848 ein Anziehungspunkt für alle Isarbesucher. „Mein Standl ist wie ein kleiner Biergarten“, sagt Andre Löig (54), seit neun Jahren der Inhaber. „Hier trifft sich das ganze, bunte München: vom Obdachlosen bis zum Teenager.“

Das zweite Heim für Kajakfahrer

An der Zentralländstraße reiht sich ein Kajak-Haus ans nächste. „Die Lage ist ideal“, sagt Rentner Max Trentle (Foto links) vom MTV 1879 München. „Wir fahren oft von Grünwald runter und im Nebenkanal zurück bis zum Vereinshaus. Und die Floßlände ist genau richtig für den Slalom.“ Vereinskollege Hermann Siebold (71) genießt die familiäre Atmosphäre unter den Vereinen, deren Häuser meist Gärten mit Spiel- oder Grillplätzen haben.

Geräte im Freien statt Muckibude

Und eins, und zwei, und drei … Rainer Zola (43) beendet seine Joggingrunde gerne am Trimmdichpfad in den Auen südlich der Eisenbahnbrücke. Dann macht das Fotomodel ein paar Klimmzüge oder mit einem mitgebrachten THX-Band Übungen an einem der vielen Geräte. „Die Geräte hier werden wirklich gut gepflegt – und das ist vor allem im Sommer eine tolle Alternative zum Fitness-Studio. Die Isar ist für Sportler einfach perfekt.“

Traumjob im Gartenidyll

„In diesem Garten zu arbeiten ist mein absoluter Traumjob“, sagt Johanna Malzer (16). „Schade nur, dass ihn noch immer noch zu wenige Münchner kennen.“ Die Auszubildende zur Landschaftsgärtnerin spricht von der städtischen Baumschule Bischweiler zwischen Wittelsbacher und Eisenbahnbrücke, die mit ihrem Rosen-, Flieder-, Duft- und Giftpflanzengarten für Münchner öffentlich zugänglich ist.

Grenzenlos, gigantisch!

Für Gunther Gross und seine Frau Conny liegt das Glück der Erde auf dem Rücken ihrer Pferde. Und am Fluss. „Schon als Kinder waren wir mit den Pferden in der Isar zum Baden“, so der Betreiber des Reitclubs Isartal. Die Isar, sagt der 47-Jährige, „ist meine beste Freundin. Zum Reiten sei es dort „einfach gigantisch“. Flussaufwärts gebe es ja kein Reitverbot und deshalb eigentlich keine Grenzen.

Günstiger Urlaub mit Wohnwagen

„Die Isar ist ganz anders als die Weser oder die Elbe“, sagen Christa (63) und Günter Nehring (70) aus Bremervörde in Niedersachsen. Sie machen Urlaub am Campingplatz Thalkirchen. „Der Fluss ist so ruhig, verzweigt und hat viele kleine Inseln. Ein tolles Freizeitgebiet!“ Aber auch der Campingplatz gefällt ihnen: „Wir zahlen 27 Euro pro Nacht – eine echt günstige Alternative zu den

teuren Stadthotels.“

Bärlauch von den Auen in den Kochtopf daheim

In der Luft über den Auen südlich der Brudermühlbrücke liegt ein würziger Duft: Hier wächst überall Bärlauch, der viele Sammler anzieht. Die Studentin Steffi Kopriva (28), die in der Nähe wohnt und gerne an der Isar grillt, macht daraus gerne eine Kräuterbutter: Einfach Butter aufwärmen, Bärlauch gut waschen und klein schneiden und mit Salz und Pfeffer in die Butter mischen.“ Sie warnt aber: „Den Bärlauch nicht mit Maiglöckchen verwechseln!“

Ohne Isar geht nix

München ohne die Isar? Unvorstellbar für Tom Zilker (35) und seine Mischlingshundedame Flocke. „Die Isar gehört einfach dazu und macht München so lebenswert“, findet der Fotograf. Vor allem, weil sie nicht so stark kanalisiert ist, wie etwa der Rhein. „Mit der Renaturierung hat die Stadt da viel bewirkt.“ Fast jeden Tag zieht es ihn an die „Wilde“. Für Zilker gibt’s nichts Schöneres: „Mitten in der Stadt und trotzdem in der Natur.“ Unschlagbar!

