Fotos, die die letzten sein könnten

Lebensgefährliche Selfies: Wo liegt der Reiz?

München - Es ist ein lebensgefährlicher Trend, dem vor allem junge Mädchen in den Sommermonaten nachgehen: Sie stellen sich auf Bahngleise und fotografieren sich selbst. Meistens zusammen mit der besten Freundin. Ein Jugendforscher erklärt das Phänomen dieser riskanten Selfies.

Sie küssen sich, halten sich fest im Arm, formen mit ihren Händen Herzen – und links und rechts von den beiden Mädchen laufen zwei Bahnschienen. In sozialen Netzwerken wie Facebook und Instagram laden gerade in der Sommer- und Ferienzeit Mädchen Bilder hoch, auf denen sie so zu sehen sind. Es sind ganz oft beste Freundinnen, die der ganzen Welt zeigen wollen, wie fest sie zusammengehören.

„Mädchen vor allem zwischen zwölf und 17 Jahren wählen seit etwa 2007 gerne Bahnschienen als Hintergrundmotiv für ihre Fotos“, erklärt Martin Voigt. Der Jugendforscher und Autor hat an der Ludwig-Maximilians-Universität seine Doktorarbeit „Mädchenfreundschaften unter dem Einfluss von Social Media“ geschrieben. Er hat dabei auch das Phänomen untersucht, dass vor allem Mädchen sich ausgerechnet so einen gefährlichen Ort wie Schienen und Bahntunnel als Kulisse für ihre Bilder suchen. „Als im Jahr 2011 in der Nähe von Memmingen zwei Mädchen – 13 und 16 Jahre – zu dicht an den Gleisen waren, wurden sie von einem Zug erfasst“, erzählt Voigt.

Damals sei von einer Mutprobe die Rede gewesen. „Doch als die Polizei Fotos der beiden Mädchen auf ihren Handys und SchülerVZ-Profilen entdeckte, wie sie zwischen den Schienen posieren, wurde ich hellhörig“, erzählt Voigt. Er rief die Polizei an und stellte die Theorie auf, dass es sich bei diesen tragischen Todesfällen weder um eine Mutprobe noch um Selbstmord handelte, sondern um Selbstdarstellungen der Mädchen im Gleisbett. „Für die Polizei war es vollkommen neu, dass es sich um ein serielles Motiv handelt, das in den Online-Inszenierungen dieser Altersgruppe immer wieder auftaucht“, sagt Voigt.

Die Faszination für das Gleisbett und den Fluchtpunkt der Schienen ist nicht neu. Vor allem Mädchen beleben diese romantische Symbolik – Sehnsucht, Fernweh, Lebensweg – seit einiger Zeit wieder und wollen durch Bilder im Gleisbett ihre unzertrennliche Freundschaft dokumentieren. „Auch Bahnschienen laufen parallel als ein Paar, das sich niemals trennt, “ erklärt Voigt.

Das Motiv „Menschen auf Gleisen“ wird und wurde auch häufig in der Werbung und bei Kunstbildern gewählt. „Die Mädchen ahmen das nach“, berichtet Andrea Seefelder. Sie ist seit etwa eineinhalb Jahren Präventionsbeauftragte der Bundespolizei München. Seefelder geht zusammen mit anderen Beamten in Schulen und warnt vor der Gefahr von Gleisen und Bahnanlagen. Außerdem lädt sie Jugendliche, die sich selbst in oder an Gleisen fotografiert haben, und deren Eltern zur Polizei ein. „Die Teenager realisieren oft nicht, dass Gleise für Werbe- und Kunstfotos immer abgesperrt werden“, berichtet Seefelder. Sie wollen ein schönes Bild und sind sich der Gefahr durch Züge nicht bewusst.

Das bestätigt auch Martin Voigt: „Die besten Freundinnen, die Selfies von sich auf Gleisen machen, wollen sich nicht das Leben nehmen.“ Das gilt wohl auch für das elfjährige Mädchen, das diese Woche in Baden-Württemberg von einer Brücke vier Meter in die Tiefe gesprungen ist – nur um ein möglichst spektakuläres Foto von sich selbst zu schießen. Das Kind kam mit schweren Wirbelsäulen-Verletzungen in ein Krankenhaus.

Die Selfie-Mädchen seien laut Voigt fast ausschließlich lustig und lebensbejahend. Allerdings seien sich die Jugendlichen der suizidalen Komponente durchaus bewusst, die die Bilder transportieren. Die Botschaft soll lauten: „Auch wenn jetzt ein Zug kommen würde, ich würde deine Hand nie loslassen und wenn er uns erwischen würde, ich wäre froh, bei dir zu sein.“

Die Bilder, manchmal auch Videos, werden dann über die sozialen Medien der ganzen Klasse präsentiert. „Die Mädchen wollen damit sagen: Schaut her, ich bin beliebt, ich gehöre dazu,“ berichtet Martin Voigt von seinen Forschungsergebnissen. „Im Grunde geht es darum, dramatisch-schöne Mädchenfreundschaften zu inszenieren“, sagt der Münchner. Gleisbett-Fotos würden da gut ins Bild passen. Natürlich sei dieser Trend erst durch Smartphones und soziale Medien in diesem Ausmaß möglich geworden. Was heute Selfies mit der „Allerbesten“ sind, waren früher die Bilder aus den Fotoautomaten am Bahnhofs-Zwischengeschoss.

