Leerstandsmelder 089

Unfassbar! Diese Häuser stehen in München leer

München - Wohnen in München droht immer mehr ein Luxusgut zu werden. Immer mehr Menschen drängen in die Stadt, der Wohnungsbau hält nicht Schritt. Die Nachfrage ist zigfach höher als das Angebot. Dennoch stehen in München Hunderte Wohnungen leer.

Ein schier unglaublicher Zustand, dem das „Bündnis für bezahlbares Wohnen“ nicht mehr länger tatenlos zuschauen will. Anfang Juli ging die Homepage www.leerstand089.de online. Jeder, der weiß, dass irgendwo eine Wohnung oder gar ein ganzes Haus leer steht, kann dies auf der Homepage melden (so funktioniert's!). Diese Meldungen werden allerdings nicht einfach ungeprüft veröffentlicht, sondern erst von einem Team ehrenamtlicher Mitarbeiter bearbeitet. Diese schauen vor Ort selbst nach, reden mit Nachbarn, Bezirkspolitikern und auch den Besitzern und Vermietern. „Uns geht es nicht darum, einfach einen Internet-Pranger zu erstellen, sondern die Interessen von Besitzern und potenziellen Bewohnern unter einen Hut zu bringen“, erklärt Lisa Rüffer von Leerstand089. Die tz stellt hier einige Häuser vor, die bei Leerstand089 auf dem Prüfstand stehen.

Pilotystraße 8: Die Stadt ließ dieses Anwesen jahrelang leer stehen. Die Satire-Aktivisten von „Goldgrund“ machten 2013 mit einer Kunstaktion im Gebäude darauf aufmerksam. Nun saniert die Stadt das Haus, das Teil einer Stiftung ist. Deshalb hat Leerstand089 das Haus jetzt auf grün gestellt: „Leerstand behoben“.

Herzogstraße 49: Im Herbst 2014 wurde das Haus aus der Jahrhundertwende neben dem neuen Supermarkt abgerissen. Seitdem entsteht hier laut Angaben des Architekturbüros „Schluchtmann Architekten“ ein Mehrfamilienhaus mit Tiefgarage. Im geplanten Erdgeschoss, den vier Etagen und dem Dachgeschoss sollen 24 Einzelwohnungen entstehen. Das sind acht Wohnungen mehr als zuvor. Bauherr ist die „Herzog Immobiliengesellschaft GmbH“.

Baldestraße 12: 1996 hat die Stadt das Objekt als unbewohnbar und nicht wirtschaftlich sanierbar bewertet. Saniert wurde trotzdem: Seit 2014 werden sämtliche Wohnungen nach einem „Wohnen auf Zeit“-Konzept vermietet: 16 teilmöblierte Ein- und Zweizimmerwohnungen für Firmenmitarbeiter.

Weinbauernstraße 16: Das Mehrfamilienhaus steht seit 2010 leer, 2013 war noch eine Wohnung bewohnt. Es gehört der städtischen Sanierungstochter MGS (Münchner Gesellschaft für Stadterneuerung). Die will das Vorderhaus durch einen Neubau ersetzen. Laut MGS wurde eine Bauvoranfrage gestellt, die noch läuft.

Schwanthalerstraße 119: Das „Döner-Haus“ ist das Sorgenkind im Westend: Taubenschlag, zerbrochene Scheiben, beschmierte Wände. Im Oktober 2013 nahm die Lokalbaukommission einen Antrag für den Neubau eines Wohnhauses mit Hotel, Gastronomie und Tiefgarage an. Die Genehmigung gilt bis Ende 2017. Seither ist nichts passiert.

Klenzestraße 105: An der Isar steht dieses schöne Eckhaus von 1896, das man damals in Formen der Deutschen Renaissance mit Klinker-Steinen und Fassadenstuck errichtet hatte. Im ersten Stock steht hier, so melden es Nachbarn, seit über zwei Jahren eine 140 Quadratmeter große Wohnung leer, zuletzt lebte eine alte Dame dort. Die Hausverwaltung war für eine Stellungnahme bislang nicht erreichbar.

Karlstraße 20 und 22: Die Häuser wurden 1828 vom Architekten Rudolf Röschenauer im klassizistischen Stil erbaut, die NSDAP hatte sie 1934 erworben. In der Nummer 20 war die „Reichspropagandaleitung der NSDAP“ untergebracht, in der Nummer 22 die „Reichsstudentenführung der NSDAP“ und die „Schiedsabteilung des Reichsschatzmeisters. Die Immobilien Freistaat Bayern (IMBV), die Verwaltung der staatseigenen Immobilien, bestätigt auf Anfrage von Leerstand089 im Juli 2015, dass die Gebäude seit mindestens 2008 leer stehen, vermutlich noch wesentlich länger. Zuletzt waren sie von Behörden des Freistaates genutzt worden. 2009 wurde eine Sanierung beschlossen, um die Häuser für das Innenministerium zu nutzen. Es stellte sich heraus, dass eine Sanierung extrem teuer würde, die Pläne wurden 2012 fallen gelassen. 2014 plante die IMBV, das Anwesen innerhalb der nächsten fünf Jahre „durch Verkauf oder Vergabe im Erbbaurecht zu verwerten“. Gemeinsam mit der von den Stadtwerken auf dem Nachbargrundstück geplanten Wohnbebauung sollen die Häuser für Wohnzwecke saniert werden.

