Lebensgefahr? Neue Pille verunsichert Münchnerinnen

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Soll ich die Pille wechseln? Viele Frauen sind besorgt.

München - Sie versprechen, gegen Pickel zu helfen und nicht dick zu machen. Sogar das Gegenteil wird in Aussicht gestellt: Es geht um die Mode-Antibabypillen der vierten Generation.

 Jetzt sind Zweifel aufgekommen: Begibt sich die Frau, die sich für eines dieser Präparate entscheidet, möglicherweise in tödliche Gefahr? Sieben Frauen, die Pillen aus der Yasmin-Serie von Bayer genommen haben, sind seit 2001 gestorben. Ausländische Studien behaupten, das Thrombose- und Embolie-Risiko sei hier stark erhöht. Jetzt prüfen die Behörden.

Seit Wochen bekommt Oberärztin Sabine Anthuber Mails von Münchner Frauen, die verunsichert sind. In den Sprechstunden fragen die Patientinnen: „Muss ich jetzt die Pille wechseln? Ist meine Pille lebensgefährlich?“ Unter Verdacht stehen Präparate mit dem Wirkstoff Drospirenon, die seit dem Jahr 2000 auf dem Markt sind: Das sind unter anderem die Produkte Yaz, Yasmin, Yasminelle, Aida und Petibelle. Ihnen wird nachgesagt, dass sie helfen, weniger Wasser einzulagern. „Es ist biochemisch logisch, dass das Blut dadurch eindickt“, erklärt Gynäkologe Norbert Pfützenreuter. Laut britischen Wissenschaftlern ist die Embolie­gefahr damit doppelt so hoch: Es bildet sich ein Blutgerinsel, das in die Lunge gelangen und die Gefäße verstopfen kann – Lebensgefahr!

In den USA werden die verdächtigen Pillen nur unter strengen Auflagen verkauft. In den Niederlanden riet der Verband der Allgemeinmediziner 2002 von der Verschreibung ab. Zuvor war eine 17-Jährige an einer Venenthrombose gestorben. In der Schweiz hat Bayer Ende Mai einem Mädchen, dass nach einer Embolie schwerbehindert ist, nun 200 000 Franken gezahlt. Das deutsche Bundesinsitut für Arzneimittel und Medizinprodukte registriert seit 2001 sieben Todesfälle, die „im Zusammenhang mit Yasmin oder der Wirkstoffkombination von Yasmin zusammenhängen. Die Fachzeitschrift Arznei-Telegramm hat 40 Berichte zu Thrombosen erfasst. Einige Betroffene sollen nicht geraucht haben oder zu dick gewesen sein. Was ist dran?

Das Schweizer Institut Swissmedic, das erst vor den Präparaten warnte, gelangte letzte Woche nach einer Untersuchung zu der Erkenntnis, sie seien doch nicht gefährlicher sein als andere Pillen, auch das deutsche Bundesinstitut beruhigt. Experte Pfützenreuter: „Panikmache wäre falsch, das ganze kann, wie so oft bei neuen Produkten, auch eine gezielte Kampagne sein.“ Fakt ist, dass Bayer – wohl gerade wegen der Werbung mit dem „Schlank-Effekt“ – mit den relativ teuren Pillen allein 2008 rund eine Milliarden Euro Umsatz gemacht hat. Vom Markt muss Bayer die Pillen wohl nicht nehmen.

Ganz ausgeräumt sind die Zweifel aber nicht. Offenbar nicht einmal bei Münchner Ärzten, wie Ina Schulze-Sfeliniotis von der Fidelio-Apotheke berichtet. „Seit August haben wir so gut wie keine Rezepte mehr von Frauenärzten bekommen, die diese Produkte verschreiben.“ Auch Frauenarzt Pfützenreuter rät Patientinnen, die verunsichert sind, bis zur endgültigen Klärung auf Pillen mit anderen Wirkstoffen umzusteigen. Kollegin Anthuber sieht aber auch einen Wechsel kritisch, da in der Umstellungsphase wieder ein erhöhtes Thrombose-Risiko bestehe. „Die Gefahr von Komplikationen ist im ersten Jahr der Einnahme prinzipiell höher. Wer diese Präparate schon länger nimmt, ist wohl besser beraten, nicht zu wechseln.“

Swissmedic kommt zu dem Schluss: Frauen mit einer genetischen Veranlagung oder Übergewicht sowie Raucherinnen sollten besonders vorsichtig sein.

Nina Bautz

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