Eine „neue Qualität“ der Bilder in Gleisnähe hat Andrea Seefelder Ende Mai registriert. Während die meisten Jugendlichen mit ihren Smartphones Bilder von sich selbst schießen, gingen an einem sonnigen Mai-Abend zwei Mädchen, ausgerüstet mit mehreren Taschenlampen, einer Digitalkamera und einem Stativ in einen Eisenbahntunnel an der Schwanthalerhöhe. Die 17- und 13-jährigen Mädchen wollten Fotos von sich machen. Die Ältere ist laut Polizei eine passionierte Hobbyfotografin, die die speziellen Lichtverhältnisse im Tunnel für besondere Bilder mit der Freundin nutzen wollte. Dass dort Regionalzüge und S-Bahnen fahren, war den Mädchen nicht bewusst.

„Die meisten sagen später bei einem Gespräch: „Wir passen ja auf“, „Wir hören doch, wenn der Zug kommt“ oder „So weit haben wir nicht gedacht“, berichtet Andrea Seefelder. Das sei jedoch ein im schlimmsten Fall lebensgefährlicher Irrtum. „Wenn die Jugendlichen sich auf die Bilder konzentrieren, haben sie die Umgebung schnell nicht mehr im Blick,“ sagt die Beamtin. Zudem sei bei Jugendlichen zwischen zwölf und 14 Jahren das periphere Sehen noch gar nicht ganz ausgeprägt. Sie könnten sozusagen nicht „aus dem Augenwinkel“ sehen, wenn eine Gefahr, in diesem Fall ein Zug, kommt.

„Sich am Fahrplan zu orientieren ist natürlich auch wahnsinnig riskant,“ sagt Bundespolizei-Sprecher Wolfgang Hauner. Denn es fahren auf den Gleisen immer auch Sonder- und Güterzüge, die nicht in Fahrplänen für den Personenverkehr stehen. Gerade in München seien sehr viele Bahn-Anlagen verkauft. Manche Jugendliche gehen sogar fest davon aus, dass Züge Verspätungen haben. „Neulich haben junge Leute, die sich in Gefahr gebracht haben, gesagt, sie hätten niemals damit gerechnet, dass die Bahn pünktlich kommt“, sagt Hauner.

Mit Alltagserfahrungen, so warnt die Polizei, sei die Gefahr an Bahngleisen auch nicht zu erfassen. Ein Zug, der sich mit 160 Stundenkilometern nähert, braucht für 100 Meter nur 2,25 Sekunden. Sein Bremsweg beträgt oft mehrere hundert Meter. Selbst bei Windstille würde man den Zug zu spät hören. Zudem seien moderne Züge sehr leise.

Etwa 300 Mal sind nach Angaben von Andrea Seefelder im vergangenen Jahr „Personen im Gleis“ registriert worden, die eine Unterbrechung des Zugverkehrs nach sich zogen. Dabei würde allerdings nicht unterschieden, ob es sich um Jugendliche handelte, die Selfies machten, Betrunkene, Menschen, die eine Abkürzung nehmen wollten oder aus Versehen ins Gleis geraten sind. Die Präventionsgespräche nach Selfies im Gleisbett haben dieses Jahr jedoch weiter zugenommen. Im Jahr 2014 führte die Polizei zehn Gespräche, heuer waren es bis Ende Juli bereits 14.

Die Lokführer würden laut Hauner immer sofort melden, wenn sie Menschen im Gleis wahrnehmen. Umgehend würde die Polizei dann den Zugverkehr stoppen und die Gleise absuchen. „Zum Glück gab es wegen der Fotos auf Gleisen in München zuletzt keinen tödlichen Unfall.“ Wer auf Schienen Fotos macht, riskiert empfindliche Strafen. 25 Euro kostet es, wenn der Bahnverkehr nicht unterbrochen werden muss. „Wenn ein Zug bremsen muss, handelt es sich bereits um eine Straftat wegen gefährlichen Eingriffs in den Bahnverkehr“, sagt Seefelder. Jede Minute Verspätung, die ein Mensch im Zugverkehr verursacht, kostet theoretisch 7,73 Euro.

Eltern, die sich und ihren Kindern dieses Bußgeld ersparen wollen, gibt Seefelder den Tipp, sich Bilder auf Smartphones des Nachwuchses zeigen zu lassen. „Erwachsene sollten fragen, wo die Kinder genau unterwegs sind.“ Außerdem sollten sie sich von Jugendlichen deren Profile in den sozialen Netzwerken zeigen lassen. So könnten Eltern sofort reagieren, wenn sie Fotos finden, bei denen sich Jugendliche in Gefahr gebracht haben.

Die 17-Jährige, die mit ihrer Freundin in den Eisenbahntunnel an der Schwanthalerhöhe gegangen ist, hat ihren gefährlichen Ausflug zutiefst bereut. Sie war mit ihren Eltern bei einem Präventionsgespräch in den Räumen der Bundespolizei. „Ich habe das Leben meiner 13-jährigen Freundin aufs Spiel gesetzt, obwohl ich älter als sie bin und somit die Verantwortung tragen sollte“, schrieb sie in einem Entschuldigungs-Schreiben. Sie habe nicht nur ihr eigenes Leben ohne Not riskiert, sondern das ihrer Freundin ebenfalls. Das Mädchen schreibt weiter, es habe durch sein „rücksichtsloses Verhalten“ viele Menschen gefährdet und hätte einen großen Unfall auslösen können. „Ich habe meine Lektion gelernt“, so die 17-Jährige, „und werde so etwas nicht mehr tun“.

Rubriklistenbild: © Nachgestellte Szene: Bundespolizei

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