Der Stausteher

Jürgen Wolff (52) gehört zu den vielen Leidgeprüften, die regelmäßig an der Kennedybrücke im Stau stecken. „Ich kenn’s ja gar nicht anders“, sagt der Inhaber einer Reinigungsfirma. Besonders schlimm ist es während des Berufsverkehrs ab dem frühen Nachmittag. „Da stehst dann bis hinter zum Tunnel.“ So oder so: „Ich reg’ mich nicht mehr auf, sonst hätte ich längst ein Magengeschwür.“

Liebe auf den 1. Schritt

Die 20-Jährige Isabel Schwartz ist Neu-Münchnerin und lebt erst seit einem Vierteljahr in der Hauptstadt. In die Isar hat sie sich aber schon am ersten Tag verliebt. „Und seither bin ich mindestens jeden zweiten Tag zum Joggen unterwegs. Wann immer es das Studium zulässt.“ Ein solch‘ wunderschönes Stück Natur inmitten der Stadt: „Toll!“ Und neben der körperlichen Ertüchtigung könne man hier auch noch super die Leute beobachten.

Kneippkur in der „Wilden“

„Erholung pur“ verbindet Herrenschneiderin Ursula Hollung mit der Isar. Seit 30 Jahren lebt die 58-Jährige bereits an und mit der Isar. Sie geht mit den Pflegehunden Artur, Anna und Rosi spazieren, joggt und nutzt sie zum Kneippen. „Sommers wie winters. Einige Leute amüsiert und wundert es sehr, wenn sie uns in der Isar rumstapfen sehen“, sagt die Schneiderin.

Eine Bank als Zuhause

Er wacht auf, wenn die Enten schnattern: Der Obdachlose Bernhard Lorenz (54) schläft seit drei Jahren (auch im Winter!) auf einer Bank am Ufer gegenüber vom Deutschen Museum. „In dieser Ecke ist wenig Trubel und schöne Natur“, sagt Lorenz, der keine Ausbildung hat und nach der Scheidung vor 20 Jahren auf der Straße stand. „Ich mag Unterkünfte nicht. Da sind Alkoholiker und Drogensüchtige – und es ist eng. Hier draußen habe ich meine Ruhe.“

Ein Stück Heimat

„Ich will meiner Tochter Ronja von Anfang an zeigen, dass die Isar zu ihrer Heimat dazugehört“, sagt Studentin Natalie Berner (26). Ronja (2) geht in die Uni-Kita und Mama holt sie immer mit dem Radl ab. Und dann geht’s direkt ab an den Eisbach: „Kiesel schmeißen und Enten schauen.“ Mehr braucht Ronja nicht, um glücklich zu sein. „Sobald sie an der Isar oder einem der Seitenarme ist, ist Ronja einfach zufrieden.“

Rochade am Isarufer

Das Leben ist eine Schachpartie. Zumindest für die zehn bis zwölf Männer, die sich hier jeden Tag zu einer Runde treffen. „Rentner und Arbeitslose, Menschen mit viel Zeit halt“, sagt Klacar Nusrt, der seiner Leidenschaft in jeder freien Minute nachgeht. Die Isar hat er dabei immer in Sichtweite. Eine richtige Szene hat sich hier am Isarufer entwickelt. Schade nur: „Selten, dass mal eine Frau vorbeischaut. Dabei wären weibliche Gegner sehr erwünscht.“

Wohnung im Turm

Wenn nachts die Pforten des Müllerschen Volksbades schließen, ist Robert Schneider (48) der Turmwächter. Der Haustechniker wohnt seit 15 Jahren mit seinen Katzen hier oben auf 74 Quadratmetern. „Ich muss in der Früh für die Arbeit nicht mal eine Jacke anziehen, sondern nur mit dem Aufzug runterfahren.“ Wenn er aus dem Fenster sieht, hat er einen traumhaften Blick über die Isar. „An Silvester steigen wir zur Aussichtsplattform hoch, wo die Glocken läuten.“

Michi Käfer: Isar den ganzen Tag

Schon als Kind ist der kleine Michael Käfer hier herumgestapft. Jetzt als erfolgreicher Gastronom passiert er drei bis vier Mal pro Tag die Luitpoldbrücke, um zwischen seinem Käfer-Stammhaus auf der einen und dem P1 auf der anderen Seite zu pendeln. „Nach der Arbeit gegen 21 Uhr jogge ich hier auch öfter, vor allem im nördlichen Teil.“ Er meint: „Ich mag den Fluss sehr, aber man könnte ihn noch besser beleben.“

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