Holzapfelstraße 10: Im Bezirksausschuss sowie in der ganzen Nachbarschaft schüttelt man den Kopf: Schon seit über zwei Jahren steht dieses Eckhaus an Schwanthaler- und Holzapfelstraße im Westend zumindest teilweise, wenn nicht ganz leer. Es beherbergte einst den „Schnitzelwirt“ und eine Hofbräu-Boazn. Die Wohnungen in den drei Obergeschossen und dem Dachgeschoss sind, so wie man es von der Straße sehen kann, verwaist.

Rothmundstraße 9: Im Moment nutzt Condrops das Haus, dort wohnen junge Flüchtlinge. Die werden dort voraussichtlich bis Frühjahr 2017 bleiben. So lange dauert es, bis die vom Sozialausschuss beschlossene Sanierung beginnen kann. Voraussichtlich dauern Umbau und Sanierung bis Frühjahr 2018. Die Stadt macht dafür 2,44 Millionen Euro locker. So soll bezahlbarer Wohnraum entstehen. In dem Stiftungshaus standen lange Wohnungen leer.

Schubertstraße 8: Das Haus an der Schubertstraße 8 ist ein denkmalgeschütztes Gebäude unweit der Wiesn. Das Wohnhaus wurde 1894/95 nach Plänen des Architekten Wilhelm Spannagel errichtet. Das im Stil der „Deutschen Renaissance“ erbaute Gebäude ist reich gegliedert und dekoriert. Derzeit steht das Gebäude leer, es sollen jedoch Büros und Mietwohnungen darin entstehen. Im Hinterhof sollen Aufzüge gebaut, zudem sollen Balkone angebracht werden. Eine Baugenehmigung wurde nach Recherchen von leerstand089 im Februar 2014 erteilt. Zudem wurde eine Nutzungsänderung von vier Wohnungen zu Büros genehmigt. Der imposante Bau soll in den vergangenen acht Jahren vier Mal den Besitzer gewechselt haben. Der heutige Eigentümer, ein Privatier, soll das Gebäude Anfang des Jahres für rund 13 Millionen Euro von einem Ukrainer erworben haben.

Robert-Koch-Straße 11: Das zweistöckige Haus an der Robert-Koch-Straße 11 im Lehel steht unter Denkmalschutz. Laut leerstand089.de ist es unklar, ob das verfallen wirkende Haus komplett leersteht. Angeblich gehört das Gebäude einer älteren Dame, die wohl ab und zu das Haus zum Übernachten nutzt.

Adalbertstraße 31: Das Baudenkmal an der Adalbertstraße 31 steht seit 2011 komplett leer. Die Eigentümerin hat Bauabsichten, zumindest hat sie heuer einen weiteren Antrag auf einen Dachgeschoss-Ausbau mit Aufzug sowie einem Neubau eines Rückgebäudes gestellt, dem der Bezirksausschuss zugestimmt hat. Ein erster Antrag auf Aufstockung des Dachgeschosses scheiterte am Denkmalschutz.

Geyerstraße 17: Seit über 30 Jahren steht dieses Haus an der Geyerstraße im Glockenbachviertel leer. Das Haus ist so verfallen, dass die Stadt ein „Negativattest“ ausgestellt hat. Das bedeutet: Die Besitzer müssen es nicht mehr vermieten. Ansonsten müssten sie nämlich eine Geldbuße bezahlen. Es gab eine Baugenehmigung für knapp 20 Wohnungen, die 2008 auslief. Die Besitzer wollten noch mehr Wohnungen bauen. Abgelehnt.

Kesselbergstraße 10: Dieses Mietshaus in Giesing hat viel zu erzählen: Von einem Architekten Franz Popp 1910 im Jugendstil erbaut, überstand es den Zweiten Weltkrieg mit einem Bombentreffer im Dachgeschoss, das darum vereinfacht nach dem Krieg wieder aufgebaut wurde. Die Hausbewohner erzählen sich heute noch, dass hier der 1949 verstorbene Humorist Weiß Ferdl gelebt und in seiner Wohnung mit seinem Freunden gekegelt haben soll. 2004 wurde hier der Rentner Johann R. (78) von einem jungen Mann ermordet. Der Senior hatte im Krieg auf einem U-Boot in Norwegen gekämpft und wollte dem jungen Mann eine Munitions-Kiste schenken, die seit dem Krieg im Keller geschlummert hatte. Nachbarn berichten, dass in dem Haus sechs Wohnungen leer stehen. Eine schon seit 2005, die letzte seit vergangenen Winter. „Bis vor eineinhalb Jahren hatte da Haus einem Italiener gehört, der hatte die Miete bekommen und uns in Ruhe gelassen, wir hielten das Haus selbst in Schuss“, erzählt eine Mieterin. Die neuen Besitzer haben die Miete um 15 Prozent erhöht. Jetzt soll das Haus luxussaniert werden. Im Dachgeschoss sind Galeriewohnungen geplant, außerdem ein Aufzug. Die baufälligen Balkone sollen erneuert werden. Ob die Wärmedämmung auf die Putzgliederung im geometrisierenden Jugendstil genehmigt wird, ist unklar. Die Mieterhöhung nach dem Umbau: 250 Euro pro Mieter!

Brunnstraße 4: Für das Grundstück liegt eine Baugenehmigung vor, die den Neubau einer Wohnanlage mit Tiefgarage und Restaurant vorsieht. Die Fassade soll zum Teil erhalten werden, Stichwort: Altstadt-Ensemble. Für die Baustelle im Innenhof müsste aber der Durchgang aufgeweitet werden. Das Problem ist die Statik des Hauses.

"Die Melder rennen  uns die Bude ein"

Wie läuft es mit dem Leerstandmelder? Die tz sprach mit den Machern:

Wie ist denn die Resonanz auf Leerstand089?

Sie sind die Leerstandsmelder (v.l.): Max Brandl, Lisa Rüffer, Magnus Hartl und Max Heisler.

Max Heisler: Wir waren total überrascht, wie uns die Münchner quasi die Bude eingerannt haben: Kurz nachdem wir online gingen, rasselten die Meldungen ein, insgesamt haben sich bei uns 300 Münchner mit Leerständen gemeldet. Und viele haben sich einfach gefreut, dass wir dieses Ärgernis anpacken.
Und all diese Leerstände sind schon in eurer Karte aufgenommen worden?
Lisa Rüffer:
Es gab Meldungen, die wir nach kurzer Überprüfung als unschlüssig streichen mussten, es gab auch an die 50 Doppelmeldungen. Wir haben jetzt so an die 200 Leerstände online, die wir überprüfen. Das ist für uns Ehrenamtliche natürlich eine enorme Herausforderung.

Wie viele Leute machen denn diese Arbeit?

Max Brandl: Wir haben neben dem vierköpfigen Führungsteam acht Reseracher, die sich jetzt erst mal vor Ort selbst ein Bild machen, ob die Leerstände tatsächlich der Wahrheit entsprechen. Wir würden uns freuen, wenn sich bei uns noch mehr Leute melden würden, die Lust darauf haben, ehrenamtlich mitzuhelfen, die Leerstände zu überprüfen. Wir suchen übrigens auch noch Programmierer für Front- & Backend-Entwicklung, um die Homepage weiterentwickeln zu können.

Was sagt denn die Politik zum Projekt Leerstand089? 

Heisler: Wir haben mit den kleinen Parteien im Rathaus schon geredet, die finden uns gut. Einen Termin mit der SPD haben wir noch, die CSU hat sich leider auf die Bitte um ein Treffen nicht gemeldet, obwohl der Leerstand der städtischen Immobilien eines ihrer großen Wahlkampthemen war.

Rüffer: Unser Ziel ist es, dass der Leerstandsmelder mittel- bis langfristig ein Projekt wird, das über Zuschüsse der Stadt finanziert wird. Wir wollen ja helfen, ungenutzten Wohnraum wieder an Menschen zu vermitteln. In den Bezirksausschüssen haben wir da schon ganz positive Reaktionen erlebt. Wir wollen nicht, dass wir in parteitaktischen Winkelzügen versinken.

Und was sagen die Datenschützer zu dem Projekt?

Heisler: Wir haben jetzt das Okay des obersten bayerischen Datenschützers bekommen. Wir stellen ja wirklich nur Leerstände online, die wir eingehend geprüft haben. Daten von Privatpersonen veröffentlichen wir nicht ungefragt.

Johannes Welte, Tobias Scharnagl, Jacob Mell

Auch interessant

Mehr zum Thema:

Meistgelesen

MVG-Offensive: So soll der Nahverkehr besser werden
MVG-Offensive: So soll der Nahverkehr besser werden
Bus-Streik in München: Das erwartet Fahrgäste am Dienstag
Bus-Streik in München: Das erwartet Fahrgäste am Dienstag
Miriams Samen-Streit vor Gericht: Jetzt herrscht wohl Gewissheit
Miriams Samen-Streit vor Gericht: Jetzt herrscht wohl Gewissheit
Feueralarm im Kiesselbach-Tunnel: Mega-Stau auf dem Ring
Feueralarm im Kiesselbach-Tunnel: Mega-Stau auf dem Ring

Kommentare